Clara Trischler| BKA Startstipendiatin 2016
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Clara Trischler| BKA Startstipendiatin 2016

November 2016

„Es ist wichtig, seinen Ort zu finden“


„Genau wie du selbst ja auch, sind die Menschen in deinen Filmen immer auf Reisen“, sage ich zu Beginn des Gesprächs zu Clara Trischler. Und ärgere mich gleich darauf, weil es nun wirklich das Offensichtlichste ist, was man über ihre Filmarbeiten sagen kann. Aber Clara sieht mich überrascht an: „Wirklich? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagt sie nach einer Weile und lacht erfreut. Ein Portrait über eine Weltenbummlerin, die die Frage treibt, wo man sich zu Hause fühlt.

Clara Trischler ist gerade übers Wochenende in Wien, um einen Workshop der Regisseurin Tizza Covi zu besuchen. In wenigen Stunden geht der Nachtbus zurück nach Berlin. Dort studiert sie an der Filmuniversität Konrad Wolf Dokumentarfilm-Regie. Davor hat sie an der Filmakademie Wien den Bachelor in Buch und Dramaturgie gemacht. In diese Zeit fällt auch ihr Auslandsjahr am Instituto Universitario Nacional del Arte in Buenos Aires, Argentinien. Dann gab es noch das Jahr, in dem sie im Holocaust Resource Center in Jerusalem, Israel, gearbeitet hat. Außerdem einen längeren Aufenthalt am European Film College in Dänemark, Jobs als Produktionsassistentin in New York und ein Jahr beim Europäischen Freiwilligendienst in England.

“Ich arbeite einfach gerne”, kommt die Erklärung von Clara. Welchen Ort sie als ihr Zuhause ansieht, frage ich die gebürtige Wienerin. „Hm, schwer zu sagen“, antwortet Clara.

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Unterwegs in Palästina. Clara Trischler bei den Drehvorbereitungen zu ihrem Dokumentarfilm Das erste Meer (Foto: Agnes Prammer).

„Es ist eine sehr lehrreiche Sache, das Reisen“, erklärt die 30-Jährige. „Es ist eine Herausforderung, sich in diesen unsicheren Raum zu begeben, wo man immer wieder aufs Neue ganz basische Sachen hinterfragen muss: Wie man lebt, wie man Probleme löst, ob das nicht auch anders geht. Wie man Menschen und Orte für sich entdeckt. Das ist auch sehr vergleichbar mit dem Dokumentarfilm-Machen: dass man Schritt für Schritt eine neue Lebenswelt kennenlernt. Neue Orte genauso wie neue Fragestellungen.“

Dass sie erst im Alter von 23 Jahren an die Filmakademie kam – sie hatte schon mit 16 von dem Studium gehört, nachdem sie beim Medienzentrum Wien schon viele Kurzfilme realisierte –, ist vermutlich auch diesem Erfahrungsdrang geschuldet. „Die Filmakademie hätte vermutlich sogar noch später sein können. Es war wichtig für mich, in Israel zu leben und überhaupt alleine an anderen Orten, um mehr Gespür zu bekommen für die Leben anderer Menschen und wie ich darüber erzählen könnte.“

Ein Interesse am dokumentarischen Festhalten hatte sie schon im Jugendalter, erinnert sich Clara: „Ich habe mit 14 Jahren eine kleine Hi8-Kamera bekommen und angefangen, ‚everyday footage‘ aufzunehmen, wie ich das bei Robert Frank gesehen habe, und jeden Tag ein bisschen zu filmen und auch mit Tongeräten Gespräche aufzunehmen – als Vorlage für Dialoge, um ein bisschen zu recherchieren, wie Menschen wirklich sprechen.“

„Und am nächsten Tag landet man beim Schafe-Schlachten“

Weltoffen, kontaktfreudig, interessiert – mit diesen Eigenschaften bringt Clara Trischler die besten Voraussetzungen für dokumentarisches Filmschaffen mit.

Begonnen hat sie auf der Filmakademie jedoch mit Spielfilmen: Kurzfilme und Drehbücher, die dann andere verfilmt haben. Auch aktuell schreibt sie an zwei Spielfilmdrehbüchern, und ihr nächster Film wird ebenfalls fiktive Elemente in sich tragen.

„Wenn man ein Drehbuch für einen Spielfilm schreibt, ist der anschließende Dreh relativ vorhersehbar. Beim Dokumentarfilm gibt es gerade während dem Dreh noch vieles zu entdecken. Da kann man wenig planen. Da wird man einmal auf eine Hochzeit eingeladen und am nächsten Tag landet man beim Schafe-Schlachten. Und das Drehbuch entsteht dann erst im Schnitt. Diese Art des Arbeitens entspricht mir sehr. Das betrifft aber einfach den Prozess, also das Regieführen, das mich im Dokumentarfilm sehr reizt. Ich suche dasselbe auch in Spielfilmen. Am Interessantesten finde ich die Schnittstelle: Spielfilme, die so wahrhaftig, so glaubwürdig sind, dass sie Dokumentarfilme sein könnten, und Dokumentarfilme, die so intensiv sind, dass sie fiktiv wirken. Ich liebe zum Beispiel die Arbeitsweise von Andrea Arnold.“

Claras erster langer Dokumentarfilm, Das erste Meer (2013, 60 min), war aber kein geplanter Karriereschritt, sondern Zufall.

„Das Politische ist eher das Hintergrundrauschen.
Mir geht es vor allem um die einzelnen Menschen“

„Ich hatte mich am Holocaust Institut in New York beworben, bin dort aber nicht genommen worden, sondern in Jerusalem. Ich habe damals nicht viel über Israel gewußt, aber auch keinen Grund gehabt, nicht hinzufahren. Also habe ich es gemacht und bis heute nicht bereut: Ich war zum ersten Mal in einem Land, in dem es Krieg gibt. Die Menschen, die ich da kennengelernt habe, haben mich sehr beeindruckt.“

In Jerusalem beginnt Clara, Berichte über das dortige Alltagsleben für den Radiosender FM4 zu schreiben. Einer dieser Texte beschreibt die Tagesausflüge ans Meer, die israelische Frauen für palästinensische Kinder organisieren. Denn das von Israel kontrollierte Palästina ist zwar nur 40 Kilometer vom Mittelmeer entfernt, das Überschreiten der Grenze dorthin ist den Menschen jedoch untersagt. Viele Kinder haben das Meer noch nie gesehen.

„Ich fand es so schön, dass da Israelis und Palästinenser, inmitten all der Konflikte friedlich, in ihren Badeanzügen und unbewaffnet im Meer stehen und einen Tag miteinander verbringen.“ Zurück in Wien beschließt Clara, einen Film darüber zu drehen. Dann ging alles ganz schnell und war „super-improvisiert“, wie Clara heute erzählt.

„Mit Kamera-Equipment nach Israel einzureisen ist schon mal nicht so einfach und nach Palästina zu fahren noch weniger“, erinnert sie sich. „Ich kannte einige der israelischen Frauen und wir haben bei irgendwelchen Leuten auf Matratzen geschlafen. In Palästina haben uns die Menschen am ersten Abend nur Videos von Auseinandersetzungen mit den israelischen Soldaten gezeigt und gemeint: mit den Israelis machen wir sicher nichts gemeinsam. Da wußte ich erstmal nicht, wie weitermachen. Aber dann dachte ich mir, das ist vielleicht auch interessant: Wir zeigen Leute, die diesen gemeinsamen Ausflug ans Meer machen, und andere, die dagegen sind.“

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Clara und Kameramann Jakob Fuhr bei den Dreharbeiten (Foto: Elisabeth Weydt).

Claras Arbeit an einem Projekt beginnt immer mit dem Schreiben von Texten und dem Sammeln von Material. Mood Boards, also visuelle Stimmungsbilder, sind ihr dabei besonders wichtig. Diese Bilder sind es auch, die später den Leitfaden für den Kameramann bilden. „Ich mag es, wenn man in den Bildern zuerst etwas spürt, noch ohne genau zu wissen, was, und sich dann Schritt für Schritt die Geschichte entfaltet“, meint Clara. „Im Zentrum stehen für mich die Figuren. Wie man ihre Charaktere darstellen kann, ohne konventionell zu sein.“

Der Film lebt von Claras Nähe zu ihren Protagonisten und ihrem Interesse an deren Geschichten. Dass sie dabei auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet, ist gerade vor dem Hintergrund des nicht einfach zu fassenden Israel-Palästina-Konflikts ein gelungenes Meisterstück.

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Bewegende und bewegte Familiengeschichte: Still aus dem Kurzdokumentarfilm Zuhause ist kein Ort (Foto: Anna Hrabovec).

Zuhause ist kein Ort (2015, 14 min) ist Claras zweite Regiearbeit und hat in diesem Jahr bei der Diagonale in Graz den Preis für den besten Kurzdokumentarfilm gewonnen. Clara erzählt darin die Lebensgeschichte einer slowakischen Kleinfamilie, ihrer Großeltern und ihrer Mutter, die in den Wirren des Prager Frühlings 1968 ihre Heimat verlassen und zuerst in Ostpakistan, dann in Kenia leben, bevor sie in Österreich landen und sich zwischen einem Leben in Freiheit und dem Wiedersehen mit der Familie entscheiden müssen.

In Zuhause ist kein Ort hat Clara die Super8-Filme ihrer Großeltern aus den 1960er und -70er Jahren zu Interviews mit den beiden nun alten Menschen montiert. „Ich bin eigentlich kein Fan von talking heads, aber wenn man mit 88-jährigen Menschen arbeitet, merkt man schnell, dass es nicht funktioniert, sie in der Küche in kleinen Szenen zu inszenieren. Einfach weil sie nicht mehr so lange stehen können. Also habe ich sie aufs Wohnzimmersofa gesetzt und dort mit ihnen gesprochen“, erklärt Clara. Die Erzählungen von Oma und Opa über die kommunistische Tschechoslowakei und ihre Flucht in ferne, für sie exotische Länder, leben von der intimen Beziehung zur Enkelin.

Ob sie sich als politische Filmemacherin sieht? „Ich glaube, das Politische ist eher das Hintergrundrauschen. Mir geht es vor allem um die einzelnen Menschen. Aber als Thema ist es mir schon wichtig, was äußere Umstände – auf die wir ja keinen Einfluss haben – mit uns machen. Wie sich das auf unsere Biografien, unsere Entscheidungen, letztlich auf unsere Freiheit auswirkt. Und das sind halt immer politische Umstände.“

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Bei der Preisverleihung (Bester Kurzdokumentarfilm) auf der Diagonale 2016 in Graz, zusammen mit Maria Luz Olivares Capelle (Bester Kurzspielfilm) (Foto: Diagonale / Raneburger).

An einer neuen Erzählform arbeitet Clara mit ihrem aktuellen Projekt. In Urlaub als Exil wird es erneut um Familien in ehemaligen kommunistischen Ländern gehen. Es wird auch wieder ein Dokumentarfilm. Obwohl: nicht ganz.

„Ich mag das Authentische. Aber auch das hat seine Grenzen. Als ich zum Beispiel in Israel gedreht habe, war ich teils als Journalistin dort und teils als Regisseurin. Als Regisseurin kannst du nur das verwenden, was die Kamera aufnimmt. Aber die schönsten Geschichten passieren oft, wenn die Kamera nicht läuft. Oder all die Sachen, die man nicht filmen darf, aber miterlebt. Oder man war nicht dabei, sondern bekommt es nur erzählt. Als Journalistin bin ich da viel freier und kann von allem berichten.“

Deshalb wird Clara Trischlers neuer Film ein „Hybrid“, wie sie sagt. Meist dokumentarisch, aber auch mit Spielfilm-Elementen: eine fiktive Figur wird in einer Rahmenhandlung durch das Geschehen führen, dargestellt von einer Schauspielerin, die an realen Orten mit realen Menschen Dialoge und Szenen improvisiert.

„Wo man sich zu Hause fühlt. Und warum“

Für diese „Mischung aus Wahrheit und Fiktion“ hat Clara auch schon Kritik einstecken müssen: „Manche Leute sind dogmatisch und meinen: Beim Dokumentarfilm darf nichts erfunden sein und ich als Regisseurin darf mich nicht in das Geschehen einmischen. Aber Film ist immer Verdichtung. Auch im Dokumentarfilm gibt es Inszenierung, wenn ich etwa meinen Protagonisten sage: Jetzt stellt euch dort drüben hin und redet nochmal über dieses oder jenes Thema. Aber das, was sie erzählen, ist deshalb nicht weniger wahr.“

Trotz der geplanten Spielfilm-Sequenzen möchte Clara weiterhin in kleinen Teams arbeiten, um flexibel auf Ereignisse reagieren können. „Gut ist, wenn alle in ein Mietauto passen und man einfach losfahren kann“, ist ihre Devise.

Das Losfahren. Es scheint kein Gesprächsthema mit Clara Trischler zu geben, das nicht mit dem Reisen zu tun hat. Das muss sie dann auch selbst zugeben. „Die Exil- und Fluchtgeschichten in meinen Filmen passen da wirklich ganz gut dazu. Ich finde es gerade in dieser Zeit so wichtig, dass man seinen Ort findet. Und wir haben heute viel mehr Wahl als die Leute früher. Es ist eine sehr identitätsstiftende Frage, wo man gerne leben möchte. Es kann an Städten liegen, an Berufen, an Liebesgeschichten oder Freiheitsmöglichkeiten. Ich finde das sehr interessant: wo man sich zu Hause fühlt. Und warum. Was die Dinge sind, die einen zu Hause fühlen lassen.“

von Dominique Gromes, November 2016
Fotos zur Verfügung gestellt von Clara Trischler
Portraitbild oben: steffi dittrich photographie