Wiktoria Pelzer, Stefan Messner & Florian Widegger | KinomacherInnen
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Wiktoria Pelzer, Stefan Messner & Florian Widegger | KinomacherInnen

November 2018

„Eine total spannende Zeit“

 

„Eine Krise des Kinos sehe ich nicht“, meint Stefan Messner. „Programmkino heute ist halt nicht mehr Programmkino der 1980er Jahre“, sagt Wiktoria Pelzer. Und Florian Widegger attestiert dem Kinobetrieb „eine gewisse Lustlosigkeit“. Sie alle sind Anfang 30 und gestalten Kinos neu mit: Stefan das Moviemento und City-Kino in Linz, Wiktoria das Gartenbaukino und Stadtkino in Wien, Florian das Metro Kinokulturhaus des Filmarchivs Austria. Wie sehen sie die Zukunft des Kinos? Und wird mit ihnen manches anders?

Dass unser Fototermin beim Stadtkino im Künstlerhaus in Wien stattfindet, ist doppelt interessant: Zum einen kreuzen sich hier drei Lebensläufe, da sowohl Florian, Stefan als auch Wiktoria schon für dieses Kino gearbeitet haben. Zum anderen war das Kino im Künstlerhaus in den letzten Jahren immer wieder ein Ort der Veränderung, der so immer die Frage widerspiegelte, was ein Programmkino heutzutage leisten kann und soll – eine Frage, die auch die drei Porträtierten in ihren neuen Positionen als KinogestalterInnen beschäftigt.

Wiktoria Pelzer empfängt Schauspielerin Mavie Hörbinger (links) und Regisseurin Helene Hegemann zur Österreich-Premiere von Axolotl Overkill im Gartenbaukino im Oktober 2017. (Foto: Manfred Werner (Tsui) – CC by-sa 4.0)

Für Wiktoria Pelzer, Jahrgang 1985 und in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen, ist das Stadtkino im Künstlerhaus die aktuelle Station ihrer beruflichen Karriere. „Jeder hat immer eine tolle Geschichte auf Lager, ich aber nicht“, meint sie auf die Frage, ob es prägende Momente in ihrer Jugend gab, die sie zum Film gebracht hätten. Dank ihrer Großeltern in Warschau, die Wiktoria jeden Sommer besuchte – die Eltern emigrierten in den 1980er Jahren aus Polen nach Deutschland –, verbrachte sie viel Zeit in den Opern-, Konzert- und Theaterhäusern der Stadt. „Für mich war klar, dass ich etwas im Kulturbereich machen möchte“, sagt sie, „aber neben dem Kino interessierten mich vor allem auch Theater und Performance.“

Das Jahr nach dem Abitur, 2006, wies schließlich den Weg. Wiktorias Neugier und Wille, Dinge mitzugestalten, brachte sie Schritt für Schritt weiter: Zunächst ein Praktikum beim Stuttgarter Filmwinter, wo sie zum ersten Mal mit Experimentalfilm in Kontakt kam; eine Kollegin nahm sie dann mit nach Hamburg zum Kurzfilmfestival und nach Oberhausen zu den Kurzfilmtagen; in Hamburg führte sie ein Kollege zur Kurzfilmagentur. Dazwischen Bewerbungen für ein Universitätsstudium. Wiktoria wollte in den Norden, landete aber im Süden und studierte in Erlangen Theater- und Medien- sowie Politikwissenschaft. Dort nie so ganz glücklich, wechselte sie nach zwei Jahren nach Wien, um am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft zu studieren.

In Wien ging sie ihren Weg weiter: Gleich mit Studienbeginn hatte sie bei sixpackfilm ihre erste kleine Anstellung. „Für mich war das damals der große Traum, bei einer Institution wie sixpackfilm zu arbeiten“, sagt Wiktoria. „Dort hätte ich das DVD-Label vermarkten sollen, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich keine Verkäuferin bin. Ich wollte inhaltlich arbeiten.“ Wiktoria hörte nach wenigen Monaten auf, blieb aber mit sixpackfilm weiterhin in Verbindung, u.a. später als Mitglied der Auswahlkommission. Maya McKechneay, damals bei sixpackfilm, empfahl sie nach Linz ans Crossing Europe, wo Wiktoria zuerst Saalregie, ab 2010 dann die Programmkoordination des Festivals und auch inhaltliche Sektionen wie die Local Artists übernahm. In Wien gehörte sie schnell zum Kernteam des Kurzfilmfestivals Vienna Shorts, gestaltete von Anfang an das Programm mit und leitet heute noch die Sektion Animation Avantgarde. Als Norman Shetler, seit 2008 Geschäftsführer des Gartenbaukinos, auf Ende 2012 eine Karenzvertretung suchte, war Wiktoria gleich zur Stelle. Filmmuseum, Diagonale, /slash, … Sie alle stehen ebenfalls in Wiktorias Lebenslauf. Von Saalregie über Gästebetreuung und Moderation bis zur Programmkoordination und -gestaltung: Wiktoria Pelzer kennt mittlerweile die meisten Seiten eines Festival- und Kinobetriebs. Mit der Übernahme des Stadtkinos durch den Gartenbaukino-Geschäftsführer im Sommer 2017 wird jetzt auch der unternehmerische und Verleih-Aspekt Teil von Wiktorias Arbeit: Sie ist nun Vollzeit und übers ganze Jahr beim Stadtkino angestellt und gestaltet Strukturen und Inhalte maßgeblich mit: Neuaufstellung des Stadtkinos als Verleih und Kino, eigene Filmstarts wie Zu ebener Erde oder MATANGI / MAYA / M.I.A., neue Programmschienen wie das Widerstandskino oder die #kinodenktweiter-Events zu nachhaltigen Themen, die im Gartenbaukino, quasi dem neuen Bruder des Stadtkinos, stattfinden.

Silvester mit Stefan Sagmeister: Stefan Messner am 31. Dezember 2016 bei der Preview von The Happy Film im City-Kino (Foto: Ute Wiltschko).

Für Stefan Messner, Jahrgang 1984, war das Künstlerhauskino, wie es damals noch hieß, eine Zwischenstation. Aufgewachsen in der Nähe von Freistadt/OÖ, war der Kontakt zum dortigen Kulturverein Local-Bühne und zum Kino Freistadt, das (wie auch die Linzer Kinos Moviemento und City-Kino) von Wolfgang Steininger geführt wird, naheliegend. Nach dem Zivildienst und ersten Anläufen an Hochschulen in Wien studierte Stefan dann doch in Linz: Mediengestaltung (heute Zeitbasierte Medien) an der Kunstuniversität. Rückblickend schätzt er die Offenheit und den Gefallen an der Interdisziplinarität, die dort herrsche. „Die Schwelle, wo man schon jemand hätte sein müssen oder sein muss, war viel niedriger als in so mancher Meisterklasse“, sagt Stefan.

Bereits in seiner Jugend lernte er das Backlab-Kollektiv kennen, ein Künstlerkollektiv, in dem er in Folge Graphikdesign, Live Visuals oder Musik machte. „Ich habe während meiner Studienzeit viel Musik produziert. Für mich war das durchaus eine berufliche Option, dass ich den Weg Richtung Sounddesign gehe.“ Es kam anders und vor allem das Kino rückte immer mehr in Stefans Fokus. „Es gibt aber unzählige Menschen, die viel größere Filmnerds sind als ich. Ich würde mich eher als ‚in Kulturbetrieben sozialisiert‘ beschreiben.“

„Aus meiner E-Musik-Vergangenheit“, schreibt Stefan zum Video oben. Stefan Messner aka mes. im Oktober 2010 in der Stadtwerkstatt Linz.

Wie auch Wiktoria arbeitete Stefan als Saalregie beim Crossing Europe, lernte dort das Moviemento-Team kennen und wurde Filmvorführer. Nach dem Studienabschluss 2010 zog er wiedernach Wien und konnte gleich beim Admiralkino als Filmvorführer arbeiten. Dort traf er auf Lukas Kirisits, mit dem er 2011 gemeinsam die Betriebsleitung des Künstlerhauskinos übernahm, „damals quasi das Deutsche-Fassung-Kino vom Filmladen“, wie Stefan sagt. Im Sommer 2013 wurde das Künstlerhauskino zum neuen Spielort des Stadtkinos und vom dessen Geschäftsführer Claus Philipp übernommen. Lukas und Stefan hätten beide bleiben können, entschieden sich aber dagegen. Als Stefan Vater wurde, kehrte er mit Familie nach Oberösterreich zurück und lebt seither „15 Zug-Minuten von Linz entfernt“ am Land. „Die Familie, die ganzen Wurzeln und Connections im Kulturbereich waren bei uns eher dort als in Wien“, sagt Stefan, der 2014, genau am Geburtstag seines Sohnes, eine Email vom Moviemento erhielt: ob er ab Dezember nicht die Karenzvertretung einer Kollegin, die die Öffentlichkeitsarbeit betreute, übernehmen wolle. Bald wurde Stefan signalisiert, dass er nach der Karenzvertretung im Kino bleiben soll, um die programmatische Ausrichtung vom Moviemento und City-Kino zu übernehmen, wenn Wolfgang Steininger, Leiter seit 1990, in Pension gehen würde. Dieser Übergang ist noch nicht vollzogen und verläuft auch nicht linear: Die Kollegin, die aus der Karenz zurückkehrte, reduzierte ihr Arbeitspensum, eine weitere Kollegin wurde schwanger und Stefan blieb weiterhin Karenzvertreter… Die Aufgabenbereiche vermischten sich. „Es verlagert und verändert sich die gesamte Teamstruktur“, beschreibt Stefan die Lage. Auch er selbst, mittlerweile zweifacher Vater, reduzierte auf 30 Stunden die Woche. „Mit Vollzeit würde es mit der Familie nicht funktionieren“, sagt er.

„Eine Retrospektive, die ich immer schon mal machen wollte.“ Florian Widegger empfängt im Metro Kinokulturhaus seinen Gast Edgar Reitz, Februar 2018 (Foto: Severin Dostal).

Florian Widegger, Jahrgang 1986 und in einem kleinen Dorf bei Schärding/OÖ aufgewachsen, ist vielleicht das, was Stefan Messner als „Filmnerd“ bezeichnen würde. Florian erinnert sich: „Mit ca. 12 Jahren habe ich Der Exorzist gesehen, was für mich sehr beeindruckend war. Im Fernsehen habe ich dann diese ‚Nachtfilme‘ angeschaut. Mit 16 kaufte ich mir beim Libro ein Horrorfilm-Lexikon, da standen all diese ‚verbotenen‘ Filme drin, die ich mir dann auf DVD holte. Und wenn man sich bspw. mit dem italienischen Genre-Kino beschäftigt, kommt man irgendwann auf Klaus Kinski, von da auf Werner Herzog, und plötzlich öffnen sich ganz andere Felder.“

In Wien, wo er 2005 mit dem Publizistik-Studium begann, schrieb Florian Kritiken für diverse Filmseiten, insbesondere über B-Movies. Bis heute schreibt er für Filmmagazine wie Celluloid und DEADLINE. Bei einer Pressevorführung lernte er Alessandra Thiele kennen, die damals bei Polyfilm arbeitete. „Ihr habe ich gewissermaßen zu verdanken, dass ich heute hier sitze“, sagt Florian. Nach einem Praktikum führte er gemeinsam mit einer Kollegin die DVD-Abteilung des Verleihs. Herausgebracht wurden österreichische Filme, die Polyfilm im Verleih hatte. Aber Florian wollte tiefer graben: „Ich fand, dass der österreichische Genre-Film zu der Zeit total unterrepräsentiert war. Wir haben dann ein Unter-Label für etwas andere Filme gegründet, wie bspw. die durchgeknallte Horror-Komödie Auf bösem Boden von Peter Koller.“ Auch Perlen des Weltkinos sollten sichtbar werden, u.a. mit der Reihe Japanische Meisterregisseure. „Die Reihe ist gefloppt“, gesteht Florian, „aber theoretisch war das natürlich ein Pionierprojekt, japanische Filme auf den deutschen Markt zu bringen.“

Florians Blick aus seinem Bürofenster.

Florian bewarb sich 2012 beim Österreichischen Filmmuseum, wieder auf Initiative von Alessandra, die mittlerweile dort arbeitete. Er war dort fast täglich Gast im Kino und daher dem Team kein unbekanntes Gesicht. Zwei Jahre lang arbeitete er in der Programmabteilung. Während seiner Zeit beim Filmmuseum kam er bei einer Pressevorführung mit Pierre-Emanuel Finzi, damals beim Stadtkino-Filmverleih tätig, ins Gespräch. Es dauerte nicht lang und Florian arbeitete ab Mai 2014 Vollzeit fürs Stadtkino. „‚Öffentlichkeitsarbeit‘ sagte die Job-Beschreibung, aber die Hierarchien waren sehr flach und jeder hat fast alles gemacht. Beim Programm hat sich die Geschäftsleitung aber nicht viel reinreden lassen.“

Ende 2016, als das Stadtkino Einsparungen vornehmen und auch die zweite Spielstätte, das Filmhaus-Kino am Spittelberg, aufgeben musste, traf es auch Florian. Auf der Suche nach einem neuen Job kam er im Sommer 2017 zum Filmarchiv Austria. Dort wurde jemand gesucht, der die österreichischen Kinostarts betreut. Nach wenigen Monaten bot ihm Filmarchiv-Geschäftsführer Ernst Kieninger die Programmabteilung des zugehörigen Metro Kinokulturhauses an. „Ein Job, den es vorher in dieser Form eigentlich nicht gab“, erzählt Florian, der sogleich die damals bereits geplante Schau und Buchpublikation zu den 1. Österreichischen Filmtagen in Velden betreute. Schnell folgten eigene Retrospektiven: zu Georg Friedrich („war eher eine spontane Idee, weil eine andere Retro ausfiel“) und Edgar Reitz („wollte ich immer schon mal machen“).

Generationenwechsel

Nicht nur in Kinobetrieben findet ein Generationenwechsel selten strategisch, sondern auf natürliche Weise statt: Die, die die Kinos aufbauen und lange führen, übergeben erst mit der Pensionierung an nachrückende Generationen. In Salzburg bspw. hat Michael Bilic, damals 70 Jahre alt, 2017 das Das Kino nach 40 Jahren an die langjährige Mitarbeiterin Renate Wurm abgegeben. Bei anderen Kinos sieht die Situation oft nicht anders aus.

„Das ist ja ein Thema, das nicht nur Österreich betrifft“, meint Stefan. „Der Film-Dienst veröffentlichte zu diesem Phänomen einen Artikel. Die Generation, die in den 1980er Jahren die Kinos oder Verleihe gegründet haben und bald in Pension gehen. Da wird sich schon was ändern, wenn jetzt eine neue Generation an den Hebeln sitzen wird.“

Auch Wiktoria Pelzer spürt den Wechsel. „Das ist jetzt ein blödes Beispiel, weil die Viennale aufgrund Hans Hurchs Tod übergeben wurde. Aber Hans wäre jetzt sowieso in Pension gegangen – und ich finde schon, dass man es merkt, dass eine deutlich jüngere Person und zudem eine Frau übernommen hat.“

„Wenn jüngere Leute in Schlüsselpositionen kommen, muss das nicht gleich eine Revolution bedeuten“, sagt Florian. „Aber es ergeben sich dadurch Veränderungen, die man spürt. Gerald Knell bspw. hat im Filmcasino viel bewegt, finde ich. Dasselbe beobachte ich jetzt beim Stadtkino.“

Florian ist es auch, der „in vielen Belangen eine gewisse Lustlosigkeit“ wahrnimmt. „Manche machen ihre Jobs seit 30 Jahren. Das Kino hat sich da in vielerlei Hinsicht stark verändert, die Modelle meistens nicht. Wenn du ein Programm danach ausrichtest, welche EU- oder österreichische Förderungen du erhältst, dann spielst du das Programm oft nur runter.“

Auch Stefan sieht das ähnlich: „Es wäre schön, wenn man den festgefahrenen Strukturen wieder ein bisschen Komplexität hinzufügen könnte, die aber trotzdem noch gut zu managen ist. Jetzt läuft das halt oft so ab: Der Verleih macht die Filmstarts, kümmert sich um die Medienarbeit, liefert den Film und wir zeigen den im Kino, bis dann halt niemand mehr ins Kino kommt.“ Und das ist bei vielen Filmen nach ein, zwei Wochen der Fall. Ein Umstand, worüber sich auch Wiktoria ärgert: „Man muss den Filmen wieder mehr Zeit geben. Das sind oft längere Prozesse.“ „Man muss Strukturen schaffen, die wieder anderes ermöglichen, als wie es jetzt abläuft“, sagt Stefan.

„Was mir auch fehlt“, ergänzt Wiktoria, „ist ein Wissenstransfer, der nur bedingt stattfindet. Weil vielleicht eine Angst vorherrscht, sich verletzbar zu machen, wenn man eine neue Generation ranlässt oder ihr die Erfahrungen weitergibt.“

Auch deshalb sucht Wiktoria Input und Vernetzung woanders: 2017 nahm sie zum ersten Mal beim CICAE-Workshop teil, bei dem sich KinomitarbeiterInnen aus aller Welt eine Woche lang in Venedig zu einem Trainingsprogramm treffen. „Es ist sehr motivierend, dass Menschen international an ähnlichen Herausforderungen arbeiten und vielleicht schon Lösungen gefunden haben. Dieser Austausch geschieht in Österreich nicht. Hier ist man gleich Konkurrenz. Aber wenn ich wem außerhalb Österreichs was nachmache, dann ist denen das egal, die freuen sich sogar darüber.“

Stefan nahm ein Jahr später am selben Programm teil. „Für mich kam das zum richtigen Zeitpunkt. Es ist total motivierend zu sehen, dass sich viele, vor allem junge Leute wieder Gedanken über Kino machen und darüber, wie sie Kino gestalten sollen. Ich habe bspw. eine Kollegin aus Norwegen kennengelernt, die dort nur für Event-Kino zuständig ist. In einer Viertelstunde hat sich unser Konzept, wie wir das in Linz verfolgen, völlig umgedreht.“

Gekommen, um zu gestalten. Stefan, Wiktoria und Florian vor dem Stadtkino im Künstlerhaus. (Foto: Elodie Grethen)

Die Herausforderungen, vor denen die Kinos und ihre GestalterInnen stehen, sind vielfältig und oft überwältigend.

„Ein Filmfestival ist hochkomplex“, sagt Wiktoria, „aber es ist linear aufgebaut. Hier, im Kino- und Verleihbetrieb, sind wir mit verschiedenen Geschwindigkeiten konfrontiert und man muss sehr auf Zack bleiben, damit man nichts verpasst. Wir sind noch sehr damit beschäftigt, mit den beiden Kinos und dem Verleih den richtigen Rhythmus zu finden. Es ist immer noch eine Herausforderung, so viele verschiedene Veranstaltungen und Filme unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig zu denken.“

„Der Moment, wo Wolfgang Steininger sagt, er geht jetzt in Pension, versetzt mich schon ein bisschen in Stress“, gesteht Stefan. „Er hat in einem Zeitraum von über 30 Jahren das Ganze aufgebaut, Communities geschaffen, wahnsinnig viel probiert. Wir sind mittlerweile das einzige Innenstadtkino, viele Organisationen hängen mit dran, der ganze Bereich ums Offene Kulturhaus, die Gastronomie … Und das in einer Zeit, in der alle von der Krise des Kinos sprechen und davon, dass das Kino untergeht. Diese Krise sehe ich zwar nicht, aber in dieser Zeit ein Kino zu übernehmen, ist schon ein gewisser Druck, der auf den Schultern lastet.“

Ein Druck, den Florian im Metro Kinokulturhaus nicht ganz so spürt. Im Kino, das seine Retrospektiven mit Kinostarts, Sonderveranstaltungen und Filmfestivals mischt, kann er mitunter etwas riskanter programmieren als seine KollegInnen der Programmkinos, wo „Filme immer funktionieren müssen oder der Erwartungsdruck, vor allem bei österreichischen Filmen, viel direkter ist“, wie Wiktoria meint. „Wir haben hier schon eher die Möglichkeit, die vielleicht auch etwas unbekannteren, exotischeren Sachen hervorzukramen“, sagt Florian. „Ich möchte das 2019 noch stärker machen als jetzt.“ Was wichtig sei, und das gelte genauso für Programmkinos: „dass ein Kino sich wieder auf seine Wurzeln besinnt: nämlich wieder ein Programm zu machen. Ein Programm, das eine Begegnung mit Filmen ermöglicht, die dann mehr ist als reiner Konsumvorgang. Wie es kürzlich bspw. das Gartenbaukino mit BlacKkKlansman gemacht hat und rund um Spike Lee ein Programm gestaltete. So stelle ich mir Programmkinoarbeit vor. Filme durch Kontextualisierung aufzuwerten.“

Ähnliches sagt Wiktoria, nur in anderen Worten: „Programmkino heute ist halt nicht mehr Programmkino der 1980er Jahre, das vielleicht vor allem von einer Cinephilie gelebt hat. Das allein reicht heute nicht mehr aus. Ich glaube sehr daran, dass es wichtig ist, dass der Raum des Kinos für verschiedene Formen und Diszipline offen ist; dass man vernetzter, kooperativer, interdisziplinärer denkt.“

Genauso klingt es bei Stefan, der von einer Rückbesinnung auf eine „kommunikative Kinokultur“ spricht, die schon bei der Gründung zentrales Thema gewesen sei. „Communityarbeit passiert eh permanent. Aber ich würde das gerne wieder stärker ins Konzept reinbringen. Und vielleicht auch wieder im Kleinen Dinge probieren, von denen alle vorher immer nur gesagt haben, dass sie nicht funktionieren. Das heißt für mich ja nicht, dass das jetzt die Wahrheit ist und man es vielleicht nicht nochmals oder anders angehen kann.“

Neues oder auch Altes wieder ausprobieren, Konzepte erarbeiten, über das Kino von heute nachdenken: Klingt alles wichtig, ist aber in der Arbeitsrealität der KinogestalterInnen und dem Druck, dem sie unterliegen (viele Kinostarts, laufende Betreuung von Events und Sonderveranstaltungen, Kampf um Aufmerksamkeit und ums (vor allem junge) Publikum, …), oft schwer umsetzbar. „Es ist natürlich schwierig“, sagt Stefan, „im Kinoalltag die Perspektive nicht aus dem Auge zu verlieren. Man steht fast täglich vor neuen Herausforderungen. Und sich da zeitgleich Gedanken darüber zu machen, wie man das Ganze dann einmal weiterführen will oder wie man dorthin kommt, ist sehr schwierig.“

„Ich hätte einen Wunsch an den Büroalltag“, sagt Wiktoria. „Dass wir bspw. eine Stunde in der Woche klar der inhaltlichen Diskussion widmen. Denn das ist ja unser Kapital. Aber immer kommen ‚wichtige‘ oder ‚dringende‘ Dinge rein. Wir müssen Strukturen finden, in denen wir solche Diskussionen und Überlegungen wieder ermöglichen.“

Und was Stefan Messner hier abschließend sagt, könnte vermutlich genauso von Wiktoria Pelzer oder Florian Widegger kommen:

„Die Möglichkeit, wie all das funktionieren kann, ist, das man den Druck auf den Schultern verteilt. Wir haben ein extrem super Team und es wird hoffentlich nie nur an mir liegen, dieses Ding weiterzubewegen und weiterzuentwickeln. Es findet in Österreich ein Generationswechsel statt, in dem neue Leute in die Positionen hineinrutschen, und ich glaube, dass das eine total spannende Zeit wird.“

von Dominik Tschütscher, im November 2018
Gruppenfoto oben von Elodie Grethen