Pawel Szostak | BKA Startstipendiat 2018
Porträts

Pawel Szostak | BKA Startstipendiat 2018

Februar 2019

Ich mag den Clash, das Unerwartete, die Watsche.“

 

Pawel Szostak war schon immer ein Filmbesessener. Die Idee, selbst künstlerisch tätig zu werden, kam ihm allerdings relativ spät. Seitdem gibt es kein Halten mehr: Pawel ist leidenschaftlicher Workaholic und fragt sich nicht lang, ob er etwas tun soll oder nicht: er macht es einfach.

Pawel Szostak war drei oder vier Jahre alt, als er mit seiner Mutter und seiner Schwester von Polen nach Österreich kam. 1986 geboren, gehört Pawel zu jener Generation, die als Teenager in der Videothek abhingen und Filme noch von VHS-Kassette abspielten. Ich habe schon immer gern Filme geschaut, auch Filme, die eigentlich nichts für mein Alter waren. Das war vermutlich eine Art Eskapismus.“ Bei Pawel ging diese Leidenschaft nicht nur soweit, dass er an den Wänden seines Zimmers Holzleisten anbrachte, um die durchnummerierten Videokassetten wie in der Videothek aufzustellen. Sein obsessiver Bewegtbildkonsum ist auch einer der Hauptgründe, warum er keine Matura hat. „Ich hab’ immer daheim gesessen und Filme geschaut, statt in die Schule zu gehen. Irgendwann bin ich dann gebeten worden, nicht mehr zu kommen.“

Mit 18 von der Schule zu fliegen war nicht leicht, weil Pawel nicht wusste, was er machen sollte. Das Interesse an Film war zwar schon immer vorhanden, aber nicht in dem Ausmaß, dass er sich selbst drangetraut hätte. Also hat er sich mit diversen Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen: Lottotippgemeinschaft am Telefon, Spendensammeln für Green Peace, Filmarchiv-Programme von Kaffeehaus zu Kaffeehaus tragen und für einen Wirtschaftsverlag Anzeigen verkaufen. Schließlich landete er beim Filmladen Filmverleih im Marketing, was er super fand; nach drei Jahren ist ihm aber die Puste ausgegangen, er wurde immer schlechter, kam ständig zu spät.

„Ich hab’ beim Filmladen gearbeitet und liebe die Leute dort extrem. Aber irgendwann hab’ ich ein Problem mit dem sogenannten Arthouse-Kino bekommen. Alles, was ich gesehen habe, hat mich irgendwann extrem gelangweilt. Wo ist das österreichische Sci-Fi-Kino, wo ist die Action? Ich bin selbst Migrant, aber die ganzen Migrations-Dramen hängen mir so langsam zum Hals raus. Ich würd aus diesem Stoff dann eine Lost-in-Space-Geschichte machen.“ Es gab da diesen Trotz. Aber statt die ganze Zeit nur darüber abzulästern, dachte Pawel sich: Dann mach’s halt anders.

Still aus HELLOWORLD.EXE – Die Sehnsucht der Maschine (AT 2017)

Mit 25 beschloss er also, diesen Trotz fruchtbar zu machen: Die Idee, an die Angewandte zu gehen, konkurrierte schon bald mit der Idee, Regie oder Schauspiel an der Filmakademie zu studieren – die Bewerbungsfrist auf der Angewandten lief jedoch früher ab, also versuchte er es dort. „Ich hab’ vorher noch nie etwas mit Kunst gemacht und am Abend vor Bewerbungsschluss meine Mappe zusammengeschustert. Es hat tatsächlich geklappt. Für die zweite Runde riet mir ein Freund, ‚irgendwas mit Nazis’ zu machen. Was schon verwerflich ist, aber ich hab’ eine Arbeit eingereicht, die ich ernst gemeint habe: Ich hab’ Namen von Leuten genommen, die in der Rustenschacherallee – die Straße, in der meine Klasse war – gelebt hatten und enteignet wurden. Ich habe eine Apparatur gebaut, in der sich langsam Tinte raufsaugt und diese Namen auslöscht. Das hat ultra-beschissen ausgeschaut, aber die Idee hat ihnen gefallen.“

„Meine Arbeiten kann man nicht von mir trennen. Da sind alle meine Ängste drin“

Pawel konnte sein Studium antreten. Die ersten zwei Jahre hat er herumexperimentiert, wie er sagt, weil man in seiner Klasse machen konnte, was man wollte. Es gab ein Leitungsteam aus fünf Leuten, mit denen man immer reden konnte, aber es gab keinen Meister, was Pawel, der sich mit Autoritäten gern rieb, sehr entgegengekommen ist. „Ich war ein superschlechter Student. Ich war selten dort. Sie dachten, dass ich faul bin. Aber ich neige in Wahrheit ja zur Überproduktion.“ Als sie seinem schier endlosen Output auf die Schliche kamen, haben sie ihn in Ruhe machen lassen, Pawel hat produziert wie ein Wahnsinniger und seinen Abschluss bekommen. „Das macht mir Spaß. Das ist für mich auch eine Art Selbsttherapie, das ist wie Nachdenken, das gehört einfach dazu. Meine Arbeiten kann man nicht von mir trennen. Da sind alle meine Ängste drin und alle meine Sorgen. Ich mach mir auch Sorgen um die Welt – berechtigterweise.“

Ein Freund von Pawel beschrieb ihn einmal so: „Du bist jemand, der aus Traumata eine funktionierende Persönlichkeit zusammengebastelt hat.“ Pawel ist diese Charakterisierung nicht nur hängengeblieben, er erkennt darin auch seine Vorliebe für und die eigene Herangehensweise an Filme wieder: „Ich mag Filme, bei denen die einzelnen Bestandteile eigentlich nicht funktionieren, aber wenn du es zusammennimmst, funktioniert es dann doch irgendwie, auch wenn du nicht genau weißt, warum. Weirdes Zeug, seltsame Filme.“

Weirdness als auch ein Hang zum Eklektizismus lassen sich in Pawels Arbeiten nicht von der Hand weisen. Etwa in Falls ich es schaffe oder Pardon my donkey thumbs (AT 2016), einer surrealen Collage aus unterschiedlichsten Fragmenten der Filmgeschichte, Werbeclips und groteskem Strandszenario, aus Textinserts in ätzend-leuchtenden Farben und einer verzerrten, über die Sinnlosigkeit allen Strebens sinnierenden Stimme als ermattende wie beglückende Tour de Force für die Sinne. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Pawel in KJUT (AT 2017): Ein Mann (der Regisseur) liegt nackt auf einem Bett, umgeben von süßen Stofftieren, einem Plastikaffen, es folgen geshredderte Bilder, digitale Glitches und die Suche nach Sinn.

Still aus KJUT (AT 2017)

Still aus Life – What do now? (AT 2018)

Und immer wieder: die Apokalypse, Weltuntergangsstimmung, für die keine Ausstattung benötigt wird. Farben, Filter und simple Tricks genügen, um viel zu suggerieren, um die vorgefundene Realität und Found-Footage so zu verfremden, dass die Bilder funktionieren. „Spielereien mit Sättigung, Helligkeit, Morphing, ich setze mich hin und schau, was ich in After Effects zur Verfügung habe. Manche Sachen merke ich mir, aber ich nutze so ziemlich alles, was ich kriegen kann.“  Selbst die Playstation dient als Fundus: Sein Film Bug (AT 2018) besteht aus Elementen des Spiels Grand Theft Auto. Pawel sammelt auch extrem viel Fremdmaterial und hat ein Archiv aus eigenem Material. „Ich hab’ eine alte Flipcam, ein paar Camcorder und einen Ordner, der heißt Videomüllhalde.“

Zunächst schreibt Pawel seine Ideen in Textform nieder, um die teilweise seitenlangen Ausführungen dann zu einem einzigen Bild einzukochen. „Manchmal morpht sich alles noch so stark, dass am Ende nicht mehr viel davon übrig bleibt. Aber diesen Prozess mag ich extrem gern. Man muss erst mal schreiben, wenn man einen Film machen will. Ich wollte immer schon Filme machen, auch wenn ich es nicht gewusst habe, und alles, was drum herum passiert – Bücher schreiben, Musik machen, Bilder produzieren – ist eigentlich daraus entstanden.“

Pawel ist nicht nur beim Filmemachen ein Getriebener: Er macht Musik, hat schon mehrere Romane verfasst und gerade die Arbeit an Die Nuss abgeschlossen, einem Theaterstück über einen in der Nase der Hauptfigur feststeckenden Cashewkern, der ein Gespräch über Gott, die Welt und Politik lostritt. Weil er gespannt auf die Umsetzung ist, würde Pawel die Regie des Stücks gerne jemand anderem überlassen. „Das erste Buch, das ich geschrieben habe, war Pierson, ein kurzer Krimi – keine Ahnung, ob man es surrealistisch oder einfach nur wirr nennen soll, aber es kommen sozialistische Nudisten vor und eine Welt, die sich selbst erschaffen hat. Die Hauptfigur beißt sich in der Mitte des Buchs die Zunge ab und alles ist nur noch mit F-Lauten geschrieben: ‚Daf ift wunderbar!’“

Eines der Bücher, an denen er momentan neben Der Billeteur – Die Barbarei des Theaters schreibt, heißt Alle. Es geht zwar nicht wirklich um alle, aber inzwischen sind es 32 Figuren, die in dieser Welt immer wieder ein bisschen übereinander stolpern. „Das ist ein absurder Mesh-up, so etwas finde ich spannend. Ich weiß nicht, ob ich unbedingt etwas Neues machen will – Originalität ist ja immer so ein Ding. Aber ich packe gerne alles, was man zur Verfügung hat, zusammen und rühre es um – entweder es funktioniert oder halt nicht.“

Seinen Roman Reality hat Pawel an einen Verlag geschickt – und er bekam Rückmeldung: „Man merkt, dass es Ihnen Freude gemacht hat, es zu schreiben, aber wir wissen gerade nicht so recht, was wir damit machen sollen.“ Pawel nimmt’s gelassen: „Ich probier’s einfach mit dem Nächsten. Ich bin ja ein durch und durch optimistischer Mensch. Ich glaube, dass das irgendwann einmal was wird.“ Sobald ein Projekt abgeschlossen ist, ist es für Pawel abgehakt und die nächste Datei kann angelegt werden. „Ich bin schon ein Workaholic. Filmemachen ist aber auch ein absolutes Hobby, eine Leidenschaft. Idealerweise kann ich davon auch irgendwann mal leben.“

RANDOOM-Hallucinations (2018): „Ich mach’ gern Musikvideos und auch Musik. Ich bin zwar nicht musikalisch und kann auch kein Instrument spielen, kann keinen Ton halten, aber ich mach’s dennoch.“

Wirklich viel Kohle hat Pawel mit seiner Kunst bislang nicht gemacht. Da es ihm eher darum geht, Dinge zu tun, ist Geld auch nicht unbedingt sein Anspruch. Sich ein Team leisten zu können, wäre aber zumindest für sein nächstes Projekt wünschenswert. „Ich mach meistens alles allein, weil ich halt meistens da bin. Mein Traum ist so ein Zimmer, in dem die ganze Zeit eine Crew auf einen wartet. Ich bin ja auch sehr dilettantisch, deshalb würde ich mich sehr freuen, von anderen zu lernen.“ Sein BKA-Startstipendium hat er für die Arbeit an Dragica bekommen – ein Drehbuch, dass er unbedingt realisieren möchte. Mit möglichst kostensparenden Mitteln will er eine postapokalyptische, action- und gewaltlastige Zukunftsdystopie entwerfen, in deren Zentrum eine 60-jährige Frau steht, die sich mit einer imposanten Magnum und einem männlichen Sidekick den Weg durch eine zerstörte Stadt freiballert und sich dabei mit verschiedenen Gangs anlegt.

„Realismus wird jetzt nicht unbedingt der Hauptschwerpunkt sein. Es soll hart sein und neben aller Gewalttätigkeit auch witzig. Ich mag den Clash, das Unerwartete, die Watsche. Das möchte ich eben gern mal in 90 Minuten machen – diesen ständigen Rollercoaster, aber in einem klassischen Dreiakter, ein Buddy-Film, eine brutale Comedy. Es soll ultra divers sein – auch sprachlich. Sprache ist wichtig für mich. Vielleicht ist es das, was sich durch alle meine Arbeiten zieht. Ein Spiel mit Sprache. Die Apokalypse schleicht sich immer ein, die Science-Fiction schleicht sich immer rein, weil das eines meiner Lieblingsgenres ist. Ego und Scheitern ist auch oft drin, aber auch ein gewisser Grundoptimismus. Ich könnte mich jetzt nicht thematisch an etwas festhalten – ich weiß es nicht, bin auch nicht sicher, ob es so wichtig ist, dass ich das beantworte.“

„Künstler müssen keinen Schmerz haben – ich glaube, Encouragement ist die Hauptsache.“

Die Umsetzung dieses Stoffes in einen Spielfilm ist Pawels nächstes Ziel: „Mal sehen, wie lange das dauern wird. Es mag sich arrogant anhören, aber für mich ist das nur eine Frage der Zeit. Hackl ich halt ein paar Jahre.“ Pawel stellt sich gern Herausforderungen, sein Motto ist: machen und schauen, was dabei rauskommt. „Das ist mein optimistischer Grundfatalismus – ich könnte jederzeit draufgehen, jeder von uns. Ich will jetzt nicht esoterisch werden, aber alles ist so flüchtig, und das ist auch spannend. Künstler müssen keinen Schmerz haben – ich glaube, Encouragement ist die Hauptsache, und daran fehlt’s einfach so oft. Wenn mich mit 16 jemand ermutigt hätte, Dinge einfach zu machen, das wäre so super gewesen. Mich macht’s auch immer so traurig, wenn ich Leute treffe, die mit ihrer Kunst aufhören – nicht wegen sich, sondern wegen ihrem Außen. Man wird nicht verhindern können, dass die Zuschauer sagen: ‚der und der Regisseur ist ein Idiot‘, aber man sollte die Leute in der Ausbildung darauf vorbereiten, um das besser wegstecken zu können.“

Diesen ermutigenden Spirit versucht Pawel weiterzugeben. „Ich hab’ mal einen Berufseignungstest gemacht, da kam raus, dass ich entweder Künstler, Sozialarbeiter oder Lehrer werden sollte. Das kann ich mir auch gut vorstellen. Manchmal sag’ ich spaßeshalber: irgendwann werde ich Rektor von der Angewandten! Das ist mein Plan C!“

von Michelle Koch, im Februar 2019
Porträtfoto © Elodie Grethen
alle weiteren Fotos sind Filmstills, zur Verfügung gestellt von
Pawel Szostak