David und Stefan Bohun | Creative Producer und Autor/Regisseur
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David und Stefan Bohun | Creative Producer und Autor/Regisseur

Juli 2014

Die Brüder David (Jg. 1982) und Stefan (Jg. 1979) Bohun aus Mödling bei Wien studieren beide an der Filmakademie Wien. David ist 2009 bei der Produktionsfirma Mischief Films als Produzent und Produktionsleiter eingestiegen. Für Mischief, die sich bisher nur auf Dokumentarfilme spezialisiert haben, entwickelt er derzeit den ersten Spielfilm.

Stefans Abschlussfilm an der Filmakademie, Musik (2014, 38 min), den David mitproduzierte, hatte auf der diesjährigen Diagonale Premiere und wurde als bester Kurzspielfilm ausgezeichnet. Musik eröffnet am 27. Juni das Wiener Open Air Kino Kino unter Sternen am Karlsplatz und wird am 14. August auch beim Open Air Kurzfilmfestival esspressofilm zu sehen sein.

Familienbande

Genüsslich hört man zu, wenn das Bruderpaar von seinen Kindheitserinnerungen erzählt. Wie es denn war, unter fünf Brüdern und zwei Halbschwestern in einer Familie aufzuwachsen, die nach einer Scheidung zu einer, wie sie es selber nennen, Patchworkfamilie wurde. Interessant, wie sich die Geschwister, mittlerweile zwischen 16 und 42 Jahre alt, in ihrer Kindheit und Jugend neben ihren Freundeskreisen auch einen familiären Referenzraum schufen, der Türen öffnete für Erfahrungen, die die Geschwister entscheidend prägten. Die älteren Brüder seien dabei natürlich auch Vorbilder gewesen, aber man habe immer auch einen eigenen Weg gehen wollen.

Der älteste Bruder bspw., Matthias, absolvierte ein Austauschjahr in Venezuela und brachte Schellackplatten mit südamerikanischer Musik nach Hause, die sich die Familie im Wohnzimmer gemeinsam anhörte. Von Bands wie Soda Stereo beispielsweise:

„Der älteste Bruder hatte immer viel experimentiert“, erinnert sich Stefan, den das faszinierte. Er erinnert sich auch daran, wie sich sein Bruder die Fernsehverfilmung Berlin Alexanderplatz von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahre 1980 im Wohnzimmer anschaute. „Ich durfte da leider nie rein.“

Die Kunst und auch Südamerika hatten da schon entscheidende Eindrücke hinterlassen: Dem großen Bruder folgend, absolvierten sowohl Stefan als auch David am Ende ihrer Schulzeit ebenfalls ein interkulturelles Jahr in Kolumbien bzw. Argentinien. Diese Reisen sollten bei den Brüdern noch lange nachwirken. Und sich mit ihrer Kunst verbinden.

Erste Kontakte mit der Filmakademie

Schon als Kinder sammelten die beiden erste Erfahrungen bei Film- und Fernsehproduktionen – da noch vor der Kamera. In diesen Jahren trafen sie, über eine Schauspielagentur, sogar den französischen Filmemacher Jean-Jacques Annaud, der für Seven Years in Tibet (1997) Kinderschauspieler castete. Aus der Rolle neben Brad Pitt wurde aber nichts.

Mit 15 kam Stefan, und somit auch sein 3 Jahre jüngerer Bruder David, zum ersten Mal mit der Filmakademie Wien in Kontakt. Stefan folgte einem Castingaufruf für einen Kurzfilm, Das Seemannsbegräbnis. Regie: Valentin Hitz, Regieassistenz: Antonin Svoboda. „Es war eine typische Filmakademie-Annonce“, beschreibt Stefan den Aufruf: Gesucht war ein Jugendlicher, der einen Tramper spielen soll. Der Tramper war in Wirklichkeit ein drogenabhängiger Teenager. Stefan bekam die Rolle und für sein Schauspiel beim Filmakademie-Festival eine Lobende Erwähnung. (Wenn Jean-Jacques Annaud das erfahren hätte…) In Folge dieses Projekts wurde der Kameramann des Kurzfilms, Oliver Strassl, zum guten Freund der Familie, der immer wieder zu Filmabenden zu ihnen nach Hause kam. Die ersten Grundsteine zwischen der Filmakademie Wien und den beiden Brüdern waren gelegt.

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Stefan: Ein Reisender. Und Suchender

Mit 19 Jahren habe er schon gewusst: Ich will Filmregisseur werden. Stefans Weg führte jedoch zuerst über das Theater. Als er in Wien beim Max Reinhardt Seminar keinen Platz fand, studierte er 1999 ein Jahr lang an der School of Physical Theatre in Toronto. Seine Auseinandersetzung mit dem prozessorientierten Theater fand zehn Jahre später mit der österreichisch-türkischen Koproduktion Cihangir Insomnia (2010/11) ihr großes Ergebnis. Im Nachhinein findet Stefan diese Art der Theaterinszenierung für sich persönlich nicht zielführend. Auch beim Film nicht. Ihn interessieren jetzt mehr Kontrolle und die Mischung von eigens geschriebenen und gemeinsam entwickelten Szenen. Die Filmform sei dafür wie geschaffen und läge ihm mehr.

Große Geschichten hinter kleinen Figuren

Mit seinen filmischen Arbeiten, die er an der Filmakademie, an der er 2002 aufgenommen wurde, realisierte, fiel er vor allem mit seinen dokumentarischen Arbeiten auf. In diesen trug Stefan sein Interesse an Südamerika weiter: In Kolumbien drehte er Nohelia (2006), einen leisen Film über eine Schuldirektorin in einem kleinen Fischerdorf. In Venezuela realisierte er zwei Filme: Amo Beethoven (2007) für das ORF-Format „Am Schauplatz Spezial“ und Mata Tigre für’s Kino (2008/09). In beiden Filmen geht es um die Bedeutung von Musik im Leben Jugendlicher.

Heute würde er einiges anders machen, sagt Stefan. Mit Amo Beethoven sei er eigentlich immer noch sehr zufrieden: dramaturgisch und im Fokus stimmig. Der Film steht vielleicht am besten für das, was Stefan Bohun als Filmemacher wohl bisher suchte: große Geschichten des Alltags hinter kleinen und leisen Figuren, denen er mit großem Respekt, aber so nah wie möglich gegenübertritt.

„Ich wollte so viel wie möglich richtig machen“

Für seinen Diplomfilm an der Filmakademie, Musik, wollte Stefan dann „so viel wie möglich richtig machen“. Er hat viel recherchiert – über die Berufssituation des Protagonisten und die Welt der Jugendlichen – und sehr lange gecastet, für eine Mädchenrolle ca. 130 Mädchen. Da er erst seit kurzem längere Drehbücher schreibt, war es ihm wichtig, „über Dinge zu schreiben, die vor der Haustüre liegen“. Dieses Mal also nicht Südamerika, sondern Wien. Was aber vor der Haustüre liegt, ist mitunter schwieriger zu fassen als faszinierende Eindrücke von fremden Kulturen. „Mir ging es in verschiedenen Stadien der Drehbücher um verschiedene Dinge“, beschreibt Stefan die Drehbuchphase von Musik. Bspw. um einen geschiedenen Vater und seine Beziehung zu den Töchtern, oder eine Person, die einsam ist und sich menschliche Nähe im Beruf holt, oder einen suchenden Vater, der im Schwebezustand ist. All das galt es zu verschränken. Wie auch Stefans Wunsch nach sowohl klar gescripteten als auch mit den SchauspielerInnen improvisierten und entwickelten Szenen. Musik ist immer noch eine offene Arbeit, aber die bisher präziseste Inszenierung vom Drehbuchautor und Regisseur Stefan Bohun.

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Still aus Musik, 2014, 38 min

David: Auf dem Weg zum Creative Producer

Der Weg zum Film führte den etwas jüngeren David zunächst über ein rasch abgebrochenes Studium an der FH St. Pölten und Gelegenheitsjobs. Über Kontakte im Bekanntenkreis landete er schließlich als Beleuchter an Film-Sets. Er wusste also, was Set-Arbeit bedeutet, als er sich 2004 für das Produktionsstudium an der Filmakademie bewarb. „Ich hatte in der Bewerbung geschrieben“, erinnert sich David, „dass es mir nicht um meine Kreativität geht, sondern ich kreativen Menschen bei der Realisierung ihrer Ideen unterstützen will.“

Sitzend, auf der Treppe: Catalina

Gleich zu Beginn machte er eine Bekanntschaft, die seinen weiteren Weg stark beeinflussen würde. Auf ihre Aufnahmeprüfung an der Filmakademie wartend, saß auf den Stufen der Universität eine junge Frau, die Notizen machte in einem Kalender des argentinischen Comiczeichners Quino. David, der immer noch eine Leidenschaft für Argentinien hatte, sprach sie an: die junge Frau war Catalina Molina, gebürtige Argentinierin aus der Steiermark. Mit ihr wird er später zwei der erfolgreicheren heimischen Kurzfilme der letzten Jahre realisieren: Talleres Clandestinos (2010, 40 min), ein Kurzfilm über eine illegale Näh-Werkstatt in Argentinien, und Unser Lied (2012, 31 min), die Geschichte einer (österreichischen) Vater-Tochter-Beziehung, die ohne Mutter auskommen muss. Bisheriger Höhepunkt: Der Film erhielt 2012 den Diagonale-Preis für den Besten Kurzfilm wie auch 2013 den Österreichischen Filmpreis in derselben Kategorie.

 „Hat 2 Jahre gedauert, Mischief zu überzeugen“

Ein entscheidender Moment war, als die Produktionsfirma Mischief Films, bisher ausschließlich auf Dokumentarfilme spezialisiert, David im Jahr 2009 als Produktionsleiter und Junior Producer anheuerte. Genau richtig für David: „Mischief ist eine kleine Firma, bei der es vielleicht mehr Spielraum innerhalb meiner Aufgabe gibt, als wenn ich jetzt bei einem größeren Produktionshaus wäre.“ David konnte sich also gut einbringen. Und entfalten: Er habe immer offen gesagt, dass er sich nicht nur auf Dokumentarfilme konzentrieren will. Dass sich Mischief Films jetzt für den Spielfilm öffnet, ist Davids Verdienst. „Hat aber zwei Jahre gedauert, beide Geschäftsführer zu überzeugen.“ Und hier schließt sich der Kreis zu dem Moment vor zehn Jahren, als David auf der Treppe auf Catalina trifft: Mischief produziert nun ihren ersten Spielfilm, Kinder. Das Drehbuch schreibt Catalina gemeinsam mit Senad Halilbasic – und David Bohun. Dieser avanciert immer mehr zum gestaltenden Creative Producer.

Das nächste Ziel: Kinofilme

Dies sei auch sein berufliches Ziel, meint David: Creative Producer, und spricht dabei die Qualitäten an, die ein guter Produzent haben sollte: „Der Produzent sollte den Kreativen vertrauen.“ „Nicht den Menschen hinter die Zahlen stellen, d.h. ein humaner Umgang mit dem Team.“ Und eben: „Eine Auseinandersetzung mit dem Projekt von Anfang an.“ Was er an David schätze, so sein Bruder, sei, dass er sich sehr viel mit Film beschäftige und sich gut auskenne. „Dieses Filmwissen sollte ein Produzent auch mit sich bringen.“

Für Stefan macht eine gute Regie aus: „Genaues Hinschauen, denn in einer Fokussierung öffnet sich der Detailreichtum.“ „Offen sein für Neues, dabei aber nicht den Anfangsimpuls einer Idee und Geschichte vergessen.“ Man merke manchen heimischen Filmen manchmal an, dass sie dramaturgisch beraten wurden, so dass für den Zuseher keine Fragen mehr offen bleiben. Da müsse man als Autor bei sich bleiben. Und David fügt hinzu: „Ich mag Regisseure, die ihren eigenen Stil finden und deren Stil klar erkennbar ist.“

Diese Sätze klingen wie Vorgaben für das eigene Handeln. Das Bruderpaar kann sie nun an sich selber erproben: Gemeinsam mit ihrem Bruder Johannes entwickeln David und Stefan das Dokumentarfilmprojekt Bruder Jakob, schläfst du noch, ein Film, in dem auch thematisch „Familie“ eine große Rolle spielt. Auch Stefans ersten langen Spielfilm, Königinnen, wird David als Produzent bei Mischief begleiten und mitgestalten. Im Juli reichen sie dafür beim ÖFI um eine Drehbuchentwicklungsförderung ein. „Thematisch und stilistisch will ich dort weitermachen, wo ich bei Musik aufgehört habe“, sagt Stefan, aber versucht, seine eigenen Erwartungen herunterzuschrauben: „In dem Moment, wo man daran denkt, dass der Film gut werden soll, blockiert man sich schon.“ Er will Dinge auch ausprobieren können und dabei „keine Angst haben“. Schön, wenn ihm dafür der jüngere Bruder den Rücken freihalten kann.

„Früher mischte sich manchmal Privates mit Beruflichem“, beschreibt David ihre Zusammenarbeit. „Jetzt, wo jeder seinen eigenen Weg geht, sind die Positionen klar und darauf kann man sich voll konzentrieren.“ Aus dem Bruderpaar ist ein schlagkräftiges Filmteam geworden.

Gute Reise!

David und Stefan Bohun sind zwei Filmschaffende, die womöglich noch gar nicht irgendwo ankommen wollen. Für sie ist auch das Filmemachen eine Reise, auf der es immer Neues und Anderes zu entdecken und erfahren gibt. Sie sind offen für Zugänge, Geschichten und Menschen und können in und mit ihnen aufgehen. Darin liegt eine Kraft: Denn wenn die Mischung stimmt, kann daraus etwas entstehen, das sich vom heimischen Autorenkino abheben könnte. Lieber David und Stefan, wir wünschen weiterhin eine gute Reise!

von Dominik Tschütscher, Juni 2014

CV David Bohun  CV Stefan Bohun

Interview mit Stefan Bohun über „Musik“ (September 2014, Austrian Film Commission)