Gibt es Gemeinsamkeiten, die über das bloße ‚In-der-Filmkultur-Sein‘ hinausgehen?
Sichtweise

Gibt es Gemeinsamkeiten, die über das bloße ‚In-der-Filmkultur-Sein‘ hinausgehen?

Andrey Arnold, März 2019

Andrey Arnold, in Moskau geboren, in Oberösterreich aufgewachsen, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien. Er schreibt über Filme, vornehmlich für Die Presse, aber auch für jugendohnefilm.comperlentaucher.de, Kolik.Film u.a. Als Mitglied der KuratorInnengruppe Diskollektiv konzipiert er Trouble Features für Festivals wie Diagonale und Crossing Europe. Zusammen mit Patrick Holzapfel hat Andrey eine Schau zum Filmland Rumänien gestaltet, die noch bis 4. April im Wiener Metro Kino läuft.

Der folgende Text wurde am 23. März 2019 als 5-Minuten-Impuls im Rahmen des Cinema Next Breakfast Club der Diagonale’19 zum Thema „The Future is … us!“ vorgetragen.

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Als Cinema Next mich zu diesem Breakfast Club eingeladen hat, habe ich mich natürlich gefreut, aber ehrlich gesagt war ich auch ein bisschen skeptisch. Ich habe zurückgeschrieben, dass ich als Filmkritiker einer Tageszeitung zwar zwangsläufig Teil der österreichischen Filmkultur bin, mich aber nie wirklich als Teil der hiesigen „Filmbranche“, um die es heute gehen soll, gefühlt habe. Warum das so ist, kann ich nicht genau sagen, aber es hat sicher damit zu tun, dass ich in vielerlei Hinsicht zwischen den Stühlen stecke.

Ich bin kein Insider, wie manche meiner älteren Kolleginnen und Kollegen, aber auch kein Influencer wie manche meiner jüngeren. Hauptberuflich schreibe ich im traditionellen Format für ein klassisches Printmedium, aber angefangen habe ich bei einem Blog, und meine längeren, persönlicheren Texte erscheinen meistens nur online. Ich interessiere mich für das Kino, das in Österreich entsteht – aber selten aus dem Grund, weil es in Österreich entsteht.

Wenn man mich fragt, wie ich mir die Zukunft der heimischen Filmkritik vorstelle, habe ich keine eindeutigen Antworten parat. Seit ich schreibe, sagt man, dass die Filmkritik weltweit in einer Krise steckt. Eigentlich sagt man das schon immer. Gleichzeitig sind mir in den letzten sechs, sieben Jahren (so lange bin ich ungefähr „dabei“, wie man sagt) keine gravierenden Veränderungen im filmkritischen Tagesgeschäft aufgefallen. Vielleicht sollte mir ja genau das Sorgen machen?

Was ich schon merke, ist, dass relativ wenige Kritikerinnen und Kritiker nachkommen, die jünger sind als ich – aber vielleicht suche ich nur an den falschen Stellen. Was mir auch auffällt, ist, dass sich im Internet, vor allem im englischsprachigen, neue Formen der Auseinandersetzung mit Film zu entwickeln beginnen, Formen, die viel stärker auf die Eigenheiten und Dynamiken sozialer Medien abgestimmt sind, die ganz andere Diskurse bedienen als die traditionelle Cinephilie und mit „Filmkritik“ beileibe nicht nur Texte über Film verbinden. Mit manchen Aspekten dieser Entwicklung kann ich viel anfangen, mit anderen weniger.

Außerdem gehen die Wahrnehmungen von dem, was Film ist, immer weiter auseinander – und ich meine damit keine Vielfalt der Zugänge, sondern eher eine Vielfalt der Scheuklappen. Das Angebot wächst, aber mehr Angebot hat noch nie mehr Diversität oder mehr Offenheit bedeutet. Viele tolle Filme, die ich sehe, kommen bei uns nie ins Kino, sondern werden vorab mit dem fragwürdigen Label „Festivalfilm“ versehen und ins Nischenkammerl abkommandiert. Ich frage mich, wie ich dem entgegenwirken kann, und mir ist klar, dass ein paar Absätze in einem Diagonale-Bericht nicht ausreichen.

Dazu kommen die Digitalisierung, Streamingangebote, veränderte Sehgewohnheiten, die Auflösung des Filmbegriffs an sich, etc. Sie kennen das alles, dazu kann ich Ihnen nichts Neues erzählen. Als Filmkritiker der Branche zu verkünden, was ich mir vom österreichischen Kino erwarte, wäre mehr als anmaßend. Zu fragen, was sie sich von mir erwartet, nicht weniger absurd. Aber wenn ich ehrlich bin, sind das genau die Sachen, die ich spannend finde.

Natürlich interessiert es mich, wie, wo und warum Filmkritik rezipiert wird, welches Bild man von ihr hat, welche Rollen man ihr zuschreibt, was man sich von ihr wünscht. Ein gewisses Maß an Distanz ist wichtig, besonders in einer Branche, die so klein und engmaschig ist wie die österreichische. Aber zu viel Distanz führt direkt in den Elfenbeinturm, der bei mir wohl eher ein Turm aus Pappmaschee wäre – Elfenbein ist teuer.

Serge Daney hat einmal gesagt, dass Filmkritik eigentlich nur dazu da ist, um eine Bahn zu ziehen. Aber um eine Bahn ziehen zu können, muss man zumindest eine leise Ahnung davon haben, wo es hingehen könnte. In Bezug auf die jüngere österreichische Filmszene bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Ahnung habe. Ich sehe viele faszinierende Arbeiten und Veranstaltungen, klar. Aber was mich neugierig macht, ist, ob es dahinter Gemeinsamkeiten gibt, die über das bloße „In-der-Filmkultur-Sein”, den Mangel an finanziellen Mitteln und die prekären Beschäftigungsverhältnisse hinausgehen.

Was sind zum Beispiel die Vorstellungen von Kino, davon, was dieses Medium ist und was es sein könnte, gibt es da ähnliche Perspektiven? Was sind die programmatischen Zielsetzungen und ästhetischen Überzeugungen, wenn es denn welche gibt? Wie schauen die Utopien aus? Für wen macht man das, was man macht, eigentlich? Wie will man diese Menschen erreichen, welche Kanäle möchte man bespielen? Das sind die Fragen, die mich in diesem Kontext beschäftigen.

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Veröffentlicht am 27. März 2019