Marie-Thérèse Zumtobel | Kamerafrau und Regisseurin
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Marie-Thérèse Zumtobel | Kamerafrau und Regisseurin

Juni 2016

Über Umwege hinter die Kamera

„Als Kind hatte ich ständig einen neuen Berufswunsch“, erinnert sich Marie-Thérèse Zumtobel. Sie habe nie zu den Leuten gezählt, die schon mit 15 genau wussten, wo sie einmal hinwollen und auf ein genaues Ziel hinarbeiteten. Jetzt, mit 32 Jahren, wirkt sie alles andere als unentschieden. Sympathische Bescheidenheit, Offenheit und Empathie paaren sich bei der Kamerafrau und Regisseurin mit unstillbarem Erfahrungshunger, mit Wissbegierde, reflektierter Selbstkritik – und großem Talent.

Abseits einer Leidenschaft fürs Fotografieren, der Marie-Thérèse stellenweise so obsessiv nachging, dass die Freunde von der omnipräsenten Kamera genervt waren oder ihr der stundenlange Aufenthalt in der Dunkelkammer Vergiftungserscheinungen durch inhalierte Chemikalien bescherte, kam ihr der Gedanke, Film in irgendeiner Form zum Beruf zu machen, relativ spät. Und über zig Ab- und Umwege: „Ich habe einfach so viele Interessen, bin schnell für alles Mögliche zu begeistern, das versetzt mich manchmal in innere Unruhe. Diese Rastlosigkeit kann anstrengend sein.“ Nach etlichen Berufswünschen, etwa den Ideen, Gynäkologin, Hundefriseurin oder Restaurantkritikerin zu werden, nach einem abgebrochenen Psychologie- und Romanistikstudium, einem einjährigen Vorbereitungsstudium für die Kunsthochschule und einem Auslandssemester an einer audiovisuellen Fakultät in Spanien, spielten ihr Reportage-Übungen und Kooperationslehrveranstaltung mit der Filmakademie, die sie während ihres Publizistik- und Kommunikationswissenschaftsstudiums besuchte (das sie 2008 abschloss) schließlich die ersten Videokameras in die Hand.

Vom Hörsaal aufs Segelboot über New York an die Filmakademie

Während eines 4-wöchigen Intensivkurses in Digital Filmmaking an der New York Film Academy leckt sie Blut, erkennt, dass es möglich ist, selbst Filme zu machen: „Als ich merkte, dass ich während der Kurzfilmdrehs nur dann zufrieden bin, wenn ich den Rec Button der Kamera bediene, dämmerte mir so langsam, dass Kameraarbeit tatsächlich etwas für mich sein könnte.“ Die Initialzündung kam aber erst während einer zufällig zustande gekommenen Teilnahme an einer Lichtstudien-Reise mit dem Kameramann Christian Berger, in dessen Klasse sie später Bildtechnik und Kamera studieren sollte. „Wir waren eine Woche auf diesem Schiff und haben die ganze Zeit das Licht beobachtet. Plötzlich habe ich alles ganz anders gesehen. Christian hat mir eine völlig neue Sichtweise eröffnet. Etwa vier Monate später bewarb ich mich an der Filmakademie.“

In der Rückschau kann die 1983 in Feldkirch geborene und in Dornbirn aufgewachsene Kamerafrau einen roten Faden erkennen, der sich – wenn auch eher verwoben als geradlinig – durch ihr bisheriges Leben zieht: Die Begeisterung für Film und die Lust am kreativen Arbeiten. „Der allererste Berufswunsch mit 5 Jahren war Malerin. Ich wollte Bilder machen.“ Entmutigender Kunstunterricht, der keinen Freiraum ließ, und unterfordernde Massenvorlesungen, in denen unentwegt über mediale Inhalte und Formen theoretisiert, aber niemals etwas produziert wurde, gehörten mit der Aufnahme an der Filmakademie schlagartig der Vergangenheit an:

„Ich bin da hingekommen und hatte von nichts eine Ahnung. Ich kannte mich nicht mit der Technik aus, während andere schon regelmäßig an Filmsets gearbeitet hatten. Einmal, in einem Kameraseminar, haben alle ganz selbstverständlich über Perforation gesprochen. Ich wusste gar nichts, hatte davon noch nie gehört, merkte aber, dass selbst die Drehbuchleute mitreden konnten. Das hat mich schon unter Druck gesetzt. Vor allem, wenn man vor lauter Unwissenheit gar nicht filtern kann, was relevant ist und was nicht. Dann versucht man alles aufzusaugen und ist eigentlich ständig überfordert.“

Geschlechterquoten und Osteopathie-Sitzungen

Zum Stichwort Überforderung drängt sich mir eine ganz andere Frage auf, weil ich mir unweigerlich vorstelle, wie diese zierliche junge Frau, die zudem gerne mit Handkamera arbeitet, unter dem Gewicht des Kamera-Setups zusammenbricht. Marie-Thérèse lacht und erzählt von einem Moment während eines Vorstellungsgesprächs an der Filmakademie, der ihre anfängliche Unbedarftheit irritierte: Ausgerechnet eine Dozentin fragte, ob sie denn auch Kamerafrauen kenne. Zum ersten Mal wurde sie nicht nur mit dem herrschenden Geschlechterungleichgewicht in diesem Beruf konfrontiert, sondern auch mit der möglichen Problematik, ob man das als Frau denn körperlich überhaupt schaffen könne. Trocken reicht sie die Antwort: „Als ich angefangen habe mit der Kamera zu arbeiten, hatte ich regelmäßige Osteopathie-Termine. Aber ich mag die körperliche Arbeit und seitdem ich trainiere, habe ich deutlich weniger Schmerzen. Während dem Drehen vergisst man die aber sowieso.“

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Marie-Thérèse mit geschultertem Kamera-Setup: „Ich mag die körperliche Arbeit.“

Marie-Thérèse ist nicht zimperlich, und obwohl auch sie manchmal das Gefühl hat, sich stärker beweisen zu müssen als männliche Kollegen, oder Jobs erst gar nicht zu kriegen, weil sie eine Frau ist, bleibt sie positiv: „Erstens ist nicht jeder, dem man begegnet, so ein vorurteilsbeladener Idiot und zweitens: Jammern bringt da wirklich gar nichts. Man muss was tun, damit sich das ändert.“

„Der Lerneffekt ist bei gescheiterten Projekten oft am größten“

Unterkriegen lässt sie sich auch nicht durch negative Beurteilungen oder missglückte Projekte. „Wäre ich mit 18 auf die Filmakademie gekommen, hätte ich mit der ganzen Kritik nicht umgehen können, weil ich das Fachliche nicht vom Persönlichen hätte trennen können. Man setzt sich selbst unglaublich unter Druck. Am Anfang des Studiums haben wir uns manchmal so sehr in ein Projekt hineingesteigert, dass wir geglaubt haben, es geht um Leben und Tod, wenn wir unser Drehpensum für den Tag nicht erreichen. Irgendwann erkennt man, dass das natürlich Quatsch ist. Ich nehme jedes Projekt sehr ernst, weiß aber zum Glück mittlerweile, dass die Welt nicht untergeht, wenn etwas nicht nach Plan läuft.“

Marie-Thérèses Wertschätzung für den Ort, an dem sie 2014 ihren Bachelor machte und seitdem im Masterstudiengang eingeschrieben ist, ist groß. Nicht nur, weil sie hier enge Freunde gefunden hat und viele Kontakte knüpfen konnte, sondern weil die Universität jene Freiheit bietet, die man später im Beruf nie wieder hat:

„Die Filmakademie ist ein freies Experimentierfeld – man bekommt dieses ganze Equipment, darf sich ausprobieren, darf scheitern. Das ist in der ‚echten’ Welt schwieriger, wenn man Unmengen an Geld für einen Drehtag ausgegeben hat. Dabei ist der Lerneffekt bei gescheiterten Projekten oft am größten: Weil einen vor allem die Fehler weiterbringen.“

„Ich habe oft Speicherplatzprobleme,
weil ich nichts löschen kann“

Über Jahre hat sie einen riesigen Fundus an Bild-Notizen, an Skizzen, Gemälden und Fotografien angesammelt. „Ich habe mir angewöhnt, mein Handy als Notizbuch zu verwenden, man hat’s ja immer dabei. Wenn ich irgendetwas sehe, das mich anspricht, dann halte ich dieses Ding, diesen Eindruck, diese Stimmung fest. Das hat meist erst mal keinen bestimmten Zweck. Aber manchmal, zum Teil auch erst Jahre später, sehe ich es wieder und plötzlich ist es bedeutsam oder inspirierend. Ich habe oft Speicherplatzprobleme, weil ich nichts löschen kann. Irgendwann könnte ich es ja vielleicht nochmal brauchen.“

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Gemälde einer Hand als filmische Notiz: Von Marie-Thérèse zwischen 2003-2004 an der Kunstschule in Meersburg gemalt und 10 Jahre später als Inspiration für eine Einstellung in Erlösung (Regie: Mark Gerstorfer, 2014, 28 min) wiedergefunden.

Bilder fungieren als Erinnerungsspeicher, als Gedächtnisstützen, die Marie-Thérèse in die Stimmung des Augenblicks zurückholen, Gefühle reaktivieren. Sie erzählt von einer kürzlich wiederentdeckten Szene aus einem privaten Familienfilm, in der sich ihre Passion fürs Bilder- und Filmemachen bereits abbildet … aber scheinbar nicht erkannt und über Jahre vergessen wurde: Im Winter, es liegt Schnee, die neunjährige Marie-Thérèse will die Videokamera des Papas selbst in die Hand nehmen, aber die Eltern wollen ihrem Kind die teure Anschaffung nicht anvertrauen.

Mit der zurückliegenden Entscheidung ihrer Eltern kurz nicht so ganz einverstanden, fährt sie versöhnlich fort: „Obwohl fast alle aus meiner Familie in wirtschaftlichen Berufen arbeiten, durfte ich eigentlich immer machen, was ich wollte. Sie haben mich stets in meinen vielen Vorhaben unterstützt. Und auch jetzt weiß ich, dass sie für mich da sind, wenn es finanziell einmal knapp wird. Das gibt einem auch auf Durststrecken eine gewisse Sicherheit. Das ist schon ein Privileg.“

Nur 2 oder 3 Projekte habe sie während des Studiums auf 16mm-Filmmaterial gedreht. „Es hatte schon auch Vorteile, analog zu arbeiten. Nicht nur, weil man ökonomischer gedreht hat, wobei man mit einer Digitalkamera auch nicht unendlich filmen kann, sondern weil die analogen Kameras technisch viel unkomplizierter sind. Die digitalen Kameras sind dafür lichtempfindlicher und eröffnen einem nach dem Dreh viel mehr Möglichkeiten.“ Neuestes, fortschrittlichstes, kompliziertestes Kameraequipment treibt Marie-Thérèse kein Funkeln der Begeisterung in die Augen. Technik ist Mittel zum Zweck und muss vor dem Dreh klar sein, damit man sich später nicht stundenlang damit aufhalten muss. „Die Technik muss immer ihre Berechtigung haben. Mich interessiert immer zuerst der Inhalt und dann die Technik.“

Die Frage, wie sie sich denn auf ihre Arbeit vorbereitet, beantwortet sie ganz entschieden: „Reden, viel reden – Kommunikation ist der Schlüssel zum Verständnis. Nur so weiß man, was man mit dem Film erzählen will, welche Stimmung der Regie vorschwebt. Und nur so findet man dann auch die richtigen Bilder. Ansonsten läuft man Gefahr, in Beliebigkeit zu verfallen.“ Manchmal schaut sie sich Fotografien, Filme oder Musikvideos an, manchmal reicht Musik, um die richtige Idee, das passende Gefühl zu bekommen. Storyboards zeichnet sie nur sehr kryptisch, macht sich eher handschriftliche Notizen und Aufsichtspläne, einfach und klar. „Wenn die Regie und ich uns einig sind, viel über die Geschichte oder das Thema gesprochen haben, dann entwickelt sich über die Zeit eine ganz eigene Sprache zwischen uns, so einfach und knapp, dass ein Außenstehender manchmal gar nicht versteht, was wir meinen. Wir aber schon.“

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Dreharbeiten von Erlösung – Marie-Thérèse und der Regisseur Mark Gerstorfer sind sich einig: In den subjektiven Kamerablicken der drei Protagonisten müssen sich drei  unterschiedliche Kameraführungsstile, drei Handschriften niederschlagen. Nicht nur wegen der Nähe zu den Schauspielern eine besonders herausfordernde Arbeit für die Kamerafrau.

„Dokus zu drehen ist wie Skifahren“

Dass RegisseurInnen mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen als Kameraleute stört Marie-Thérèse nicht. Sie empfindet es eher als beruhigend, im Hintergrund agieren zu können. „Ich beobachte gerne, ich bin eine Beobachterin, da liegt die Arbeit mit der Kamera schon irgendwie nah. Die Kamera ist manchmal eine Art Schutzschild, hinter dem man sich verstecken kann, im besten Fall sogar unsichtbar wird.“

Der besondere Reiz von dokumentarischer Arbeit liegt für sie vor allem in der Konfrontation mit dem Fremden und dem Unvorhersehbaren: „Man bekommt Einblicke, die man gewöhnlich nicht bekommt, kann in Milieus vordringen, zu denen man sonst keinen Zugang hat. Das ist schon sehr spannend und auch persönlich bereichernd.“

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Still aus Ich wandere auf einem schmalen Grat (Regie: Vedran Kos, 2015, 55 min). Durch Dokumentarfilme in unbekannte, verborgene, unzugängliche Welten blicken: Hier dringt die Kamerafrau in die Männerdomäne der Box Union Favoriten vor und macht selbst vor der Umkleidekabine nicht halt.

Bei Dokumentarfilm-Drehs sind die Grenzen zwischen Kamera und Regie stellenweise fließend. Es ist schwer zu sagen, wo die Regiearbeit beginnt, weil man sehr flexibel auf jede Situation reagieren, den richtigen Moment erwischen muss, ohne sich mit dem Regisseur oder der Regisseurin absprechen zu können. „Dokus zu drehen ist wie Skifahren: Du fährst eine unbekannte Piste runter und hast manchmal nicht lange Zeit, um zu überlegen: links oder rechts? Du musst einfach fahren.“ Spontaneität und Intuition sind für sie wichtig. Auf ihr Bauchgefühl könne sie sich immer recht gut verlassen – nicht nur im Dokumentarischen, sondern auch bei Spielfilm-Produktionen. „Manchmal rationalisiert man lange, um dann doch irgendwann festzustellen: Das anfängliche Bauchgefühl war’s eh!“

Was nicht heißt, dass es ihr keinen Spaß macht, kontrollierter erzählen zu können, das Set vorher zu kennen und einzurichten, mit Schauspielern zu proben. Ihre Regieambitionen und ihre große Inszenierungslust offenbaren sich nicht zuletzt in den Musikvideos für beispielsweise Fijuka, bei denen sie sich den Credit für Regie und Kamera mit Anselm Hartmann teilt. „Die Idee entwickeln wir zusammen, auch mit der Band. Der Dreh geht dann so vonstatten, dass derjenige, dem eine gute Einstellung vorschwebt, das Bild einrichtet, und der andere die Arbeit mit den Schauspielern übernimmt und schaut, dass sonst alles passt. Wir wechseln uns da ganz automatisch ab, das fügt sich so.“ Marie-Thérèse gehört der MTV-Generation an, sie erinnert sich an eine Zeit, in der sie süchtig nach Musikvideos war. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr die Arbeiten von Michel Gondry und Spike Jonze, Sabotage von den Beastie Boys gehört zu ihren Favoriten.

„Das Schöne am Format Musikvideo ist, dass man visuelle Spielereien ausprobieren kann, ohne so sehr auf innere Zusammenhänge achten zu müssen. An Ca Ca Caravan haben wir ein Jahr lang gearbeitet, weil alle Beteiligten nebenher auch auf bezahlte Jobs angewiesen waren. Auch wenn solche Projekte sich finanziell meist nicht wirklich auszahlen: Das Experimentieren, der Spaß und die Erfahrung sind es wert. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, ziehe ich eine Doku oder einen Spielfilm einem Musikvideo immer vor, da mich vor allem Inhalte und Geschichten interessieren.“ Marie-Thérèses nächstes großes Ziel ist der Dreh eines Langspielfilms.

Zum Abschluss unseres Gesprächs liest sie mir eine Zeile aus Baz Luhrmanns Song Everybody’s Free (to Wear Sunscreen) vor: „The most interesting people I know didn’t know at 22 what they wanted to do with their lives. Some of the most interesting 40-year-olds I know still don’t“ – nicht das schlechteste Lebensmotto, wie sie findet. Marie-Thérèse zählt zu diesen außergewöhnlichen Persönlichkeiten – auch wenn sie inzwischen ganz genau weiß, was sie will und tut.

von Michelle Koch, Mai 2016
Fotos zur Verfügung gestellt von Marie-Thérèse Zumtobel. http://www.mtzumtobel.com
Portraitbild oben von Anna Hawliczek