Elsa Kremser| BKA Startstipendiatin 2015
Talents to Watch

Elsa Kremser| BKA Startstipendiatin 2015

November 2015

„Wir wollten dem Nebel hinterher reisen.“

Elsa Kremser (Jg. 1985) aus Wolfsberg ist auteur-Produzentin, hat die Filmakademie Ludwigsburg absolviert und arbeitet an ihrem Regie-Debüt. Sie eine der fünf StartstipendiatInnen 2015 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im November 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

Der Film Sonor begibt sich auf filmische Spurensuche nach dem Tonempfinden gehörloser Menschen, Ein Versprechen beschäftigt sich mit der Frage, was Beziehung, Ehe und Scheidung heute bedeuten. Nebel begleitet eben dieses Naturphänomen quer durch Deutschland – drei komplett unterschiedliche Filme, die dennoch eine gemeinsame Handschrift aufweisen: die der Autorin und Produzentin Elsa Kremser.

Elsa Kremsers Verständnis davon, was es bedeutet, Filme zu produzieren, findet man nicht oft. Wenn sie für ein Filmprojekt zusagt, heißt das, dass sie von Anfang an bei den Recherchen mit dabei ist, zum Dreh mit ans Set kommt und bis zu Entscheidungen im Schneideraum nicht mehr loslässt. „Wenn ich mich nicht vollständig einbringen kann, macht es mir einfach keine Freude“, meint Elsa und gesteht: „Die Regisseure müssen das natürlich auch wollen und zulassen können. Ich mache ihnen meine Arbeitsweise aber von Anfang an klar.“

Dass es sich auszahlt, mit ihr zusammen zu arbeiten, bezeugen die zahlreichen Festivaleinladungen und Preise, die die Filme bekommen haben. Dass sie früh erkennt, was es braucht, um erfolgreich zu sein, zeigt eine Anekdote aus ihrer Zeit an der Filmschule: dort hat sie den Studienzweig „Dokumentarfilm-Produktion“ nämlich selbst ins Leben gerufen, als ihr klar geworden ist, dass sie das studieren möchte.

„Plötzlich ging ein ganzer Kosmos auf
und habe ich bemerkt, dass ich das bin.“

Zuerst studiert die Kärntnerin jedoch am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Danach ist Elsa ein Jahr lang Gasthörerin an der Filmakademie Wien. Als sie erkennt, dass sie eigentlich ins Ausland möchte, bewirbt sie sich an der Filmakademie in Ludwigsburg und wird dort in die Produktionsklasse aufgenommen.

„Die Filmakademie in Ludwigsburg hat einen sehr kommerziellen Ruf, zu unrecht eigentlich, denn es entstehen auch sehr viel freie und experimentelle Sachen dort“, meint Elsa. Gerade in den Produktionsklassen gilt jedoch das Motto: the bigger the better. „Alles sollte groß sein: aufwendige Szenen, mehrere Licht-LKWs, bekannte Schauspieler, Koproduktionen mit Sendern … Im ersten Jahr hab ich das auch mitgemacht. Aber dann sehr schnell gemerkt, dass das nicht meines ist. Auch dieser ständige Wechsel von Spielfilm zu Werbung zu Doku und dann wieder von vorne. Ich habe gemerkt: das wird nichts, wenn ich von allem immer nur ein bisschen mache. Ich wollte mich auf Dokumentarfilm spezialisieren. Aber dafür gab es keinen eigenen Studiengang. Es gab einen für Spielfilm-Produktion, einen für Serien-Produktion, für Werbung, für Animation, für VFX  – nur für Dokumentarfilm gab es keinen … Naja, und jetzt gibt es halt einen in Ludwigsburg“, schmunzelt Elsa. Sie verhandelte mit der Schule und initiiert ihren eigenen Studienzweig, dessen erste Studentin sie wird.

Recherche c) Mikhail Ulanov
Auf der Suche nach Geschichten und dem richtigen Moment. Elsa auf einer Recherchereise mit Levin Peter in Moskau.
(Foto von Mikhail Ulanov)

Von nun an hat Elsa Kremser endlich Zeit, sich auf das Fachliche zu konzentrieren. Als sie 2010 Sonor (2010, 37 min) zu produzieren beginnt, wird ihr klar, wie sie arbeiten möchte. „Plötzlich ging da ein ganzer Kosmos auf. Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich das bin, und mir geschworen, dass ich nie wieder etwas anderes machen möchte“, weiß Elsa heute.

Bei Sonor entsteht eine gleichwertige Zusammenarbeit zwischen Regisseur, Kameramann und Produzentin. Alle drei sind die Autoren des Films, arbeiten von der ersten Recherche bis zum letzten Schnitt zusammen und behalten doch jeder die Kompetenzen in ihren Fachgebieten. „Ich bin auch gegen dieses ‚Feindbild Produzent’. Dass der Produzent immer derjenige ist, der alles verbietet. Das ist doch überhaupt nicht aktuell. Vor allem in diesen kleinen Teams, in denen im Dokumentarfilm heute gedreht wird. Da geht es doch gar nicht anders, als dass jeder zupackt und sich voll einbringt“, erklärt Elsa.

Themengetriebene Dokumentarfilme haben sie noch nie interessiert, vielmehr möchte sie Gefühle vermitteln. Schon mit Sonor gelingt das eindrücklich. In knapp vierzig Minuten, in schwarzweißen Bildern, werden die Hörerfahrungen Gehörloser ins Bild gesetzt, werden Klangräume erschlossen, wird in einfühlsamen Gesprächen (nicht: Interviews) ein Mikrokosmos eröffnet.

„Hätten wir digital gedreht,
wären wir nie zu diesem Punkt gekommen.“

Elsas nächster Film entsteht wieder mit Regisseur Levin Peter, der ihr Lebenspartner geworden ist. Gemeinsam stellen sie sich die Frage, was mit den Gefühlen zweier Menschen geschieht, wenn man sie in die offizielle Form einer Ehe gießt. Daraus wird Ein Versprechen (2012, 70 min), wieder mit Elsa Kremser als Autorin und Produzentin. Auch diesmal wird auf Film gedreht. Für Elsa ein unbedingtes Muss: „Nicht nur, dass es von der Materialität schöner ist, man arbeitet auch viel konzentrierter.“ Die Zahl der Filmrollen ist begrenzt und die Kamera wird nur dann eingeschalten, wenn man genau das vor sich hat, was man haben möchte. „Da ist dann etwa die Interviewführung eine ganz andere“, erinnert sich Elsa an die Dreharbeiten auf einem Bergbauernhof, wo sie das alte Ehepaar nach dem Geheimnis ihrer Beziehung befragt haben. „Wir haben zwei Stunden mit ihnen gesprochen, ohne die Kamera einzuschalten, und dann plötzlich sagen sie etwas, das sich richtig für den Film anfühlt. Und wir haben zu drehen begonnen. Wenn wir digital gedreht hätten, hätten wir einfach laufen lassen. Aber dann wären wir nie zu diesem Punkt gekommen.“

Trailer zu Nebel:

https://vimeo.com/elsakremser/nebeltrailer

Nebel  (2014, 60 min) wird schließlich Elsas Abschlussfilm an der Filmschule in Ludwigsburg. Als Idee gibt es anfangs nur ein Wort: Nebel. „Die Regisseurin Nicole Vögele und ich wollten dem Nebel hinterher reisen. Ohne genauen Plan. Sehen, wo er uns hintreibt, wen wir treffen und welche Geschichten wir sammeln können.“

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Dreharbeiten zum Dokumentarfilm Nebel (Foto von Elsa Kremser)

Da sie wieder auf Film drehen möchten und mit einem derart offenen Konzept eine Förderung von Seiten der Fernsehanstalten sich als schwierig erweist, entscheiden sie sich für Crowdfunding. Sie erstellen eine eigene Homepage und schicken sie an ihre Freunde und wichtige Kontakte aus der Branche. Ein Drittel der Produktionskosten können schließlich mit Crowdfunding abgedeckt werden. Gerade bei Nebel zeigte sich der Vorteil von Elsas Arbeitsweise. Durch die Reise, dem Nebel hinterher, konnte überhaupt nur vor Ort produziert und immer wieder auf’s Neue am Drehbuch gearbeitet werden. „Da hätte es überhaupt keinen Sinn gemacht, wenn ich weit weg in einem Büro gesessen wäre, wo man dann anruft und sich rechtfertigt, wenn man zum Beispiel die Route ändert“, so Elsa.  Nebel erhält schließlich eine lobende Erwähnung auf der Berlinale, läuft in Nyon, Locarno, Taiwan, Minsk, Buenos Aires, Iran und einigen Festivals mehr.

 Sao Paulo
Neben Filmemacherin auch leidenschaftliche Fotografin. Auf einer Fotoreise durch Südamerika entstand dieses Bild.
„Ich könnte mir vorstellen, einmal ein Fotobuch herauszubringen“, meint Elsa.

Vor einem Jahr ist sie nach Wien zurückgekehrt und arbeitet noch bis Jahresende in der Marketing- und Distributionsabteilung von Navigator Film. „Ich finde es sehr spannend, sich zu überlegen, wie man einen Film am besten vertreiben kann. Fernsehsender zahlen ja kaum noch was und Festivals alleine reichen nicht aus, um einen Film unter die Leute zu bringen bzw. damit Geld zu verdienen. Man muss sich bei jedem Film auf’s Neue überlegen, wen dieser Film interessieren könnte und wie man diese Leute erreicht“, erklärt Elsa.

Sie ist momentan auch dabei, gemeinsam mit Levin Peter ihre eigene Produktionsfirma gründen. „Die sollte dann wie ein Label funktionieren. Mit einem kleinen Kreis von Leuten, die dasselbe von Filmen wollen wie ich und wo man seine eigene Nische besetzen kann. Meine bisherigen Filme sind ja vielleicht nicht gerade Mainstream, teils essayistisch, teils experimentell. Da überlege ich auch, welche anderen Plattformen es geben könnte. Wie den Museumskontext, Gallerien und so weiter.“

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Erste Recherche-Fotos zu Stray Dogs in Moskau (Fotos von Elsa Kremser)

Elsas aktuelles Projekt ist nun ihre erste eigene Regiearbeit, die wieder in Zusammenarbeit mit Levin Peter entsteht. Diese wird wohl erneut in die experimentelle Richtung ausschlagen. Stray Dogs wird ein Dokumentarfilm über ein Straßenhunderudel in Moskau, den Nachfahren der sowjetischen Hundekosmonauten. Der Film verbindet Archivaufnahmen der ersten Lebewesen im All mit der Geschichte einer Gruppe von sechs bis acht Hunden. „Da ist es nun vollends unmöglich vorherzusagen, was passiert. Wir werden immer wieder für einige Monate nach Moskau zu diesem Hunderudel fahren und vor Ort entscheiden müssen. Ein Film ohne Kommentar oder Dialog. Der Fokus liegt auf dem Miteinander einer streunenden Gemeinschaft.“ Und vielleicht wieder ein bisschen Nebel.

Moskau_Recherche
von Dominique Gromes, November 2015
(Portraitbild oben von Natascha Unkart)