Nick Prokesch | BKA Startstipendiat 2016
Porträts

Nick Prokesch | BKA Startstipendiat 2016

November 2016

„Bilder machen, Kunst schaffen ist politisch, immer.“


Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs steckt der in Krems geborene Filmemacher und Künstler Nick Prokesch mitten in weitläufigen Überlegungen für sein für das BKA-Startstipendium eingereichtes Projekt. „Die immer und immer wieder wiederholte Erzählung, in der weiße, heterosexuelle, reiche cis-männliche Perspektiven im Zentrum stehen, während alle andern höchstens Stichwortgeber*innen sind, interessiert mich nicht.“ Die Frage, wem die Möglichkeit Bilder zu machen zur Verfügung steht, wer Bilder macht und von wem, und was mit den Bildern dann passiert, ist für ihn zentral.

Sozialisiert worden ist er, erklärt Nick, unter anderem mit der Fernsehserie Roseanne und jedem „Glimpse of queerness“, den er im Kino und TV erhaschen konnte. Starke weibliche Hauptfiguren, Held*innen, die nicht dem im Mainstream gängigen Idealbild entsprechen, haben auch seinen eigenen Anspruch ans Filmemachen geprägt.

Nick hat das Multimedia Kolleg an der Graphischen in Wien besucht. Dort lernte er Liesa Kovacs kennen, mit der er gemeinsam seither mehrere künstlerische Projekte umgesetzt hat. Unter anderem den experimentellen Kurzfilm POLICEMAN (2012, 5 min) oder das Musikvideo Oh My Dog! (2011, 3 min).

In Nicks Filmografie ist kein einziger Titel zu finden, bei dem er als alleiniger Regisseur genannt ist. Von der Idee des Künstlers als Einzel-Genie mit einer Vision hält er nur wenig. Für ihn ist klar, dass er durch das Einbeziehen unterschiedlicher Blicke in die Entstehung seiner Arbeiten nur gewinnen kann.

„Es geht mir eher darum zu schauen, wer hat innerhalb der Herrschaftssysteme, in denen wir alle leben und arbeiten, welche Privilegien oder welche Skills und wie können wir diese Skills zusammenbringen und marginalisiertes Wissen sichtbar machen und abfeiern. Davon hätten dann nämlich ausnahmsweise mal ALLE etwas. Filme sind ja auch nicht vorbei, wenn man sie gemacht hat. Die arbeiten weiter, werden besprochen und sprechen miteinander. Bilder machen, Kunst schaffen ist politisch, immer.“

2015 feierte Nick Prokesch‘ und Liesa Kovacs‘ erster abendfüllender Film FEMME BRUTAL (2015, 70 min) bei Crossing Europe in Linz seine Premiere. Der Film verbindet Ausschnitte aus den queer-feministischen Bühnenperformances des Club Burlesque Brutal gekonnt mit Interviewsituationen mit den Performerinnen.

„Wir wollten einen Film machen, der ein breites Publikum anspricht, und dennoch nicht bei Null anfangen und alles für eine Mehrheitsgesellschaft konsumierbar aufbereiten. Wenn es Menschen gibt, die es über Jahrzehnte geschafft haben, queere, lesbische, feministische Kritik an Körpernormen, Identitätskonzepten und Kunst zu ignorieren, dann tut mir das Leid für die.“

Nick betont, dass es ihm ein zentrales Anliegen war und ist, marginalisierte Geschichte(n) filmisch festzuhalten und zu feiern: „Es geht darum, sich auch einzuschreiben in einen Filmkanon.“

Der Erfolg von FEMME BRUTAL mag unter anderem daran liegen, dass man dem Film seine geringe Finanzierung durch Förderungen in keiner Einstellung ansieht – FEMME BRUTAL ist für die große Leinwand gemacht, auf der Leinwand wird der Film selber zur Show, die er portraitiert.

„Die Nische wird der Nische ja vorgeworfen.“

„In Wahrheit ist doch alles Nische. Das weiße-Männer-Eck hat einfach nur das meiste Geld, nennt sich gut, normal, relevant und ist wahnsinnig laut. Es gibt unzählige, tolle, queere Filme und queeres Filmemachen, das aber oft, auch aus finanzieller Notwendigkeit heraus, in einem Off-Space oder DIY-Kontext stattfindet. Das schränkt ein und ist gleichzeitig eine Chance. Wenn ich sowieso nicht funktioniere, kann ich auch gleich das gesamte System Filmbranche, Festivalzirkus, Filmausbildung, Filmförderung und Filmemachen an sich hinterfragen. Sexistische und rassistische Strukturen wirken an jeder Ebene der Filmentstehung, vom Set bis zur Filmrezension. Auch in meinem Kopf, wenn ich dagegen nicht aktiv arbeite.“

Am liebsten würde er trotzdem Filme mit den Produktionsmöglichkeiten eines Hollywood-Films drehen, sagt Nick. Utopie und Traumfabrik eben – das große Kino.

Kunst oder Filmemachen versteht er als Verstärker, eine Art Lautsprecher. Genau darin aber sieht er, seine eigene Arbeit an FEMME BRUTAL als Regisseur kritisch hinterfragend, auch eine Schwierigkeit, denn er ist sich sicher, dass „die ProtagonistInnen von FEMME BRUTAL ihre Legacy vom Club Burlesque Brutal anders sehen, als ich sie sehe.“

FemmeBrutal
Große Show, großes Kino: Still aus FEMME BRUTAL und Szene aus der Performanceshow Club Burlesque Brutal, die zwischen 2009 und 2014 im Wiener Brut veranstaltet wurde.

Ebenfalls 2015 wurde der Dokumentarfilm FtWTF – Female to What The Fuck von Cordula Thym und Katharina Lampert (2015, 92 min), der sich mit Trans*Maskulinitäten auseinandersetzt, fertig gestellt. Nick hat nicht nur kurze Comics und Zeichentricksequenzen beigesteuert, sondern ist im Film auch selbst als einer der Protagonist*Innen zu sehen.

Zeichnung
Eine von Nicks Kurzanimationen zum Film FtWTF (aufs Bild klicken).

Er hat dabei die Erfahrung gemacht, vor der Kamera über sein eigenes Leben als Trans*mann zu sprechen, „dabei extrem viel herzugeben“ und alles Gesagte dann den Filmemacherinnen zu überlassen. Und immer wieder hat er sich nach einem Interview gedacht: „Scheiße, was hast du gesagt?“ „Und dann wird, was du gesagt hast, noch geschnitten. Von einer Stunde Gespräch bleiben zwei Sätze übrig. Das ist einfach arg. Das ist eine wichtige Erfahrung: sich hinzusetzen vor so eine Kamera und zu merken, was das mit einem macht.“

Wenn er könnte, würde er das Protagonist*in-Sein für alle, die Filme machen wollen, verpflichtend in den Studienplan schreiben. Für ihn hat es noch einmal verdeutlicht, wie absurd die Vorstellung vom objektiven Dokumentar-Film oder irgendeiner allgemeingültigen Wahrheit, die in einem Film erzählt wird, ist und er findet: „Man sollte damit auch ehrlich sein. Zu sagen: Ja, das ist meine Sicht auf die Welt und die teile ich jetzt auf diese Art mit euch.“

Die Frage, wem die Möglichkeit Bilder zu machen zur Verfügung steht, wer Bilder macht und von wem, und was mit den Bildern dann passiert, ist für Nick zentral:

„Wenn eine Mehrheitsgesellschaft Geschichten über marginalisierte Menschen erzählt, geht das meist nicht gut aus. Das sind dann oft stereotype Randfiguren, Monster, Witzfiguren; oder Opfergeschichten. Dabei könnte das ja auch komplett anders erzählt werden. Ich find das sind Superheld*innen, die Strategien und Techniken entwickeln, um in einer Welt überleben zu können, die ihnen immer wieder das Menschsein abspricht. Also eigentlich, finde ich, geht nur selber erzählen.“

„Zu all dem zu schweigen sollte keine Option sein.“

Nick ist jemand, der seine fertiggestellten Arbeiten nicht einfach zur Seite legt. Jeder Film, den er gemacht hat, hat mit dem, der danach gekommen ist, zu tun – und sei es nur die Zusammenarbeit mit Liesa Kovacs, die sich auch in Zukunft weiterziehen wird.

„Aber natürlich auch die Themen und das Filmemachen an sich. Die Art, wie ich ein Thema bearbeitet habe, hat damit zu tun, wie ich das nächste Thema bearbeite. Und alle Filme, die ich dazwischen gesehen habe, haben damit zu tun, wie ich den nächsten Film machen werde oder wie ich ihn nicht machen werde.“

Die Erfahrungen mit FEMME BRUTAL und FtWTF haben für Nick viele Fragen für sein weiteres filmisches Arbeiten aufgeworfen. Das Startstipendium gibt ihm momentan die Zeit, sich mit diesen Fragestellungen auseinander zu setzen. Ein bisschen, könnte man sagen, sieht er das Stipendium aber auch wie eine Aufgabe, aus diesem Privileg etwas zu machen.

„Ich will nicht durch die Welt gehen und mir alles nur vermeintlich passiv anschauen. Schon gar nicht als weißer Mann mit EU-Pass. Ich bin automatisch Profiteur und Komplize von Sexismus, Rassismus, Islamophobie. Zu all dem zu schweigen sollte keine Option sein.“

Nick versucht die Möglichkeiten, die er bekommt, und die Fähigkeiten, die er hat, einzusetzen, um etwas auszusagen – sei es in Form von Text, Bild, Film oder Zeichnung. Derzeit zeichnet er wieder vermehrt Comics. „Was ich am Filmemachen mag, ist, dass es so langsam ist. Und was ich am Filmemachen hasse, ist, dass es so langsam ist.“ Für eine Zeichnung braucht er ca. 10 Minuten.

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Nicks Atelier.
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Comic aus der Serie „conversations with your inner ducky“. Seine Comics veröffentlicht Nick auf seinem blog nic.tumblr.com

2016 hat Nick sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste mit der Found-Footage-Arbeit PASSING (A BEGINNING) abgeschlossen. Die Auswahl der Filme, die vorkommen, ist eine sehr persönliche. Große Hollywood-Titel wie Imitation of Life treffen darin auf Touki Bouki und A Funeral Parade of Roses. Oder auch Rebel Without a Cause mit James Dean, mit dessen gebrochener Männlichkeit sich Nick, so erzählt er, als Kind identifiziert hat.

„Ich habe meine Identitätsfindungsprozesse immer über Filme geführt. Und ich musste meistens ganz kleine spezifische Aspekte rausholen und andere ausblenden. Das ist eine Technik, eine Fähigkeit. Das musste ich lernen, weil eben kaum Filme zugänglich sind, in denen Leute wie ich vorkommen.“

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Still aus Nicks Diplom- und Found-Footage-Film PASSING (A BEGINNING), in dem Douglas Sirks Imitation of Life (1959) eine der zentralen Filmquellen ist.

In PASSING (A BEGINNING) setzt sich Nick dem Thema Passing auseinander – „ein Lebensthema“. Der Begriff stammt aus der US-amerikanischen Rassismus-Debatte und bedeutet: durchgehen als einer – in der Mehrheitsgesellschaft anerkannten – Kategorie zugehörig. Im Trans*Gender-Kontext wird er für das Durchgehen als Cis-Mann bzw. Cis-Frau verwendet.

„Passing ist eine Handlung, die manchen Menschen zur Verfügung steht und anderen nicht. Ganz grob zusammengefasst bedeutet ‚zu passen’ sowohl Freiheiten, Sicherheiten aber eben auch den Verlust der eigenen Geschichte. Aber was heißt das für mich, plötzlich als Cis-Mann gelesen und bevorzugt zu werden?“

Nicks Diplomfilm ist auch so etwas wie ein erster Baustein für das beim Startstipendium eingereichte Projekt, das sich mit Passing in unterschiedlichen gesellschaftlichen Herrschaftssystemen beschäftigen wird. Diesmal wird er sowohl als Protagonist als auch hinter der Kamera agieren, um in Zusammenarbeit mit weiteren Passing-Erfahrenen eine gemeinsame „dokumentarische Fiktion“ zu erzählen.

„Ein Kerngedanke nach FEMME BRUTAL und FtWTF ist: Ich muss kollektiver arbeiten und ich muss mit Leuten arbeiten, die nicht genauso sind wie ich. Und dann will ich, dass am Schluss eine Haltung klar heraus kommt: entweder ein großer Mittelfinger oder Fanfaren und Feuerwerke!“

„Ich muss mich bewegen, Du musst dich bewegen.“

Dass seine Filme und alle seine anderen künstlerischen Arbeiten politisch sind und ein widerständiges Potential haben, ist für Nick essentiell. Dazu beizutragen, einfach den Status quo einzuzementieren, kommt nicht in Frage.

„Vor allem muss ich mich und meine Privilegien permanent selber herausfordern. Sie klar zu benennen ist der erste Schritt. Sie zu bekämpfen der nächste. Es ist so leicht, es sich als weißer Mann bequem zu machen.“

Und er wird keine Filme machen für diejenigen, die gar nicht erst anfangen wollen nachzudenken: „Ich will Filme machen, die das Publikum respektieren und sagen ‚Hey, wenn du aufmachen willst, dann schau her, komm mit. Aber DU musst dich bewegen, wenn du das verstehen willst, ich mach’s nicht für dich.“

Und wer nicht bereit ist sich zu bewegen, dem wird etwas entgehen.

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von Katharina Riedler, November 2016
Fotos zur Verfügung gestellt von Nick Prokesch
Portraitbild oben: steffi dittrich photographie
Sichtweise von Nick Prokesch: „Der Erklärungsnotstand gehört auf die andere Seite“