Maria Luz Olivares Capelle|BKA Startstipendiatin 2016
Porträts

Maria Luz Olivares Capelle|BKA Startstipendiatin 2016

November 2016
Dieser Artikel wurde bereits im März 2016 im Zuge der Portraits zu Maria Luz Olivares Capelle und Lukas Valenta Rinner veröffentlicht. Inzwischen hat ihr Film Wald der Echos u.a. auf der Diagonale in Graz den Preis für Bester Kurzspielfilm erhalten.

Denken, lernen, arbeiten, Magie


Film sei für sie ein Werkzeug, um etwas zu denken. 1983 im argentinischen Rufino geboren, kam Maria Luz Olivares Capelle 2008 nach Wien, um auf der Akademie der bildenden Künste und auf der Filmakademie zu studieren – und um zu lernen. Denn lernen ist für sie die Basis, damit sie mit dem Werkzeug Film auch arbeiten – und wieder denken – kann. Auf welche unterschiedliche Weise sich dieses Denken manifestiert, zeigen ihre zwei aktuellen Filme: der experimentelle Kurzfilm El Ritual del Color und der 30-minütige Spielfilm Wald der Echos. Beide sind auf der Diagonale in Graz zu sehen.

Wer Maria Luz vor sich hat, trifft auf einen Menschen mit Geschichten, die sie mit lebhafter Gestik vorträgt. Erzählt sie bspw. von 20 Dingen, an die sie gleichzeitig denken muss, klopft sie sich in schneller Folge 20 Mal gegen die Stirn.

Folgende drei Geschichten erzählt sie mir während unseres zweistündigen Gesprächs. Im Kern zeigen sie, was das künstlerische Denken und Schaffen der jungen Argentinierin ausmacht: immerzu offen und neugierig sein, unermüdlich lernen und arbeiten, um das zu erreichen, was sie mit ihrer Kunst erzeugen will: Illusion und Magie.

Die Geschichte, als sie mit 21 Jahren einen Film von Buñuel sah
und merkte, auch Filme machen zu wollen

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl: Ich sitze in diesem Kino, im Museo de Arte Latinoamericano in Buenos Aires (MALBA). Der Film fängt an. Es war Cet obscur objet du désir (The obscure Object of Desire) von Luis Buñuel.

Ein alter Mann ist in eine dunkelhaarige Frau verliebt. Im Film kommt auch eine blonde Frau vor, die aber dieselbe Figur darstellt. Ich konnte das zunächst nicht akzeptieren. Für mich war das – auf positive Art – so unerträglich, dass ich aufstehen wollte und die anderen Leute im Publikum fragen: Bin ich die einzige hier, die damit Probleme hat?! Ich habe ja gesehen, dass es zwei unterschiedliche Darstellerinnen sind!

Ich habe so etwas nicht gekannt: dass Filme mit solchen Gesten arbeiten, die so viel bedeuten können. Ich wusste dann: Wenn man das mit und im Film machen kann, will ich auch Filme machen!

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Spiel mit Illusion. Stills aus dem experimentellen Kurzfilm El Ritual del Color.

Die Leidenschaft zur Kunst und zum Film kam erst mit den Studienjahren. Dort, wo Maria Luz aufwuchs, in Rufino, gab es kein Kino. Filme kannte sie nur aus dem Fernsehen.

Mit 18 Jahren zog sie nach Buenos Aires. An der Universidad de Buenos Aires absolvierte sie zunächst den Ciclo Básico Común, einen 1-Jahres-Zyklus, an dem man unterschiedliche Fächer belegt und sich erst danach für eine Studienrichtung entscheidet. So ganz entscheiden konnte sich Maria Luz aber noch nicht: 1 Semester studierte sie Kleidungsdesign, weil sie Kostümbildnerin werden wollte. Das Fach war ihr zu spezifisch und gab ihr zu wenig Raum. Dann folgte Architektur, aber nur 20 Tage, da sie sich mit den vielen Zahlen nicht zurecht fand. Es folgten an unterschiedlichsten Bildungsstätten Kurse in Innendekoration, Semiologie, Gartendesign, Geschichteschreiben oder Fotografie.

In einem dieser Kurse ging es um Filmgeschichte. Es fielen all die Namen, die in den Einführungskursen fallen müssen: Truffaut, Bergman, Godard,… Maria Luz schrieb sie alle auf und machte eine Liste „von den guten Filmemachern“. Im Programm des Kunstmuseums MALBA war dann einmal ein Film von jemandem, der auch auf dieser Liste stand: Luis Buñuel. Sie wusste: Den muss sie sich ansehen!

So begann sie, parallel zu den Studien an der Universität von Buenos Aires, ein Regie-Studium an der La Escuela Nacional de Experimentacón y Realización Cinematográfica (ENERC). Das Bachelorstudium dauerte drei Jahre, man musste sich aber von Anfang an für ein Fach entscheiden: Sie entschied sich für Regie.

Sie wusste damals nicht, was „Regie“ genau bedeutet, aber dass man als Regisseurin in allen Bereichen arbeitet und jeden Aspekt des Films mit aufbauen kann. Dieser Gedanke gefiel ihr.

Dass man an der ENERC (im Gegensatz zu bspw. der Filmakademie Wien) nicht auch Regie-fremde Kurse belegt, fand Maria Luz von Anfang an nicht gut. „Am Ende bist du ein Regisseur mit vielen Löchern“, sagt sie (und meint natürlich Lücken).

Und Wissenslücken sind nicht so ihr Ding.

Die Geschichte, als sie 2008 nach Wien kam
und erst Deutsch lernen musste

Mir war klar, ich muss Deutsch lernen. In Buenos Aires habe ich schon Intensivkurse belegt, um in Wien wenigstens sagen zu können: „Hallo, ich bin Maria Luz, meine Lieblingsfarbe ist gelb.“ 

In Wien machte ich mit intensiven Sprachkursen weiter und hab alles gemacht, was nur geht: Yogakurse mit deutscher Lehrerin oder Rudern mit deutschen Typen von der Wirtschaftsuniversität.

Es war mir klar, dass ich nicht alles verstehen werde. Also hab ich meinen Stundenplan auf der Universität danach ausgerichtet. Ich musste alles ausschließen, was Theorie ist: Filmgeschichte, Kunstgeschichte, Philosophie. Ich kann mich also nur auf praktische und technische Bereiche konzentrieren.

Beim Kamerakurs hab ich gewusst: Ich muss ein paar hundert Wörter kennen und mit denen komme ich mal aus. Ich hatte die Handouts der Professoren und bin dann auf die Uni gegangen, um die Wörter nachzuschauen, die ich nicht verstanden habe. Ich habe die Blätter noch zuhause: Da ist jedes einzelne Wort markiert. Und ich habe jedes einzelne nachgeschlagen.

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Maria Luz’ Projektmappen (im Bild zum Film Apariciones): Gedankenskizzen, Recherchen, Zeichnungen, eingeklebte Bilder und analoge Experimente ergeben eine bunte Projektdokumentation (Fotos: Cinema Next).

Nach dem Studium an der ENERC stand Maria Luz etwas verloren da. Ihr fehlten die Orte, an denen sie weiterlernen konnte. Sie war eine Regisseurin mit vielen Löchern.

Catalina Molina, die auf der Filmakademie Wien studierte und ein Jahr lang an der ENERC Gaststudentin war, schlug ihr ein Austauschjahr mit der Filmakademie vor.

So kam Maria Luz am 21. August 2008 nach Wien, als Gasthörerin an der Filmakademie. Da sie aber auch zeichnen wollte, bewarb sie sich zugleich an der Akademie der Bildenden Künste und wurde in der Klasse für Grafik und druckgrafische Techniken aufgenommen.

„Input von jedem Medium abholen“, nennt es Maria Luz.

Nach dem Austauschjahr wollte sie in Wien bleiben und bewarb sich für das Master-Regie-Studium an der Filmakademie. Zunächst bei Peter Patzak, dann bei Michael Haneke.

Vor allem technische Lücken wollte sie schließen. Und sich mit dem filmischen Material beschäftigen. Daraus ist ihr experimenteller Kurzdokumentarfilm Apariciones (Erscheinungen) (2014, 24 min, siehe rechte Spalte) entstanden, ein Film über Geistererscheinungen. Für den Film hat sie mit Almut Schilling, Restauratorin für zeitgenössische Kunst, eigenhändig Film-Emulsionen hergestellt. Neun Monate verbrachten sie in der Dunkelkammer.

Auch der kurze Experimentalfilm El Ritual del Color (2015, 3 min) ist ein analoges Experiment: eine Grau-Farbkarte, die für Kameratests verwendet wird, wird in die Kamera gehalten. Maria Luz Olivares Capelle macht aus dieser routinierten Geste, die auf jedem Filmset anzutreffen ist, ein Spiel der Reflektionen und Illusionen.

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Oben: Recherchebilder (linke Seite) und eigene Zeichnungen (rechte Seite) als Inspiration für eine Sequenz in Apariciones. Unten: wie die Sequenz schließlich im Film endet.

Wald der Echos (2016, 30 min), ihr Diplomfilm an der Filmakademie Wien, ist ebenfalls aus einem Lern-Impuls entstanden. In Sachen Dramaturgie und Schauspielführung habe sie bei Lehrenden wie Sandra Bohle, Kathrin Resetarits und Michael Haneke viel gelernt. Das wollte sie in einem narrativen Spielfilm vertiefen.

Die Schauspielführung will sie nie vernachlässigen, sagt Maria Luz. Bei Theaterprojekten saß sie in der Ecke, um die RegisseurInnen bei ihrem Handwerk zu beobachten. Auf der Filmakademie lernte sie von Schauspielcoach-Größen wie Susan Batson, die schon mit Nicole Kidman oder Juliette Binoche arbeitete. Im Regal zuhause gibt es ein eigenes Fach mit allem, was Maria Luz noch über Schauspielführung lesen und lernen möchte. „Man muss alle Methoden, die man lernen kann, lernen“, sagt sie.

Einen Film zu machen, heißt also nicht nur Bilder zu gestalten. Die Bildgestaltung, sagt Maria Luz, sei der einzige Ort, wo sie sich „normal“ fühle. Als „komplex“ beschreibt sie die Situation der Regie, bei der alle Fäden zusammenkommen.

„Beim Film habe ich oft Angst, was falsch zu machen. Nicht so im Atelier. Da bin ich intuitiv, spielerisch und denke oft erst später nach. Beim Film kann ich das nicht: da ist oft viel Geld im Spiel und es gibt 30 Leute, die auf einen schauen und warten.“

Umso wichtiger ist es ihr, die richtigen Leute um sich zu haben, die an das Projekt glauben und mit ihr denken.

„Oft komme ich mit meiner obsessiven Liste“, sagt Maria Luz. „Und das Großartigste ist dann, wenn jemand meine Ideen weiterdenkt und mehr zurückbringt als ich eingebracht habe.“

Die Geschichte, als sie im Sommer 2015 wollte,
dass ihr etwas Magisches passiert

Ich gehe gerne schwimmen, auch dort, wo man nicht schwimmen sollte. Ich liebe das in Österreich: an natürlichen Orten, mit Algen und Fischen. Das ist in Buenos Aires nicht möglich. Ich mag auch Fahrrad fahren, durch Orte, die ich nicht kenne.

Letzten Sommer war ich in der Alten Donau schwimmen. Und auf dem Weg dorthin mit dem Rad hab ich gesagt: Heute will ich, dass etwas Magisches passiert. Ich will, dass heute etwas aufblitzt in meinen Leben, das nicht normal ist. Ich schickte also diesen Wunsch ins Universum.

Ich ging mit der Luftmatratze schwimmen, bis in die Mitte der Alten Donau. Im Wasser sah ich immer die Reflexion meines eigenen Gesichts. Ich habe auf die Algen geschaut – was ich liebe. Plötzlich hab ich ein Sternchen gesehen. Ich habe eine Medusa gesehen, eine Qualle, mit einem Sternchen! Ich bin ihr nachgeschwommen. Plötzlich waren da mehr: zwei, drei, vier… Die sind dann alle gleich wieder verschwunden.

Maria Luz schiebt nach:

Quallen sind mir von allen Tieren die phantasmatischsten und sympathischsten. Wenn ich eine Erscheinung in einem Tier suchen würde, wäre es die Qualle.

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Still aus Wald der Echos (aufgenommen von László Váncsa, der zusätzliche Kamera machte). 

Frage: Warum machst du Filme?

Antwort: „Wenn mich jemand fragt: Das hier [Maria Luz zeigt auf einen Punkt vor sich] ist die Realität, wo würdest du deine Kamera hinstellen? [Sie zeigt auf einen anderen Punkt weit weg] Dorthin! Weit entfernt bitte! Film ist für mich ein Medium, wo ich mir die Welt nochmals zusammenstellen kann, fern von unseren Realitätsbegriffen. Es ist ein Spielzeug, um diese Ordnung umzuordnen.“

In Wald der Echos verbringen drei Kinder einige Sommertage im Wald. Am See treffen sie auf eine junge, scheinbar leblose Frau.

„Ich wollte bei diesem Film einen anarchischen Zugang zum Thema ‚Tod und Leben’ haben. Nicht einen über Leiden. Sondern einen anderen, einen aus der Sicht von Kindern.“

Der Film wirkt auch wie eine Choreographie, in der eine Erzählung nur um- oder eingekreist wird.

Dazu passt eine andere biographische Note: Maria Luz war früher, bevor der Film und die Kunst ihre Zeit in Anspruch nahmen, sehr sportlich. Hockey, Basketball oder Fußball. Was sie an diesen Sportarten fasziniert: Das Spiel zu lesen, es vorauszuahnen, wohin sich die Mitspielerin als nächstes bewegt. Und wie schnell und fließend diese Bewegungen dann ablaufen.

Ist ihr auch im Film eine Bewegung wichtiger als der Dialog oder eine von A nach Z laufende Erzählung?

„Mich interessiert, wie sich die Sachen im Bild entwickeln.“

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Still aus Apariciones

Das Spannende an Maria Luz’ Arbeiten ist, dass man sieht, dass sie versucht filmisch zu denken. Sie hinterfragt dabei nicht nur das Medium selber, sondern auch die gewählte Form:

„Wenn ich mich für Film entscheide – und bspw. gegen Fotografie oder Zeichnung –, dann muss ich mir sicher sein, dass Film mir etwas gibt, was mir die anderen Medien nicht bieten. Wenn ich bspw., ganz banal, Bewegung brauche. Oder die Illusion, dass etwas lebendig ist. Erst wenn ich mir sicher bin, mein Anliegen ist filmspezifisch, darf ich für mich selber weitermachen.“

„Und dann frage ich mich mit jedem Film wieder: Was ist Film eigentlich? Ist es jetzt ‚nur’ ein Medium, um meine Geschichte zu erzählen, oder ist es auch ein Werkzeug, um etwas zu erkunden, zu denken?“

Dann sagt sie den schönen Satz: „Ich schaue mir die Stoffe an und beobachte, in welche Richtung sie gehen.“

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Portraitbild auf http://www.luzolivarescapelle.com. Maria Luz als fiktive Figur „La Morrocotuda“. Der Begriff steht für einen Widerspruch in sich: Etwas ist riesig, klar da; aber man kann trotzdem nicht sagen, ob es existiert. „Ich sehe die Figur als ein Alter Ego, das mir etwas Außergewöhnliches zeigt. Ein Spiel mit mir selbst“, sagt Maria Luz. Unten: weitere La-Morrocotuda-Fotografien von Maria Luz.

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Während unseres Gesprächs und dem lebendigen Redefluss der Maria Luz Olivares Capelle gibt es nur zwei Momente, in denen sie länger als sonst nach einer Antwort sucht.

Die erste große Pause folgt auf die Frage, ob es etwas gibt, das sie schon seit 10 Jahren dauerhaft, konstant macht. Sie sagt dann: „Ich nähe sehr gerne. Seit ich 4 bin.“

Die zweite große Pause folgt auf die Frage, was passiert, wenn sie diesen Sommer ihre Studien abgeschlossen haben wird. Und ob sie nicht Angst davor hat, wieder an einer Klippe zu stehen wie vor vielen Jahren nach dem Studium in Buenos Aires:

„Ich glaube, der Unterschied ist: In Argentinien hatte ich das Gefühl, alles macht zu. Hier habe ich das Gefühl: alles macht eher auf.“

Und sie fügt an:

„Womit ich aber nicht sage, dass ich schon einen Weg habe.“

von Dominik Tschütscher, März 2016
Bilder zur Verfügung gestellt von Maria Luz Olivares Capelle
Portraitbild ganz oben © steffi dittrich photographie