Christoph Rainer| BKA Startstipendiat 2015
Talents to Watch

Christoph Rainer| BKA Startstipendiat 2015

November 2015

„Für mich ist die Welt wahnsinnig filmisch, Kino ist überall.“

Christoph Rainer (Jg. 1985) aus Klosterneuburg ist Drehbuchautor, Regisseur und hat das Kurzfilmfestival Shortynale begründet. Er ist einer der fünf StartstipendiatInnen 2015 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im November 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

Das Toronto Film Festival bat Christoph Rainer 2013 um ein filmisches Selbstporträt – unter verschärften Bedingungen: eine klassische Kamera sollte dafür nicht verwendet werden. Also hat der Österreicher sich seinen Laptop geschnappt. Denn welcher Gegenstand könnte schneller Auskunft über die eigene Persönlichkeit geben?

„Grob gesehen ist Film die magische Mischung aus Bild und Ton. Und ich bin ein riesiger Fanatiker von Ton. Mit dem Bild erreicht man die Augen der Zuschauer und mit dem Ton die Seele“, sagt Christoph im Gespräch über die Herangehensweise an seine Arbeiten. „Ganz subtil und ohne, dass man versteht, woher es kommt, fährt einem der Film dann unter die Haut. Das liebe ich.“ Die Arbeit am Sounddesign kann bei einem Kurzfilm dann schon gut und gerne vier Monate in Anspruch nehmen. „Ich habe das Gefühl, die besten Filmemacher sind jene, die eigentlich immer Musiker werden wollten. Auch der Haneke wollte Pianist werden, meint aber, dass er nie gut genug gewesen wäre.“

Beim „Haneke Michel“ an der Wiener Filmakademie beginnt Christoph als 21-Jähriger, das gute, alte Genre „Familientragödie“ zu erlernen. Während seines Studiums in Wien macht er „eher raue, audiovisuell massive Filme“, die er für Projektionen auf Kinoleinwand konzipierte und old school auf Film drehte. Mit der Devise: je größer und lauter die Vorführung im Kino, desto besser!

Filmpreis
Großer Mann, großes Kino: Christoph muss sich mit seinen 2 Metern für den Fotografen klein machen. Beim Österreichischen Filmpreis 2015 war er mit dem Kurzfilm Requiem for a Robot nominiert.

Besonders sein Film Catafalque (2012, 12 min, 16mm) ist ein wenig heikel am Monitor oder Fernseher. Der Film ist sehr dunkel. Christoph ging es darum, dass sich ZuschauerInnen im Kino in den ungenauen Konturen und Silhouetten in der Schwärze des Bildes verlieren können. Denn auch das junge Brüderpaar in Catafalque verliert sich allmählich in der Schwärze des Kellers. Ein Familiendrama eröffnet sich auch in Foal (2011, 17 min, 35mm). Eine dichte Atmosphäre kennzeichnet bereits diese ersten Arbeiten, der Ton bleibt strikt ins Off verbannt.

Mit dem Fulbright-Stipendium nach New York

Bei Michael Haneke und Peter Patzak studieren zu können, schätzt Christoph im Nachhinein betrachtet als Privileg. „Es war eine interessante Ausbildung. Jetzt nicht eine grandiose Ausbildung, aber wir haben enorm viel Filmmaterial bekommen und viele Filme gemacht.“ Sich zu entwickeln und eine eigene künstlerische Handschrift zu finden, das habe Haneke gefördert. „Als ich auf die Columbia University kam, hatte ich fix damit gerechnet, dass man auf keiner Filmschule dieser Welt irgendetwas lernt. Ich dachte, man bekommt Filmmaterial, lernt gute Leute kennen und arbeitet mit ihnen“, so Christoph. Doch an der Columbia Universität wird Handwerk unterrichtet: Was macht eine Kamera-Einstellung mit mir, wie strukturiert man einen Stoff und wie gestalte ich eine Erfahrung für das Publikum?

2010 schließt Christoph mit dem Bachelor in Wien ab und geht mit einem Fulbright Stipendium nach New York an die Columbia Universität. „Über Fulbright-Studenten sagt man, sie seien die hellsten Köpfe des Landes und werden Österreich in der Zukunft prägen. Politikwissenschafter, Mathematiker und Physiker, wirklich schlaue Leute. Da Kunst so gar nicht messbar oder überprüfbar ist, konnte ich mich als Filmemacher da hineinschummeln“, freut sich Christoph noch heute.

Er habe sich in anderen Gefilden ausprobieren wollen und so entstanden in New York Arbeiten mit einem anderen Tonfall. Allen voran der melancholische Roboterfilm Requiem for a Robot (2013, 6 min, HD), bei dem ein Pappkarton mit Silberspray die Hauptfigur des Films einnimmt.

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Mit Aufnahmeleiter Konrad Bayno am Set von Requiem for a Robot, mit dem Christoph beim Toronto Film Festival den Emerging Artist Award 2013 erhielt. Christophs Idee ist es, aus dem Kurzfilm einen Langspielfilm zu machen.

Nicht jedes Projekt gelingt auf Anhieb. Christophs Ausflug nach Rio de Janeiro wird schlussendlich im Schnitt „a film about a film“: das Untitled Brazil Project (2013, 12 min, HD) dokumentiert den Arbeitsprozess des Scheiterns, doch vorrangig geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung.

Unvollendet ist ein Projekt über einen Berliner Gangbang-Club. Wie sehr die Kamera als Schutz vor der Welt fungieren kann, wurde ihm bei diesen Dreharbeiten bewusst, als er angezogen vor einer Gruppe kopulierender Menschen stand. Mittendrin am Set, anstatt hinter der Kamera zu sein, ist ihm grundsätzlich jedoch lieber.

„Für mich ist die Welt wahnsinnig filmisch. Ich mag die Idee, dass Kino überall ist. Und selbst ist man nur der, der dem Ganzen einen Rahmen gibt und das Leuten zeigt. Das Leben ist so gewaltig, teilweise überfordernd und beängstigend, dann wieder wunderschön. In dieser Weise will ich das gern durch mich durchfließen lassen und weiter an die Leinwand projizieren“, sagt Christoph über seinen Beruf.

Sieben Geschwister und die Künste

Fünf Jahre lebt Christoph mit kleinen Unterbrechungen in den USA, wo er schon ein Jahrzehnt zuvor und zwar als Fünfzehnjähriger als Austauschschüler ein Jahr verbracht hat. In Montana. „Den Ort konnte man sich nicht aussuchen. Ich bin in einem kleinen Ort in den Rocky Mountains gelandet. Meine Mutter war Malerin und Kunstpädagogin. Ich habe sieben Geschwister und bin der jüngste Bub. Es gibt noch zwei jüngere Schwestern. Niemand war Austauschschüler, aber ich habe mir das unbedingt eingebildet“, erzählt er. Seine christliche, republikanisch eingestellte Gastfamilie sorgte sich, ob ihr Gast mit seiner vegetarischen Ernährung das Jahr wohl gut überstehen würde.

Sein damaliger Berufswunsch war Comiczeichner und die Anleitungen Randy Glassbergens hat er ernst genommen und täglich ein Comic gezeichnet, sehr im Stil Gary Larsons. „Das war eine Erkenntnis für mich: Niemand interessiert sich für einen schlechten Gary-Larson-Imitator. Wenn, muss man aufrichtig und persönlich etwas Eigenes schaffen!“

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Sommer in Klosterneuburg: mit der Shortynale hat Christoph Rainer 2009 auch einem Kurzfilmfestival seinen persönlichen Stempel aufgedrückt. Da fällt dann schon mal – in gewitzt-gespielter Manier – die Oscar-Statue von Stefan Ruzowitzky (als Klosterneuburger fast schon Dauergast des Festivals) zu Boden oder Christoph Rainer moderiert mit offenem Gedärm.

Als jüngster Bub in einer Großfamilie buhlt Christoph um die Aufmerksamkeit seiner älteren Geschwister. Architekt, Musiker, Tänzerin… schnell waren die Künste von Geschwistern belegt. Übrig war noch der Film und das wurde ganz seins.

„Ich liebe es, wenn das Audiovisuelle einen vereinnahmt. Film hat die Kraft, einen in die Schuhe eines anderen zu versetzen, ganz egal, ob das ein Taubstummer, ein Krimineller oder ein Pappkarton-Roboter ist. Und generell, glaube ich, kann es für eine Gesellschaft nichts Besseres geben, als sich so in andere hineinzufühlen. Denn wenn es von etwas zu wenig gibt, dann ist es Empathie. Für mich ist Film eine unglaubliche Macht und ich bediene mich gerne dieser Macht.“

Pssst, jetzt wird ein Trick verraten

2015 schließt Christoph den Master an der Columbia Universität mit Auszeichnung ab und realisiert seinen ersten Liebesfilm, Pitter Patter goes my Heart (2015, 22 min, HD). Bei diesem Kurzfilm setzte er einen speziellen Trick der Tongestaltung ein, die bei Pop-Produktionen beliebt ist. Einmal wird die Gesangsstimme aufgenommen, danach werden die Lyrics flüsternd eingesprochen und gemischt. Ein Whisper-Track also. „Angeblich wird einem dadurch das Gefühl vermittelt, dass diese Shakira so ganz nah bei dir ist und nur zu dir flüstert.“ Das musste er klarerweise ausprobieren. Die Schlusssequenz von Pitter Patter goes my Heart flüsterte Christoph Wort für Wort selbst ein.

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Die Schlusseinstellung von Pitter Patter goes my Heart wird gefilmt. Der „Liebesfilm“ war eine Zusammenarbeit von Studierenden der Columbia Universität, der Filmakademie Ludwigsburg (bei der Christoph Austauschstudent war) und der Filmakademie Wien. 

Die Bedingungen des Fulbright Stipendiums erlauben Christoph, bis Sommer 2016 in New York leben und arbeiten zu können. An der NYU unterrichtet er Jugendliche im Filmemachen in Sommerkursen.

Mit seinen eigenen Arbeiten in den Jahren in den USA ist er wesentlich zufriedener als mit früheren Werken. „Ich habe das Gefühl, dass wenn jemand diese Filme sieht, viel mehr versteht, wer ich bin. Kunst sollte etwas sein, was in jedem Moment aus den Poren dringt“, sagt Christoph.

In Vorbereitung: das Langfilmdebüt

Nach vielen Kurzfilmen drängt sich der erste Lang-Spielfilm geradezu auf. Und Christoph ist jetzt dabei. Die Vorbereitungen gestalten sich intensiv, denn Ausgangspunkt der Geschichte ist ein Kabarettist. „Ich bin schon sehr lange mit dem Ausnahmekünstler Alf Poier in Kontakt und hoffe gemeinsam mit ihm einen ebenso Ausnahmefilm zu machen“, sagt Christoph, der mit Filmen wie Muttertag (1992, Regie: Harald Sicheritz) oder Indien (1993, Regie: Paul Harather) aufgewachsen ist und die geliebt hat.

An die große österreichische Tradition der Kabarett-Filme will er mit seinem Langspielfilm-Debüt allerdings nicht anschließen. „Ich würde gerne eine Figur auf der großen Leinwand schaffen, die derart speziell und lebendig ist, dass man die Augen nicht von ihr lassen kann. Nicht, weil sie so sympathisch, nett oder der Antagonist ist. Sondern weil es eine ambivalente, energetische Figur ist“, erklärt er. Um es noch spannender zu machen, verweist er auf eine Szene aus Leos Carax’ Spielfilm Holy Motors (2012): „Da gibt es eine grüne Kobold-Figur und man konnte die Augen nicht abnehmen von dieser Figur. Die hat Eva Mendes’ Haare und jede Menge Bargeld gegessen. Ich liebe diesen Film.“

von Maria Motter, November 2015
Portraitbild oben von Natascha Unkart

CV Christoph Rainer
ZEIT-Serie „Helden von morgen“: Stefan Ruzowitzky nominiert Christoph Rainer (2012 im Österreich-Teil der ZEIT erschienen)