Christine Moderbacher | BKA Start-Stipendiatin 2014
Talents to Watch

Christine Moderbacher | BKA Start-Stipendiatin 2014

Januar 2015

Christine Moderbacher (Jg. 1982) aus St. Pölten hat Ethnologie und Visuelle Anthropologie studiert, macht Dokumentarfilme und lebt derzeit in Belgien. Sie ist eine der fünf START-StipendiatInnen 2014 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im Jänner 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

Mit einer philosophy of life eiert die englische Sprache herum, im Französischen schmückt man sich mit der concéption du monde für eine Sache, für die die deutsche Sprache eine bestechend treffsichere Bezeichnung parat hält: Weltanschauung. Dieses wunderbar einfache Wort vereint den Komplex einer Tätigkeit und einer Haltung. Wer die Welt sehenden Auges anschaut, wird sie auch deuten. Zu diesen glücklichen Personen zählt Christine Moderbacher. Aber als Reisende verstehe sie sich nicht. Nicht mehr.

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Zu Gast beim Internationalen Film Festival Rotterdam, 2014

„Touristisches Reisen hat mich nie wahnsinnig interessiert. Wenn, dann waren es längere Aufenthalte irgendwo – in Amerika, Belgien, England, Tunesien. Das war immer mindestens ein Jahr. Aber jetzt hab ich eher das gegenteilige Gefühl, dass ich nach 15 Jahren nicht mehr dauernd herumwechseln will, sondern ein bissl Stillstand brauche. Die Idee ist, in Belgien zu bleiben, aber oft nach Österreich zu kommen.“ Was für eine lustige Idee von Stillstand!

Von Familienverhältnissen
und gutmenschelnder Entwicklungshilfe

Tatsächlich wird sie für das Projekt, mit dem sie sich für das Startstipendium beworben hat, nach Nigeria reisen. Was ursprünglich von ihrem Vater ins Rollen gebracht wurde. „Die spannendsten Filme“, sagt Christine, „fangen mit einem persönlichen Zugang an.“ In diesem Fall interessiert sie das Verständnis- und Verständigungsproblem zwischen Eltern und Kindern. Ein weites Feld also, das als Interaktion zwischen ihrem Vater, der als Straßenarbeiter auf der Autobahn tätig war, und der Filmemacherin selbst angelegt ist.

„Vor allem, wenn du vom Land kommst und aus einer Familie, die nichts künstlerisch Intellektuelles macht, kann man sich gegenseitig nicht vorstellen, wie das Leben so ist. Genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, was mein Vater 40 Jahre lang gemacht hat, kann sich mein Vater vorstellen, wie ich mein Geld verdiene.“

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Ein Bild aus früheren Zeiten: Christine mit ihrem Vater

Eine zweite Ebene des Films wird von gutmenschelnder Entwicklungshilfe handeln, von Spenden, von Patenkindern, von katholischer Missionierung. Christine Moderbachers Vater möchte zum ersten Mal in seinem Leben nach Afrika reisen, um in Nigeria beim Bau einer Schule mitzuhelfen. Er möchte, dass seine Tochter mitreist. Sie möchte aus dieser Reise einen Film machen, über „Erwartungshaltungen und Anpassungsschwierigkeiten – die im fremden Land und die in der eigenen Familie.“

„Marokko war Hippie,
Algerien ist wirklich schwierig als europäische Frau
und nach Tunesien wollte niemand.“

Christine Moderbacher, die 1982 in einem kleinen Dorf in Niederösterreich geboren wurde, war nach der Matura ein Jahr in Amerika in einem Schwimmteam „und da hatten wir einen marokkanischen Schwimmlehrer, der jeden Tag in der Früh aus großen Boxen laute arabische Musik gespielt hat. Und da hab ich mir gedacht, da mag ich hin.“ Sie hat daraufhin die Ausbildung für Deutsch als Fremdsprache gemacht und sich für Marokko, Algerien und Tunesien beworben.

„Marokko war Hippie, Algerien ist wirklich schwierig als europäische Frau und nach Tunesien wollte niemand, weil das so den all-inclusive-Hotel-Charme hatte, damals 2004. Deswegen hab ich die Stelle gekriegt“, sagt sie in ihrer unprätentiösen Art. Christine ist zwei Jahre lang geblieben, hat begonnen, sich mit Kolonialismus und Postkolonialismus zu beschäftigen und hat – wieder in Wien – ein Studium begonnen, von dessen Existenz sie in ihrer Schulzeit nie etwas gehört hatte: Ethnologie.

„Ich bezeichne mich selbst nicht als Filmemacherin.
Eher als Anthropologin.“

Während ihres Studiums in Wien ist Christine Moderbacher „eher zufällig“ zum Medium Film gekommen. Sie hat sich mit Flucht und Migration beschäftigt, Radiosendungen gestaltet und Artikel, etwa für das Magazin Südwind, geschrieben, die „überhaupt niemand gelesen hat, obwohl das Thema so wichtig war“. Im Zuge ihrer Recherchereisen hat sie gemeinsam mit einer Freundin, Annika Lems, beschlossen, über Flüchtlinge aus Tunesien auch einen Film zu machen.

„Das war 2006, 2007, als langsam die ganzen Lampedusa-Geschichten bekannt wurden. Wir haben einen Film über zwei tunesische Freunde gemacht, die jedes Jahr über fünf Jahre hinweg probiert haben, mit einem Boot nach Italien zu kommen. Die beiden kommen aus einem Fischerdorf im Norden. Dort ist eine Landspitze, die nach Italien zeigt. Wenn das Wetter gut ist, dann sieht man Pantelleria. Die männliche Jugend sitzt am Strand, raucht und sieht die Insel, zu der sie nicht hin kann.“

Nach einigen gescheiterten Überfahrt-Versuchen hat es einer der beiden tunesischen Freunde geschafft, in Italien Asyl zu erhalten. Der andere wurde zurück geschickt. Beide sind unglücklich, der eine, weil er sein Ziel nicht erreicht hat, der andere, weil das Ziel nicht so großartig ist, wie er es sich erhofft hatte.

„Wir haben eine kleine Mini-DV-Kamera mitgenommen und für die Radioshow aufgenommen. Und weil das Ganze dann inhaltlich viel interessanter war, als wir uns gedacht hatten, ist ein Film daraus geworden. Den ich jetzt allerdings formal nicht mehr als Film bezeichnen würde, eher als Reportage.“ Wie auch immer, das Ergebnis wurde gezeigt, verbreitet, fand ein Publikum und hat mit zu einem Bewusstsein über die Abschottungspolitik Europas beigetragen.

Christine publiziert weiterhin Artikel in englischsprachigen Magazinen (z.B. hier), macht Installationen für Museen, spielt mit dem Gedanken, „etwas Fiktives“ zu schreiben, denn: „Was ich gerne mag, ist Geschichten erzählen. Wenn mich Leute fragen, sag ich selten, dass ich Filmemacherin bin. Eher Anthropologin.“

„Die meisten anthropologischen Filme sind künstlerisch schlecht und langweilig.“

Nachdem sie ihr Studium in Wien abgeschlossen hatte, hat sie einen Master in visueller Anthropologie an der Universität von Manchester gemacht und daraufhin einen Lehrgang am außeruniversitären Institut „Sound Image Culture (SIC)“ in Brüssel belegt.

Das SIC wurde von AnthropologInnen und KünstlerInnen gegründet, denen die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Form genauso wichtig ist wie das Geschichtenerzählen auf Augenhöhe mit den Menschen, denn, so Christine Moderbacher, „die meisten visuellen anthropologischen Filme find ich langweilig. Wirklich. Das ist auch meine generelle Kritik an der Ausbildung als visuelle Anthropologin, dass es zwar einerseits viel um Repräsentation, Gegenbilder und so weiter geht, aber andererseits kaum über die Form nachgedacht wird. Deswegen sind die meisten anthropologischen Filme künstlerisch schlecht und langweilig.“

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Lettre à Mohamed, 2013, 35 min 

Der einjährige Lehrgang am SIC, während dessen sie von einem Mentor begleitet wurde, habe sie am meisten beeinflusst. In dieser Zeit ist ihr letzter Film Lettre à Mohamed entstanden. Als sie ein Monat nach der Revolution im Jahr 2011 nach Tunesien gefahren ist, sei ihr aufgefallen, dass die Menschen von der Revolution sprechen, als handle es sich um ein historisches Ereignis, „das 30, 40, 50 Jahre zurückliegt. Da war so eine Nostalgie und jeder war irgendwie heldenhaft involviert und so ist die Idee entstanden, mit Super8 aufzunehmen, weil es ein historisches Material ist. Zweitens habe ich die Menschen gefragt, ob sie die Revolution oder kleine Aspekte davon für mich nachspielen können.“

Ein filmischer Brief an Mohamed

Am Anfang des Films wirft die Sonne Schatten von Männern mit Stöcken auf eine Hauswand. Man hört ihre Stimmen. Später, nachts wirft ein Feuer das Schattentheater über die Revolution auf die Wand. Kurz darauf hört man die Stimme der Regisseurin, die einem Freund von ihrer Neugierde auf dieses neue Tunesien berichtet.

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Der Off-Kommentar sei ihr am schwersten gefallen, zig Versionen habe sie verworfen, um ja keine Nabelschau zu betreiben, keinen „Film als Eigentherapie“ zu machen, wie sie sagt. Es sei verführerisch gewesen, den Text privater zu gestalten, ihre persönliche Lebensgeschichte in Tunesien zu erzählen, doch im Endeffekt bewegt sich Christine Moderbacher gekonnt auf dem schmalen Grat einer aus subjektiver Sicht betrachteten Gesellschaft, die zu einem Neubeginn erwacht. Einem Neubeginn, dessen Wesen sich erst formen muss.

„Es war einer der Hauptgedanken des Films, dass ich damit spiele, dass alles nur eine subjektive Wahrheit ist, also dass das keine generelle Aussage über das Land ist. Ich glaub, man kann das auch über das eigene Land machen. Wobei – das geht aus dem Film nicht hervor – ich war seit 2004 für neun Jahre mit einem Tunesier verheiratet und hab die Hälfte meiner Zeit in Tunesien verbracht, was dazu geführt hat, dass Tunesien mindestens so viel zu Hause ist wie Österreich.“

Man kann sich nicht verstecken. Deswegen gleich offensiv.

In der Tradition der visuellen Anthropologie stehend, filmt Christine Moderbacher selbst, arbeitet allein oder mit kleinem Team, agiert dialogisch mit dem, was vor der Kamera passiert, sucht den direkten Kontakt, filmt nicht für ein Publikum, sie ist das Publikum. So dass man als BetrachterIn das Gefühl hat, selbst in einer Wohnküche in Tunesien zu sitzen. Sie führt keine Interviews, sie beobachtet. Dennoch, eine Kamera, ein Mikrophon, selbst ein Notizblock beeinflussen eine Gesprächssituation. So etwas wie ein unsichtbarer Beobachter existiert nur im spirituellen und im virtuellen Raum.

Christine hat sich zwar mit dem Observational Cinema, in dem die Kamera so tun soll, als wäre sie eine Fliege an der Wand, beschäftigt, glaubt aber nicht daran: „Ich halt nix davon, dass man sich in eine Ecke setzt und eine Stunde lang beobachtet. Das ist langweilig und meiner Ansicht nach auch von vornherein uninteressant. Die klassischen eineinhalb Stunden Beobachtungen von Essenszubereitungen, das ist nicht so meins.“

Da man sich nicht verstecken kann, arbeitet Christine Moderbacher von vornherein offensiv und persönlich und gibt nicht vor, kulturelle Studien mit Wahrheitsanspruch vorzulegen. Stattdessen lädt ihre Arbeit uns dazu ein, die Welt anzuschauen und eine Haltung zu entwickeln.

von Anna Katharina Laggner, Jänner 2015
(Portraitbild oben von Natascha Unkart)