Manu Molin | Animationsfilmemacherin, BKA Startstipendiatin 2019
Porträts

Manu Molin | Animationsfilmemacherin, BKA Startstipendiatin 2019

Februar 2020

Wenn in animierten Welten Fantasie auf Realismus trifft

 

Manu Molin kreiert fantastische Welten, in denen Geschichten von Familie und Erwachsenwerden humorvoll, aber realistisch verhandelt werden. Im Animationsfilm fühle sie sich zu Hause. Nach Stationen im Ausland lebt Manu seit einiger Zeit wieder in Wien und arbeitet während des BKA-Startstipendiums an ihrem ersten Langfilm. Von den hiesigen Förderstellen wünscht sie sich ein Umdenken.

Schon früh ist Manu, 1983 in Wien geboren, begeistert vom Kino. Viennale-Besuche sowie Reisen nach Łódź zum CAMERIMAGE International Film Festival, filmaffine FreundInnen und Workshops, etwa am Medienzentrum oder der Filmschule Wien, sind prägend für die Entscheidung, Animationsfilm zu studieren. Ausschlaggebend ist letztendlich jedoch ein Sommerkurs an der Filmschule Zlín in Tschechien, hier arbeitet Manu erstmals mit Animation und bewirbt sich in Folge 2004 für ein reguläres Studium.

„Bevor ich mit Animation in Kontakt gekommen bin, habe ich viel fotografiert, mir Geschichten ausgedacht, mich für Lichtsetzung im Film und auch für Bühnenbild interessiert. Meine Liebe für Animationsfilme und für den Film im Allgemeinen war immer in mir. Als ich dann während eines Workshops in Tschechien zum ersten Mal selbst mit Legetricktechnik eine kleine Geschichte animiert habe, haben sich alle meine Interessen in einem Medium vereint und ich habe mich wie zu Hause gefühlt.“

Die Filmschule Zlín ist ein durchwegs besonderer Ort: angesiedelt in den auf einem von Wald umgebenen Hügel gelegenen ehemaligen Gottwaldov-Filmstudios, in denen in den 1960er Jahren große Trickfilme entstanden, und ausgestattet mit wenigen materiellen Ressourcen. Unterricht an sich gibt es wenig, es geht in erster Linie ums Ausprobieren und ums gemeinsame Tun.

Obwohl vorab versichert wurde, dass das Studium auch englischsprachig sei, gestaltet sich der Studienalltag anders: Manu lernt Tschechisch und schließt sich mit der einzig anderen nicht tschechischsprachigen Studienkollegin zusammen – sie hat in Japan bereits Kamera studiert, bringt Erfahrung im Puppenanimationsfilm mit und bleibt über die gesamte Studienzeit eine wichtige Verbündete und Inspirationsquelle für Manu.

In einem langen Sommer nach ihrem Abschluss entsteht in den Studios, die ihr die Schule zur Verfügung stellt, Manus erster Kurzfilm, die Puppenanimation Emily Winter (2007, 5 Min.). Darin versucht die kleine Emily, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat, mit einer wundersamen Flugmaschine aus ihrer Stadt auszubrechen. Mithilfe von KollegInnen und Familie wird drei Monate lang gearbeitet, gebaut, gedreht.

„Es waren Zwanzig-Stunden-Tage ohne Pause. Ich hätte das nur dort machen können, der Platz war da, der Baumarkt war ums Eck. Das war eine anstrengende, super-intensive und tolle Zeit, die ich seitdem in der Intensität nicht mehr erlebt habe.“

Ein Jahr lang ist Manu zwischen Prag, München und Wien mit der Postproduktion ihres ersten Films beschäftigt. Im Rückblick ärgert sie sich, wenig über die Verwertung von Animationsfilm gewusst zu haben, Emily Winter läuft dennoch auf einigen großen Festivals.

Still aus Emily Winter (AT 2007, 5 Min.).

Making-of von Emily Winter. Oben: Skizze und Puppe, unten: Manu Molin am Set gemeinsam mit Studienkollegin Naoko Jonori.

Der Wunsch nach mehr Basis und Wissen bewegt Manu 2007 zur Bewerbung an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Sie wird auf Anhieb genommen und verbringt die nächsten sieben Jahre dort.

Schulinterne Pitchings, Projektarbeit 24/7, viel praktische Teamarbeit und Eigeninitiative dominieren das Studium. Inspirierend sind die Gastdozierenden und AutorInnenfilmschaffenden der Regie-und Kameraabteilung. Regelmäßig setzt Manu sich in Vorträge und Masterclasses. Ludwigsburg ist ein Ort, an dem wichtige FreundInnen- und KollegInnenschaften entstehen. Die dort gewachsenen Kontakte und der daran gebundene kreative Austausch bestehen bis heute.

„An der Entwicklung einer neuen Idee arbeite ich meist allein oder im Feedback-Austausch mit einer Kollegin und Freunden. Ab der Vorproduktion, wo es um Designfragen, Planung, das Bauen und Machen geht, ist mir Teamarbeit wichtig, und es macht mich glücklich, wenn am Ende meine ursprüngliche Idee durch das Zusammenspiel mehrerer kreativen Köpfe größer geworden ist, als ich sie mir am Anfang erdacht habe.“

Nach ihrer Rückkehr nach Wien arbeitet Manu als Regie und Produktionsleitung in einer Virtual Reality Produktionsfirma und sammelt neue Erfahrungen in der Arbeit mit dem Medium VR/AR, nebenher entwickelt sie ihre künstlerischen Arbeiten und Filme.

An der Filmhochschule in Ludwigsburg entstanden: Eiskarl, von Manu Molin & Nicolas Steiner (DE 2014, 9 Min.) (© Filmakademie Baden-Württemberg)

Die Geschichten für Manus Filme kommen aus ihr heraus, selten handelt es sich dabei um lange Konzeptions- oder Rechercheprozesse. Ihre ProtagonistInnen sind oft Kinder und ihre Narrative oszillieren um Familienkonzepte und Kopfwelten, zwischen Fantasie und Realität.

„Ich möchte meine Geschichten als Komödie erzählen, aber mit Augenblicken des Realismus. Die Filme beschäftigen sich auf eine humorvolle und fantastische Weise mit ernsten Themen wie Einsamkeit, dem Fehlen eines Elternteils oder einer Familie und der Sehnsucht nach Liebe. Meine Figuren haben alle Sehnsüchte, die sie lange unterdrückt hatten, denen sie schließlich aber nachgehen. Sie suchen nach Freundschaft, Liebe, nach Freiheit und ihrem eigenen Weg, sie wollen etwas verändern.“

Manus Arbeiten zeichnen sich durch eine sehr haptische, organische Ästhetik aus. Gemischte Materialien, Puppen und eindringliche Soundtracks und präzises Sounddesign verleihen ihren Welten, die fantastische Elemente und reale Umstände vereinen, eine magische Atmosphäre.

„Ich bin frei in der Gestaltung meiner Figuren, auch bei der Ausarbeitung der Sets und der Welt, in der die Geschichte spielt. Dadurch, dass alles Miniatur ist, ist auch alles möglich, ohne dass ich ein gigantisches Filmstudio mieten muss. Das Lichtsetzen und das Arbeiten an einem realen Set mit echten Materialen ist sehr besonders und schön. Es ist auch ein Nervenkitzel und eine Herausforderung alles so zu planen, dass der Dreh auch gelingt. Das heißt, wenn erst einmal alles im Kasten ist, gibt es kein Zurück. Auch sich während des Animierens ausschließlich auf das Animieren zu konzentrieren, im Hier und Jetzt zu sein und keine Ablenkung zuzulassen, ist toll.“

Ihre Inspiration schöpft Manu schon immer aus allen möglichen Kunstformen, meist abseits des Animationsfilms, darunter etwa Fotografie, Architektur, Raumgestaltung oder Lichtdesign. Das genaue Beobachten von Alltagssituationen gehört auch dazu. Raumkonstruktionen, Licht und Schatten sind für sie auch in den eigenen Arbeiten unheimlich wichtig.

Manu nennt Filmemacher wie Don Bluth, Hayao Miyazaki, Karel Zeman oder Federico Fellini als große Vorbilder. Fantasy- und Familienfilme aus den 1980er Jahren, aber auch alte Disney-Produktionen oder osteuropäische Märchenfilme stellen ebenso einflussreiche Referenzen für ihre Arbeit dar. Filme wie Disneys Dumbo, Die Hexe und der Zauberer sowie Don Bluths Feivel, der Mauswanderer, Henry Selicks´Coraline, aber auch neuere Produktionen wie Tomm Moores Melodie des Meeres oder Claude Barras Mein Leben als Zucchini bieten wichtige Inspiration.

„Die Filme von Don Bluth zum Beispiel haben sich für mich immer anders angefühlt als andere Filme von Disney. Die Erzählweise ist für mich sehr besonders, weil er viel Raum für Traurigkeit und Melancholie lässt. Das heißt, das Nebeneinander von lustigen Szenen, humorvollen Figuren und zutiefst traurigen Momenten, die mich wirklich berühren, passiert ganz selbstverständlich.“

Manu bei der Arbeit an ihrem aktuellen und ersten Langfilmprojekt: Herzklopfen in der Nacht.

Eigentlich würde Manu sich der Zuordnung ihrer Zielgruppen gerne entziehen, jedoch gibt die Produktionslogik vor, sich als Filmschaffende für Kinder oder für Erwachsene zu deklarieren. Einerseits ist die Zuschreibung, dass Animationsfilm für für Kinder geeignet sei, sobald Kindercharaktere vorkommen, problematisch. Andererseits bedauert Manu auch die häufige Skepsis gegenüber offenen Erzählungen, die sowohl für Erwachsene als auch für Kinder funktionieren können.

Überhaupt findet sie, dass Medienproduktion für Kinder viel mehr kann, als sich hierzulande getraut wird. Es gibt wenig Offenheit im Bezug auf Neuproduktionen im österreichischen Fernsehen, das Meiste wird von den Immergleichen produziert oder zugekauft. Familien und Kinderprogramme sind oftmals unzeitgemäß und folgen einer altbackenen Logik und Ästhetik. Als positive Referenz nennt Manu etwa die Produktionen des französischen Studios Folimage.

„Die Leute wissen oft gar nicht was es an spannenden Sachen gibt, auch FreundInnen von mir mit Kindern sind immer wieder überrascht, wenn ich ihnen zeige, was alles existiert und was auf europäischer Ebene produziert wird, aber das gilt nicht nur für Animationsfilm, sondern für Kinder- und Familienformate im Allgemeinen.”

Die Aufmerksamkeit für narrativen Animationsfilm in Österreich ist überschaubar, meist werden experimentelle Formen zentriert und narrativen Formen wird oftmals die Ernsthaftigkeit abgesprochen. Das zeigt sich auch in Fördermöglichkeiten und der Verwertung. Die lokalen Förderstrukturen spiegeln oft das fehlende Bewusstsein für den Aufwand und, verglichen mit szenischen Filmen, eine völlig andere Produktionsweise narrativer Animationsfilme wider. Internationale Pitchings ermöglichen den Austausch, das Werben und somit die Arbeit an narrativen Projekten auf hohem Niveau, ohne internationale Koproduktionen ist das Realisieren solcher Filme fast unmöglich. Das geht mit einem ungemein hohen Aufwand einher, da für jede Einreichung und für jedes Pitching bereits Visualisierungen und umfassendes Material produziert werden müssen.

„Der Produktionsablauf meiner Filme ist sehr klassisch für einen narrativen Animationsfilm. Das bedeutet, dass ein sehr großer Teil der Arbeit und somit auch des Budgets bereits für die Vorproduktion benötigt wird. Anders als bei experimentellen Formaten oder etwa einem Spielfilm werden in meinem Fall der gesamte inhaltliche Ablauf sowie das Timing des Schnitts und der Animationen mithilfe von Storyboard und Animatic (Zusammenschnitt eines Storyboards in bewegtem Bild) schon vor dem Dreh festgelegt, um beim Dreh Zeit und Geld zu sparen. Schnitt, Musik und das grobe Sounddesign werden bereits vorab angelegt. Ich wünsche mir daher von den Förderstellen ein Umdenken, was Kalkulationen betrifft.”

Ein Ort, an dem neben experimentellen Arbeiten auch viele internationale narrative Animationsfilme eine Leinwand finden, ist das Tricky Women / Tricky Realities Animationsfilmfestival in Wien, für Manu eine wichtige Quelle für Inspiration und ein Raum für Austausch und Zusammenkommen mit internationalen AnimationsfilmemacherInnen. „Bis jetzt gibt es wenige Frauen, die in der Animationswelt in führenden Positionen arbeiten bzw. eigene Langfilme produzieren. Das wird sich ändern“, sagt Manu.

Oben: Skizzen der Charaktere des Langfilmprojekts Herzklopfen in der Nacht. Unten: Design der Hauptfigur Charlotte.

Im Rahmen ihres BKA-Startstipendiums arbeitet Manu nun an ihrem ersten Langfilm, Herzklopfen in der Nacht, und der Umsetzung einer schon länger geplanten Kurzfilmproduktion, Frida. Ein halbes Jahr finanziert zu sein, geht mit vielen Möglichkeiten einher. Gerade in der Entwicklung des Stoffes gibt ihr das Stipendium den Spielraum, neue Zugänge zu finden und sich im Hinblick auf internationale Pitchings vorzubereiten.

„Dass alle Prozesse ihre Zeit brauchen, hat etwas Gutes, da viel entstehen kann, es kann aber auch mal nerven. In solchen Momentan habe ich dann immer Lust, etwas Dokumentarisches oder Szenisches zu drehen. Während des Studiums habe ich in einem Animationssemester die Erlaubnis bekommen, meine Geschichte, die als Animationsfilm angelegt war, szenisch mit Schauspielern, Set, etc. umzusetzen. Das wurde ein Zwanzigminüter und es hat sehr gut getan, zwischendurch auch mal was ‚Schnelles’ zu produzieren.“

Basis ihres Langfilmstoffes ist eine einst als Kurzfilm angelegte Geschichte, die letztendlich aber einer längeren Erzählung und mehr Raum bedarf. So ist ein erheblicher Teil der Arbeit und des Prozesses ein Neuanlegen, Erweitern, Überarbeiten und Weiterdenken. Dazu greift Manu zu für sie gut funktionierenden Methoden und versucht, sich den Charakteren, Räumen und Geschichten über Skizzen zu nähern. Zentrale Figuren des Langfilms sind die achtjährige Charlotte und ein ungewöhnlich sturer Vogel namens Kakapo, deren Begegnung Charlottes durchgetaktetes Leben auf den Kopf stellt und das Tor zu einer fantasievollen Anderswelt darstellt.

Der Kurzfilm Frida, der ebenfalls gerade im Entstehen ist, oszilliert um seine Protagonistin Frida, die auf der Suche nach ihrem Vater Freundschaft mit Fredl, einem kuriosen Freddy-Mercury-Imitator schließt.

„Ich mag es, wenn Realismus auf Fantasie trifft. Das lebe ich in der Erzählung aus und auch in den Sets und Charakteren, die aufeinandertreffen. Wie etwa der in meiner Geschichte schon längst ausgestorbene Kakapo-Vogel, der als Fabelwesen wie aus einer anderen Zeit gefallen auf die kleine Charlotte in der modernen Stadt trifft. Oder wie in einer verlassenen Werkstatt das Schrottmännchen Eiskarl ein Tor in eine fantastische Welt entdeckt, in der alles Tote lebendig ist.“

Immer wieder kommt Manu der Gedanke auf, doch wieder an einen anderen Ort zu ziehen, aber zurzeit wird Wien darauf erprobt, ob es nicht doch ein guter Arbeitsstandort sein kann, um von hier aus den Stellenwert von Animationsfilm auch innerhalb der Branche zu stärken.

Als erste Animationsfilmemacherin das Startstipendium erhalten zu haben, versteht Manu als Zeichen der Anerkennung, das bedeutet für sie nicht nur persönlich, sondern auch in Bezug auf narrativen Animationsfilm einen Schritt in die richtige Richtung.

von Djamila Grandits, Januar 2020
Porträtfoto  oben © Elodie Grethen für Cinema Next
Alle anderen Bilder zur Verfügung gestellt von Manu Molin