Film als Co-Autor – Die Trägheit als Potential
Sichtweise

Film als Co-Autor – Die Trägheit als Potential

Viktoria Schmid, März 2017

Viktoria Schmid ist Filmemacherin und Künstlerin. Dieser Text wurde als 5-Minuten-Intervention beim Cinema Next Breakfast Club – Breakfast #2: Cinema Futures. Das Analoge und Digitale in der Gegenwart – auf der Diagonale 2017 vorgetragen.

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„Die Kunst des Films hängt von Maschinen ab. Bevor der Zuseher einen Film sieht, hat dieser eine Kamera durchlaufen, einen Entwickler, eine Kopiermaschine, einen Schneidetisch und einen Projektor. Der Raum, in dem man einen Film sieht, ist eine weitere Maschine.“
(Aus dem Manifest des Kollektivs der Anthology Film Archives)

Die technisch und zeitlich aufwändigen Arbeitsabläufe sind eigentlich ein Grund, sich vom Film zu verabschieden. Bei mir bewirkt es das Gegenteil: genau für seine Schwerfälligkeit schätze ich ihn so sehr. Die Trägheit des Auges ist eine Grundbedingung für die Wahrnehmung von Laufbild, und träge kann auch das Arbeiten mit Film sein. 30 Meter Film auf eine Spule aufzuwickeln dauert seine Zeit. Wenn ich den nassen Film aus der Entwicklungsspule nehme oder vom Kopierwerk zurückbekomme und das von mir zuvor gefilmte Bild zum ersten Mal sehe, in diesem Moment schließt sich ein Kreis. Diese zeitliche Atempause zwischen Aufnahme und der schließlich ersten Sichtung verändert die Arbeitsweise. Das Potential besteht darin, in den Arbeitsschritten (Entwicklung, Kopierung, Projektion) selbst involviert sein zu können. Was auch durch das Wegfallen von Spezialisten immer nötiger wird: die Affinität, sich die Technik anzueignen und verstehen zu wollen und dies künstlerisch zu nutzen.

Ganz zu Beginn war es bei mir sicher die Sehnsucht nach einem Handwerk, das händische Arbeiten am Film sowohl in der Dunkelkammer beim Selbstentwickeln sowie auch am Schneidetisch. Mittlerweile ist der handwerkliche Aspekt ein möglicher Teil meiner Arbeit, inzwischen eröffnen sich mir neue Facetten und Interessensgebiete: sei es adaptierte Projektionsformate auszuprobieren, die im Dispositiv Kino herrschenden Regeln in meinen Installationen zu durchbrechen und eben Film und seine Apparaturen im Raum auch mit skulpturalen Charakter zu denken. Film ist Co-Autor in meinen Arbeiten, ich arbeite meist allein, gemeinsam mit dem Medium sind wir dann aber zu zweit.

Sichtweise_SchmidInstallationsansicht: Viktoria Schmid: The clouds are not like either one they do not keep one form forever. (Foto: Patrick Anthofer)

Dass Filmprojektion schwieriger und betreuungsintensiver geworden ist, weil die Anzahl sowohl der Arbeiten auf Film als auch die der Personen, die mit der Technik vertraut sind, immer kleiner wird, bringt für mich eben auch mit, im letzten Schritt – der Projektion – involviert zu sein: Das ist für mich part of the deal, den ich eingehe, wenn ich mich heute entscheide, mit Film zu arbeiten: sich mit dem/der ProjektionistIn vor dem Screening abzusprechen oder GaleriemitarbeiterInnen in die Bedienung des Projektors einzuschulen, eigene gewartete Projektoren zur Verfügung zu stellen und diese im Falle auch selbst reparieren zu können. Indem der Projektor auch inhaltlich Teil der Arbeit ist, beende ich die Diskussion, ob es nicht doch auch eine digitale Version geben würde.

Der Rand-Platz, an dem sich Film momentan befindet, birgt für meine künstlerische Arbeit auch Potential. Ich habe mit Film zu arbeiten begonnen, als er schon langsam von der Industrie aufgegeben wurde. Wie lang ist dieses oder jenes Filmmaterial noch verfügbar? Wie kann ich selbst neue Umwege finden für technisch bedingte Herausforderungen? Aber nicht, dass ich ein Ende oder sogar den Tod von Film herbeizitiere, sondern nein, im Gegenteil: Film soll und wird einen neuen Nischenplatz finden. So wichtig die Archiv-Tätigkeit ist, sehe ich analogen Film nicht nur im Archiv als ein historisches Medium, das in seiner Ursprungsform erhalten bleiben soll.

Für mich beinhaltet das Arbeiten mit Film keine Ablehnung von Gegenwärtigem oder eine nostalgische Hinwendung zur Vergangenheit. Analog und Digital koexistieren, ich arbeite sowohl mit Film als auch mit Video. Ich möchte das so vergleichen: Ich entscheide mich für eine Sprache. Sag ich das jetzt lieber in Deutsch oder Englisch oder ist’s diesmal besser, eine SMS oder E-mail zu schreiben? Das Medium wird zur Sprache und manche Sprachen können bestimmte Dinge eben besser ausdrücken. Und du musst aus deinem Medium etwas machen, der reine Material-Fetischismus ärgert mich, weil er nicht reicht. Schlussendlich geht’s um den inhaltlichen Aspekt der Arbeit, egal ob Video oder Film.

Die Möglichkeiten, mit analogen Film zu arbeiten, sollen bleiben, es ist wichtig die nötige Infrastruktur zu erhalten. So ist auch das Film Preservation Center ein wichtiger und nötiger Schritt. Die Infrastruktur zu erhalten war auch eine der Gründe, warum ich 2009 die filmkoop wien mitbegründet habe. Sie ist eines der weltweit existierenden artist-run-filmlabs, die meist in einer offenen Struktur organisiert sind, um das Arbeiten mit Film möglich zu machen. Es wird Equipment erhalten und repariert und, wie auch Dunkelkammer und Chemie, von den Mitgliedern gemeinsam benutzt. Wie Erfinder zu Anfangszeiten des Bewegtbildes müssen neue (Um-)Wege in der Technik gefunden werden: da werden Projektorersatzteile in 3D geprintet oder Filmemulsionen selbst hergestellt. Neue Chemie-Rezepturen sowie allerlei Ratschläge werden in dieser Gemeinschaft großzügig weitergeben. Es werden Konferenzen und Screenings veranstaltet und damit Plattformen und internationaler Wissenstransfer für diese Filmkunst geschaffen. Diese Hilfsbereitschaft und Konkurrenzlosigkeit kenn ich sonst von keiner Interessengemeinschaft. Teil dieses internationalen Kontexts zu sein ist auch ein relevanter Aspekt in meiner Arbeit mit Film.

In der filmkoop wien bemerken wir das steigende große Interesse durch wöchentlich eintrudelnde E-mail-Anfragen — auch unterschiedlicher Altersgruppen und Beweggründe von jenen, die mit Film arbeiten wollen und nach einem möglichen Weg suchen. Die Nachfrage ist groß: Workshops sind schnell ausgebucht und die Mitgliederzahlen steigen. Sicher auch ein Grund dafür ist das geringe Lehrangebot an den Universitäten. Nicht verstehen kann ich, warum die analoge Filmpraxis an den Akademien fast gar nicht mehr unterrichtet wird. Von einem pädagogischen Standpunkt her sollte es zumindest eine praktische Einführung in die analoge Technik geben. Die Schule-Friedl-Kubelka für unabhängigen Film füllt in dieser Hinsicht auch eine wichtige Lücke.

Denn Film ist ein guter Lehrer und diszipliniert. Diesen speziellen Adrenalinmoment kurz vor dem Auslösen bringt dir nur Film, denn dann schreibt sich die Information in das lichtempfindliche Material unwiderruflich ein, auch jene , die im Moment der Aufnahme nicht kontrollierbar ist.

Film soll als Film akzeptiert und geschätzt werden, er ist und soll nicht in allen Bereichen ersetzbar sein. Im Moment haben wir beides, Video und Film; die Möglichkeit, wählen zu können, soll bleiben.

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Veröffentlicht am 13. April 2017
Foto und Bearbeitung © Cinema Next