Jakob M. Kubizek | Musikvideomacher, Dokumentarfilmer und Produzent
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Jakob M. Kubizek | Musikvideomacher, Dokumentarfilmer und Produzent

Dezember 2014

Jakob M. Kubizek (Jg. 1979) aus Steyr studierte zwischen 2001 und 2005 MultiMediaArt an der Fachhochschule Salzburg. 2003 gründete er mit zwei Freunden das Filmkollektiv Jenseide, das ab 2009 als Firma weitergeführt wurde. Seit jeher realisiert Jakob Musikvideos, Imagespots und Web-Virals. Neben den Auftragsarbeiten ist er auch Dokumentarfilmer und mit The Nowhere Train und Love & Fist als Musiker unterwegs.

Irgendwie fühle er sich noch als junges Talent, weiß aber, dass er es eigentlich nicht mehr ist, meint Jakob M. Kubizek. (Das M. steht für Maria.) Er macht seit vielen Jahren die coolsten Musikvideos des Landes, wobei er mit den besten Bands des Landes wie Kreisky und Naked Lunch arbeitet. Er und sein Team sind mit Imagespots und Web-Virals sehr erfolgreich und erhalten dafür immer wieder Preise. Dazwischen realisiert Jakob Dokumentarfilme. Als Musiker war er bereits in den Jugendjahren erfolgreich, als er mit der Band Superformy und dem Song Pop will save the world einen Hit in Österreich und Deutschland landete. Nun spielt er bei Love & Fist und der österreichischen Supergroup The Nowhere Train mit. Und dann ist er noch Vater von 3 Kindern, Alter 2, 5 und 8 Jahre. Dass er sich selbst allmählich nicht mehr ganz so „jung“ sieht, kann man nachvollziehen.

Die bisherige Karriere des Filmemachers Jakob Kubizek ähnelt in manchen Aspekten der Biographie der einen oder des anderen Filmemachers gleichen Alters (minus den Kindern, vielleicht): Es gibt immer wieder Erfolge, die ein kurzes Durchatmen erlauben. Sonst zwingt die Branche einem, so lange wie möglich jung, talentiert und flexibel zu bleiben. „Gut, dass man in unserer Branche mit 40 immer noch als viel versprechender Jungregisseur gehandelt wird“, sagt Jakob augenzwinkernd. Er hat also noch 5 Jahre Zeit, um dorthin zu kommen, wo er hin will: „Noch etablierter und hoffentlich international Fuß fassend.“

Aber der Reihe nach.

„Ich lerne nicht zuerst. Ich mache gleich.“

Musik war immer schon seine Leidenschaft. Nach dem überraschenden Durchbruch mit seiner Jugendband Superformy strebte Jakob nach der Matura eine Musikerkarriere an. „Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ich in der Zeit als Musiker wirklich etwas getan habe“, meint er, und so hat er sich umgeschaut, was es sonst noch gibt und sich „aus einer Unentschlossenheit heraus“ für das MultiMediaArt-Studium an der FH Salzburg eingeschrieben. Er blieb bei seiner Leidenschaft, und so war auch sein erster Film, den er an der FH realisierte, ein Musikvideo zum Track It Is Over von MONTA, dessen Sänger, Tobias Kuhn, er gut kannte.

Beim Studentenfilmfestival film:riss 2004 gewann das MuVi den Preis für den besten Kunstfilm und wurde auch an die Diagonale und das Crossing Europe geladen. Für einen ersten Film eine auffallend gute Visitenkarte – und auch richtungsweisend. „Ich wollte schon immer Musikvideoproduzent werden“, erinnert er sich, und das wollte er „irrsinnig schnell“. „Ich bin nicht einer, der zuerst lernt, was er machen will. Sondern ich mach das einfach gleich. Ich wollte zum Beispiel schon immer Musik machen. Und noch bevor ich Gitarre spielen konnte, habe ich begonnen, Songs zu schreiben. Das durchzieht irgendwie mein Leben“, sagt er, und wenn man an sein aktuelles Dokumentarfilmprojekt denkt, bei dem er und sein Team einen Ochsen ohne Vorkenntnisse der Schlachtung und Konservierung auseinandernehmen, wird klar: Jakob hat sich seine impulsive Neugier zum Glück noch nicht abgewöhnt. Zum Ochsen aber später.

Was ist ein gutes Musikvideo?

Was macht ein gutes Musikvideo aus?

„Zwei Dinge: nach dem ersten Drittel darf man nicht das Gefühl haben weiterzuzappen – was bei 90% der Videos leider der Fall ist. Und: Man muss in einen Sog kommen.“

Und wie gehst du das an?

„Indem ich ein Lied so oft anhöre, bis ich ein minimales Detail finde, das ich dann filmisch verarbeiten kann.“

Ein Meilenstein in seiner Arbeit sei für ihn das Video Stay  mit der Musik von Naked Lunch, aufgrund seiner „klaren Reduziertheit“. Das Video realisierte er gemeinsam mit  Thomas Woschitz. „Da habe ich mir zum ersten Mal gedacht: Das wird schwer, das jemals wieder zu toppen.“

Die Herangehensweise zum Song Selbe Stadt, anderer Planet von Kreisky war ähnlich: der Track ist ein geradliniger Rocksong, ohne Höhen und Tiefen. Das, was im Lied heraussticht, sei das Bongo-Solo in der Mitte. Und genau dies ist das Detail, wonach ein Jakob Kubizek sucht: das Bongo-Solo fällt nun auch im Musikvideo bildlich aus dem Rahmen. Alles andere davor und danach rockt still vor sich hin.

Mit diesem Musikvideo und dem MuVi Gospel: Sleep Sleep (siehe rechts oben) gewann Jakob beim diesjährigen Crossing Europe die Creative Region Music Video Residency: er durfte einen Monat bei einer der großen Musikvideoproduktionsfirmen, Colonel Blimp in London, arbeiten.

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oben: Jakob (mit Patrick Bartos von der Creative Region Upper Austria/Linz) bei der Preisverleihung des Crossing Europe Filmfestivals.
unten: in London im Büro von Colonel Blimp mit Head of Music Video Nathan James Tettey.

Unser Gespräch fand in den letzten Tagen seines London-Aufenthalts statt. „Wenn ich könnte, würde ich noch ein Jahr bleiben“, meint Jakob. Das Business laufe hier zwar ähnlich ab wie in Österreich und es gäbe ähnliche, meist budgetäre, Probleme, aber es werde wenigstens nicht so viel gejammert wie hierzulande. „In London oder auch Berlin ist die Stimmung ganz anders, viel motivierender.“ Das Team von Colonel Blimp hat angeboten, weiterhin mit ihm zusammenzuarbeiten. „Zwischen Wien und London kann man ja gut kommunizieren und wenn sie mich brauchen, flieg ich rüber.“ Vielleicht ist das das Türchen zur gewünschten internationalen Öffnung von Jenseide.

Jakob gründete Jenseide 2003 gemeinsam mit Peter Sihorsch und Wolfgang Maier. Zunächst als Künstlerkollektiv, seit 2009 wird es als Unternehmen geführt. Seit 2012 führen Peter und Jakob die Firmengeschäfte zu zweit. Von den Musikvideos kann weder Jenseide noch jemand wie Colonel Blimp leben. Das Kerngeschäft, hierzulande wie auch andernorts, sind Werbung und Imagespots und bei Jenseide vor allem Web-Virals. „Musikvideos sind nicht dazu da, um Geld zu machen, sondern sich weiterzuentwickeln, auf Festivals aufzufallen, sich zu vernetzen – und sind als künstlerischer Playground nicht zu unterschätzen.“ Seit etwa 2 Jahren kann Jenseide von dieser Mischung von Auftragsarbeiten und künstlerischen Projekten, die finanziell nichts bis wenig einbringen, gut leben. Diese Spannung reizt ihn: „Mir gefällt, mich in verschiedenen Settings zu bewegen: am Abend mit The Nowhere Train bei uni:brennt im Audimax spielen, am nächsten Tag einen Spot für´s Sportministerium drehen.“

Ein Ochs in 1.500 Gläsern

Zum filmischen Portfolio gehören nicht nur Imagespots und Musivideos, sondern auch Dokumentarfilme wie Nicaragua – die vergessene Revolution (2010, 40 min) oder Eine Möglichkeit zu leben – Das Nowhere Train Tagebuch (2012, 78 min). Ein neues Dokumentarfilmprojekt, Ochs im Glas (Regie gemeinsam mit Peter Sihorsch), befindet sich in der Postproduktionsphase. Im Frühjahr 2015 soll der Film als mehrteilige Serie zu sehen sein. Es ist eine „Avantgarde-Kochsendung“, bei dem der Weg eines Ochsen, der in 1.500 Einweckgläsern landet, filmisch begleitet wird: von der Schlachtung zur Zerlegung bis zum Einkochen des Fleisches. Von einem Tier könnte eine Familie 1 ½ Jahre lang leben – würde man alles, was essbar ist, auch verwenden. Das Projekt handelt also von Verschwendung, Nachhaltigkeit und Natürlichkeit. Und von der Experimentierfreudigkeit der Beteiligten. „Niemand hatte wirklich eine Ahnung vom Schlachten und Einmachen. Niemand wusste so richtig, was zu tun ist. Am Ende lag da eine Riesenmenge Fleisch. Scheitern war bei dem Ganzen inbegriffen.“

Das klingt ganz nach einem Projekt in bewährter Kubizek´scher Manier.

 von Dominik Tschütscher, November 2014

CV Jakob M. Kubizek