Fokus Frauen&Branche: Eine kleine Brandrede für die Sache
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Fokus Frauen&Branche: Eine kleine Brandrede für die Sache

Anna Katharina Laggner, März 2016

Anna Katharina Laggner ist freie Journalistin und Autorin. Ihr Schwerpunkt sind Literatur- und Filmkritik. Dieser Text wurde als Intervention beim Cinema Next Breakfast Club (Breakfast #2: Zwischenruf: „Das wissen wir Frauen auch!“) auf der Diagonale 2016 vorgetragen.

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Wer wird in Österreich gefragt, wenn es etwas Politisches zu klären gibt? Peter Filzmaier oder Anton Pelinka.

Wer wird gefragt, wenn es etwas Philosophisches zu klären gibt? Konrad Paul Liessmann.

Wenn keine Frage formuliert ist, aber trotzdem etwas dazu gesagt werden soll, dann fällt die Wahl auf Franz Schuh.

Und wer empfiehlt uns, sich jemanden Jüngeren ins Bett zu holen? Dagmar Koller.

Man sieht also, es gibt eine gewisse Schieflage.

Wobei die Schieflage nicht darin besteht, dass Frauen nicht zu Wort kommen. Wie ich ja, nebenbei bemerkt, ohnehin finde, dass es einer gewissen Skurrilität nicht entbehrt, wenn Frauen öffentlich sagen, dass Frauen nicht zu Wort kommen. Diese Form der Anklage bringt uns nicht weiter. Vor allem, weil bei den Diskussionen, bei denen Frauen sagen, dass Frauen nicht zu Wort kommen,  nur sehr selten Männer zugegen sind.

Wie soll ich sagen? Die viele Energie, die ins Wettern gesteckt wird, steht in sehr ungleichem Verhältnis zum beabsichtigten Ergebnis.

Wir brauchen andere Strategien.

Es geht zu allererst um den Inhalt. Es mag zwar eine Frau sein, eine Frau Ministerin, die als Kettenhund am Grenzzaun bellt, aber dass es sich um eine Frau handelt, ist nebensächlich. Es ist das Bellen, das mir Sorge bereitet.

Wobei sicherlich auch Frauen ein Anrecht darauf haben, öffentlich Dummheiten von sich zu geben.

Wo also anfangen, bei einer Schieflage, in der es für mich schon lang nicht mehr um Frauen und Männer geht (auch deswegen, weil es viel zu oft um Frauen gegen Männer und um Männer gegen Frauen geht).

Sollen wir bei den ganz jungen Frauen beginnen, die glauben, es liegt nur an ihnen, ihrem Egoismus und ihrer Disziplin, erfolgreich zu werden (und bitte, was ist das überhaupt, Erfolg?)? Und die meinen, Feminismus war ein Kampf von den Müttern und Großmüttern, die schon in jungen Jahren so alt und gaga waren, dass sie im Forum Stadtpark als Ausdruck ihres Widerstands Leintücher zerschnitten haben.

Soll ich euch von der Berlinale erzählen, bei der Lars Eidinger seinen weißen Hintern entblößt hat, angeblich, weil er davor in Teheran eine zensierte Version von Hamlet spielen musste und irgendwie ein Befreiungsbedürfnis hatte?

Soll ich euch von den beiden Männern gestern im Sonnenschein am Nebentisch erzählen, die sich über die Vor- und Nachteile des Kelomats unterhalten haben? Nein, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: zum Transportieren gut geeignet, zur Herstellung einer Rindssuppe weniger gut.

Sollen wir über die Familienministerin sprechen, die in Bezug auf die Väterkarenz meinte, in den Köpfen sei der Wandel schon fortgeschritten?

Wo beginnt der Fortschritt?

Von welchem Ausgangspunkt sieht sie diesen Fortschritt beschritten, die Familienministerin?

Wo sollen wir anfangen?

Beim Allerdringlichsten:

Ich hätte nicht gedacht, dass der Moment kommen könnte, an dem man sich nur zögerlich zum Feminismus bekennen kann. Der Wandel kam schleichend und nach der Silversternacht in Köln schlagartig: der Feminismus wird vereinnahmt, missbraucht, benutzt, um gegen das, was medial als das „Geschlechterbild im Islam“ bezeichnet wird, pauschal herzuziehen. Der Feminismus wird verraten von allen Männern und Frauen, die jetzt auf die, die da kommen, zeigen und sagen, ihr, ihr Kriegs- und ihr Wirtschaftsflüchtlinge und ihr Dublin-Ignorierenden-nach-Kerneuropa-Drängenden, ihr seids die Grapscher!

Aber es ist eben so: wenn der Stresspegel steigt, sinkt die intellektuelle Leistung. Das bedeutet, wenn jemand angegriffen wird, bekommt die Person Angst und kann nicht mehr richtig denken. Das ist jedes Mal zu beobachten, wenn Frauen gegen männliche Vorherrschaft wettern. Und man kann traurigerweise diesen, auf die Willkommenskultur im Herbst folgenden langen kalten Winter beobachten, wie die intellektuelle Leistung graduell abnimmt, weil die Angst immer größer wird.

Wieso bitteschön, lassen wir es zu, dass die Angst, die Angst vor dem Fremden – trete das Fremde in Form eines Moslems auf, der auf der Flucht ist, trete sie in Form einer Frau auf, die Gerechtigkeit einfordert – wieso lassen wir es zu, dass uns die Angst vor dem Fremden die Stimmung derart vergiftet?

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Veröffentlicht am 15. März 2016
Originalfoto von Diagonale/Lukas Maul

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