Franziska Pflaum | BKA Startstipendiatin 2016
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Franziska Pflaum | BKA Startstipendiatin 2016

November 2016

„Es muss nicht die große Geschichte sein“


Als sie mit 16 den Spielfilm Nordrand (1999) von Barbara Albert sieht, fasst sie den Entschluss, selbst Filme zu machen – dreizehn Jahre später absolviert Franziska bei Albert das Meisterschülerstudium in Regie an der Filmuniversität Konrad Wolf. Dazwischen realisiert sie zahlreiche Filme in unterschiedlichen Gattungen und Genres, macht den Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste und an der HFF Potsdam-Babelsberg, gewinnt den Deutschen Kurzfilmpreis in Gold und erhält Förderpreise und Stipendien für die Drehbuchentwicklung zu ihren ersten beiden Langspielfilmen. Jetzt kehrt Franziska nach Wien zurück und tritt, mit nicht ganz 30, in die Fußstapfen ihrer Mentorin.
 

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Franziska beim Schauspielworkshop zum Kurzfilm So schön wie du. (Foto: Nico Mews)

„An Filmregie hat mir die Mischung aus Teamarbeit und eigenständigem künstlerischen Ausdruck gefallen. Die Kombination fand ich spannend“, erinnert sich die 1987 in Wien geborene und aufgewachsene Franziska Pflaum, die als Teenagerin ihren ersten Spielfilm drehte: „Es ging um vier Traveller in einer imaginierten Jugendherberge. Der Film ist leider verschollen“, betont sie lachend, „aber in meiner Vorstellung ist er das größte Meisterwerk, das ich je geschaffen hab’.“ Nach einem Praktikum in der TV-Produktion Kronprinz Rudolfs letzte Liebe (2006), in dem sie erste professionelle Set-und Schnitterfahrungen sammelt, entscheidet sie sich für ein Studium im Filmbereich.

„Meine Filme sollen auf verschiedenen Ebenen lesbar sein“

2006 beginnt sie an der Akademie der bildenden Künste in Constanze Ruhms Klasse „Kunst und digitale Medien“ zu studieren. Schnell erkennt Franziska, dass der sehr konzeptuelle Ansatz und die Film-Produktion für den Ausstellungsbereich nicht das ist, wonach sie sucht. Deshalb zieht sie an den Wochenenden los, um mit Freunden Trash-Filme zu drehen. In Schwanensang (2007, 8 min), einer Groteske in Schwarz-Weiß, paart sie Brechts „Liebesunterricht“ mit Riefenstahl’scher Ästhetik und Kubrick’scher Zivilisationskritik.

Den hohen intellektuellen Standard der Bildenden und die intensive Reflexion über Darstellungsweisen und künstlerische Verantwortung will sie keinesfalls missen, aber „Filme zu machen, die sich auf Referenzsysteme beziehen, die nur von einigen wenigen verstanden werden können“, hat sie nie interessiert. „Ich mag Filme mit einem hohen Anspruch, aber ich finde es trotzdem wichtig, dass auch ein breites Publikum einen Zugang finden kann. Meine Filme sollen auf verschiedenen Ebenen lesbar sein.“

Ausschnit aus dem Kurzspielfilm So schön wie du, mit dem Franziska 2014 den Deutschen Kurzfilmpreis gewann:

Nach einem Semesterprogramm an der Prague Film School, in dem sie das rauschhafte Psychodrama Powder Dreams (2008, 5 min) inszeniert, wechselt Franziska in Harun Farockis neugegründete Klasse „Kunst und Film“. „Das war eine schöne und sehr freie Zeit. Ich hatte die Möglichkeit, mich auszuprobieren. Die filmischen Miniaturen, die damals entstanden sind, hatten nicht den Anspruch, perfekt zu sein.“

Gegen Ende des Studiums zieht sie nach Berlin. Ohne zu glauben, dass es klappen könnte, bewirbt sie sich an der HFF Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg (jetzt: Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf), wo sie ab 2010 Film- und Fernsehregie studiert.

Den klaren Fokus auf das Handwerk des Filmemachens empfindet Franziska als Erlösung, dennoch erinnert sie sich an ein schwieriges erstes Studienjahr. Die Aufgabe, einen Dokumentarfilm mit nur einer Stunde Material zu realisieren, widersprach ihrer Vorstellung von dokumentarischer Beobachtung. Aus der Erstjahresübung hat sie aber viel mitgenommen: „Wenn man im Verhältnis 1:4 dreht, muss man viel genauer planen und bekommt ein Gefühl für den Wert des Materials, das durch die Kamera rattert.“

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Oben: Dreh des stimmungsvollen Musiker-Porträts Virgil&Evan.
Unten: Still aus
April-Juni: Mit ihrem 16-minütigen Dokumentarfilm über die Spargelernte schließt sie 2011 ihr Studium an der Bildenden ab – „Dem HFF-Dozenten war’s zu konzeptionell, aber Harun Farocki gefiel die Arbeit.“

„Es geht um Diversitäten und Widersprüche“

Schlüsselmoment in ihrem Werdegang als Filmemacherin ist schließlich die Begegnung mit der Spielfilm-Dozentin Helke Misselwitz. Im neugierigen, unvoreingenommenen Blick, mit dem die aus dem Dokumentarfilm stammende Mentorin die Welt erforscht, entdeckt Franziska den naiven Ansatz, den sie eigentlich immer verfolgt hatte: frei an Dinge rangehen, beobachten, etwas Verspieltes machen: „Es muss nicht die große Geschichte, nicht der große Plot sein, es genügt der Mensch in seiner Vielfalt und Lebendigkeit. Es geht um Diversitäten und Widersprüche. Wenn man interessant inszeniert, kann alles reich werden.“

Auch für die Stoffentwicklung und die Suche nach Inszenierungsansätzen für Spielfilme wählt Franziska den dokumentarischen Zugang und begibt sich in die realen Lebenswelten ihrer Figuren: „Ich will die Milieus kennenlernen, das bereichert die Arbeit enorm.“ Für ihren HFF-Abschlussfilm So schön wie du (2014, 30 min) etwa betreibt sie mit ihren Kameramann Nico Mews intensive Recherchen in Brandenburg, sammelt Stimmungsbilder, gibt Schauspielworkshops in einem Prenzlauer Jugendhaus und erfährt viel über die dort herrschende Härte und Hoffnungslosigkeit. „Wir wollten herausfinden, wie wir uns diesem Milieu nähern können, ohne einen Blick nach unten zu generieren. Wir wollten auf keinen Fall Sozialpornografie, wir wollten, dass die Figuren Würde haben, dass man sich nicht über sie erheben kann.“

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Milieustudien in Brandenburg – Hineinarbeiten ins Milieu, in die Topografie, die Atmosphäre, die Körper, die Sprache. (Fotos: Nico Mews)

Franziskas Wille, für jeden Film eine jeweils neue Ausdrucksweise zu finden, spiegelt sich im Facettenreichtum und der Formenvielfalt ihres Œuvres. Als Filmemacherin will sie neue Perspektiven eröffnen. Es geht ihr darum, Zwischentöne zu erforschen, Phänomene aus neuen Blickwinkeln zu betrachten, die bestehende Ordnung dort infrage zu stellen, wo Ignoranz und die Vereinfachung von Themenkomplexen zu viel Platz einnehmen. Da es „die türkische Frau ebenso wenig gibt wie den Islam“, dreht sie während eines Urlaubs spontan ein vielschichtiges Porträt türkischer Weiblichkeitsentwürfe. Endlich Korea (2014, 16 min), ein kleiner und bescheidener Spielfilm mit dokumentarischen Elementen, widmet sich einem zurückhaltenden Mädchen aus Cottbus und ihrem außergewöhnlichen Fernweh. Draußen der Wald (2013, 26 min) richtet den Blick auf einen Vater, der eine Psychose entwickelt, weil er das sexuelle Begehren zu verdrängen versucht, das seine pubertierende Tochter plötzlich in ihm entfacht. In So schön wie du versuchen zwei Teenagerinnen gewaltvolle sexuelle Erfahrungen in persönliche Bestätigung umzuwerten.

„Es geht mir um die Energie, die drin steckt, nicht um Perfektion“

Was ihre Herangehensweise an die Arbeit am Spielfilm betrifft, hat Franziska sich den Rat der Regisseurin Gabriele Gysi zu Herzen genommen: „Wenn ich sagte: ‚Das ist nicht, was ich wollte’, sagte sie: ‚Naja, aber vielleicht ist es besser!’ Es kann sein, dass etwas passiert, was den Film wirklich kaputtmacht, aber meistens sind es gerade die ungeplanten Zufälle, die das Material lebendig machen.“ Franziska dreht keine Szene zig Mal, um sich an „Kleinigkeiten“ aufzuhängen: „Ich mache große Bögen, die Einstellungen sind lang. Es geht mir um die Energie, die drin steckt, nicht um Perfektion. Wenn eine Einstellung gut ist, kommt sie auch unscharf in den Film. In vielen meiner Arbeiten steht das Schauspiel im Zentrum. Die Kamera hat eine Struktur zu finden, die dem Schauspieler den Freiraum schafft, den er braucht.“


Grenzüberschreitung ins Unbewusste – der Wald als Externalisierung des Unheimlichen, des Bösen, des eigenen Inneren; durch intensive Improvisationen zum Innern der Figuren vordringen: „Draußen der Wald konnte nur eine so feine Studie werden, weil Matthias Neukirch mitgegangen ist an diese Grenze, die er selbst nie überschreiten würde, Gedanken zugelassen hat, die man sich nicht zu denken traut.“ (Stills von Paula Faraco)

Franziska begreift Film als Zusammenarbeit, am Ende muss aber sie entscheiden, ob der Vorschlag vom Kameramann zum Vorschlag vom Kostüm passt, sie muss das ganze Bild im Kopf haben. „Film ist keine Anarchie, sondern eine klare Hierarchie, und die muss eingehalten werden, sonst bricht das System zusammen.“ Deshalb ist es ihr wichtig, loyale Vertrauenspersonen im Team zu haben, auf die sie sich verlassen kann, wie etwa ihre Schwester, die immer das Kostüm macht.

Wie sie selbst sagt, verlangt sie sich und ihrem Team viel ab, ist ungeduldig und kann schon mal streng durchgreifen, wenn die Situation es erfordert. Weil ihre Ungeduld aber auch mit einer großen Energie zusammenhängt, die in ihre Projekte einfließt, ist es ihr nie schwer gefallen, Teammitglieder oder Schauspieler zu finden: „Ich glaube, viele mögen die Arbeit mit mir, weil ich Menschen für Dinge begeistern kann und sie gerne integriere. Das setzt Energien frei.“

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Konzentrierter Blick beim Dreh von So schön wie du.

Leerlauf scheint das ausdauernde Nachwuchstalent nicht zu kennen, eher ist Franziska an mehreren Projekten gleichzeitig zugange – und das mit Erfolg: Nach So schön wie du, der mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet wurde, realisiert sie kleinere Filme wie das experimentelle, geisterhafte Wien-Porträt Es ist wieder nichts passiert (2016, 6 min), das mit schweifendem Blick einen klaustrophobisch-surrealen Gefühls- und Erinnerungsraum heraufbeschwört.

Primär widmet sie sich seit 2014 aber ihrem Drehbuch „Schneegestöber“, mit dem sie in diesem Jahr bei Barbara Albert das Regie-Meisterschülerstudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf absolvieren konnte und für das sie auf der Diagonale ’16 mit ihrem Koautor Roman Gielke den Carl Meyer-Drehbuch-Förderpreis erhielt.

Neben der Geschichte um eine junge tiroler Hotelerbin, die sich auf der Suche nach eigener Lebendigkeit in eine enge Bruder-Schwester-Beziehung hineindrängt, arbeitet sie momentan auch an der durch das Startstipendium des BKA geförderten Entwicklung eines gänzlich anderen Spielfilmstoffs: „Es geht um Mermaiding, einen absurden Trendsport, den ich in einem Berliner Bad beobachtet habe und der mir sofort gefallen hat, weil sich darin eine große Sehnsucht mit ganz großer Banalität verbindet.“ Es soll ein leichter, billiger Film werden, der von den Schauspielern lebt, witzig, schräg, mit skurrilen Figuren – ein Kontrast zum zeit- und arbeitsintensiven Tirol-Film.

„In Österreich wird man auch mit einem kleinen, leisen Film gehört“

„Das erste große Buch im Kopf zu haben, dran glauben zu müssen, ohne zu wissen, ob man Förderung bekommt, ob es je realisiert wird und ob man in einem halben Jahr überhaupt noch Geld hat, dann noch der Druck, dass der erste Langfilm richtig gut sein muss, um weitere Filme machen zu können – das ist eine Kombination aus Existenzangst und der Angst, als Künstler zu scheitern. Irgendwann dachte ich: Es reicht, ich hab’ keine Lust mehr, Angst zu haben. Irgendwie wird man sich schon durchwurschteln.“

Auch der Gedanke bald nach Wien zurückkehren stimmt sie optimistisch. Hier fühlt sie sich gut aufgehoben – nicht nur, weil’s persönlicher ist und man sich kennt: „In Deutschland werden unzählige Regisseure ausgebildet und auf einen Arbeitsmarkt geschmissen, auf dem kein Platz für sie ist. Deshalb gibt es dort sehr viele sehr schrille und laute Filme, die alles tun, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Während ich in Österreich viel mehr das Gefühl hab’, dass man auch mit einem kleinen, leisen Film gehört wird, wenn er gut ist.“

Sie hat Biss, Durchhaltevermögen, einen erfrischend offenen Blick und eine spürbare Lust, mit und durch Film das Leben in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen zu ergründen und sichtbar zu machen – kein Zweifel: von Franziska Pflaum wird man wieder hören.

von Michelle Koch, November 2016
Fotos zur Verfügung gestellt von Franziska Pflaum 
Porträtbild oben von steffi dittrich photographie