Teil 2: Und davon könnt ihr leben?
Sichtweise

Teil 2: Und davon könnt ihr leben?

Dominik Tschütscher, 18. April 2014

Diese Frage sagt einiges aus über die vorherrschende Verunsicherung darüber, dass man von einer Film(kultur)arbeit leben kann. Und man fast schon ein schlechtes Gewissen hat, wenn man das will (das Gefühl geben einem leider auch manche Förderstellen). Dass das in den meisten Fällen nicht geht, müssen all die erfahren, die nebenbei Werbung machen oder sich in anderen Projekten, manchmal auch fernab des Films, verdienen. Ich finde, niemand kann Film(kultur)arbeit leisten mit dem Anspruch, auch davon leben zu können. Man kann es sich wünschen, ja. Aber ein Anspruch? Wie wäre das zu bewerkstelligen? Wer alles darf diese Ansprüche stellen? Und wem gegenüber stellt man sie? Ach ja, klar: Mehr Fördergeld! Den Umstand, dass es zuwenig Fördergelder für zu viele Institutionen und Abnehmer gibt, haben sich die Förderstellen (abseits der Filmherstellung) auch ein bisschen selber zuzuschreiben: zu lange haben sie fast allen immer ein bisschen was gegeben. Sie alle stehen jetzt da und wollen mehr. Das Gießkannenprinzip wird so zum Problem, wenn zu viele Pflanzen dann doch wachsen. Zum Glück geht hier die Filmherstellungsförderung etwas differenzierter vor: was gefördert wird, soll auch sinnvoll gut gefördert werden. Es wäre angebracht, wenn die Kulturarbeit ähnlich funktionierte: zumindest sinnvoll, fair und gut bezahlt sollte sie sein. Selbst wenn nicht immer alle ständig davon leben können.

Was die Herstellung von Filmen betrifft, sehe ich für junge FilmemacherInnen (und somit auch für das österreichische Kino) dennoch ein großes Problem: Es gibt zu wenig Möglichkeiten, sich zu entfalten und sich dabei finanziell abgesichert zu sehen. Derzeit erlaubt die Förderlage in Österreich für junge Filmschaffende nur ein Entweder-Oder:

Entweder: wenig Geld haben, aber den Film machen können

Entweder man macht alles außerhalb des etablierten Systems, in dem Geld zu verdienen wäre. Dafür macht man den Film in kreativer Freiheit – oder was die Ressourcen an Freiheit erlauben. Ein oft genanntes Beispiel ist der letztes Jahr sehr erfolgreiche Film Soldate Jeanette von Daniel Hoesl. Wie das Team immer wieder betont, ist der Film mit nur 65.000 Euro hergestellt worden, u.a. dank einer Förderung des ehemaligen BM:UKK. Unter den Bedingungen der „großen Filmförderung“ des Filminstituts wäre ein Projekt wie Soldate Jeannette nie möglich gewesen – zumindest nicht in dieser freien Form. Kein Drehbuch! Da winken alle ab… Einen der besten Kurzspielfilme 2013, Erdbeerland von Florian Pochlatko, hätte es in dieser Form wohl auch nie gegeben, wäre er in den Ring der Drehbuch- und Projektentwicklungen gestiegen. Zu offen und flexibel war der Entstehungsprozess, zu eng an den symbiotischen Austausch zwischen Filmteam und Cast gebunden. Das Ergebnis folgt keinem klassischen Muster, ist dramaturgisch mitunter nicht in allem konzise, aber ist entsprechend lebendig – und erfolgreich!

Ein anderes Beispiel ist aktuell der erste Langfilm von Lisa Weber, Sitzfleisch, der in Rotterdam Premiere hatte und seither auf sich aufmerksam macht. Lisa, so sagt sie selbst im Rahmen einer Veranstaltung der Diagonale 2014, fürchtet sich vor den üblichen Produktionsbedingungen, weil diese sie nur lähmen würden. Sie mache einfach Filme und denkt hier nicht an das große Drumherum der Produktion und Förderung. Das klingt sehr erfrischend, aber ob sie mit diesem Zugang einmal vom Filmemachen leben kann, darüber ist sie selbst skeptisch. Vermutlich zu recht.

Oder: Geld haben, und 5 Jahre am Film arbeiten

Der andere Weg ist das große „Oder“ und kann anhand des Spielfilmdebüts High Performance (2014) von Johanna Moder erklärt werden. Der Film gewann im Jänner beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken den Publikumspreis (Festivalerfolg!) und läuft seit März österreichweit im Kino (Kinostart!). Es ist ein tolles Spielfilmdebüt einer sehr talentierten Regisseurin und auch Dialog-Schreiberin. Aber es dauerte 5 Jahre, bis der Film fertig gestellt werden konnte. Johanna hat lange am Drehbuch gearbeitet, Ideen verworfen, sich von Figuren verabschiedet, neue hinzugefügt. Die ursprüngliche Detektivgeschichte im Wirtschaftsmilieu avancierte zu einer Komödie über ein ungleiches Bruderpaar; der Wirtschaftsaspekt aber blieb erhalten. Erst als das Buch einer, wie Johanna sagt, „gewissen klassischen Dramaturgie“ folgte, sind Fördergeber, nach früheren Absagen, aufgesprungen; nur der ORF nicht. Die FreibeuterFilm, die Produktionsfirma hinter High Performance, gab trotz des reduzierten Budgets das Projekt nicht auf. Die Regisseurin kam im letzten Jahr der Produktion sogar in den Genuss einer Anstellung – was nicht üblich ist für junge Filmregisseure. Dies tröstet die Filmemacherin wohl auch darüber hinweg, dass am Ende aus High Performance – entgegen Johannas Scheu, den Film so zu sehen – „die österreichische Komödie des Jahres“ wurde. Am Ende eines langwierigen Entstehungsprozesses ist ihr bei der Vermarktung und dem Versuch, den Film zu positionieren, doch noch kurz die Kontrolle über ihren Film entglitten. Es mischen eben viele mit: neben dem Filmteam die Produktion, die Fördergeber mit ihren Juryentscheidungen und der Filmverleih. Hier die Balance und den Fokus zu halten, braucht sehr viel Zeit, Überzeugungskraft, vermutlich sehr viel Nerven und einen starken Glauben an sich selbst und dem eigenen Tun. Nicht viele junge und vielleicht noch unerfahrene Filmschaffende halten hier durch.

Wir wünschen uns eine Spielwiese!

Ich mag die vorherrschenden Bedingungen mit all ihren Fördermöglichkeiten und Entwicklungshilfen nicht verteufeln: Sie erlauben jungen Filmschaffenden, professionell zu arbeiten, Geld zu verdienen und weiter zu kommen. Was aber fehlt, ist ein Playing Ground, ein Mittelweg, abgesichert und nicht nur über Selbstausbeutung oder jahrelange Entwicklungsprozeduren realisierbar. Ein Mittelweg, der von den vorhandenen Förder- und Produktionsstrukturen profitiert und beide Seiten – Produktion und Kreative – darin unterstützt, jungen Stimmen und Talenten eine Chance zu geben, sich innerhalb vorherrschender Strukturen zu bewegen und beweisen. Und diese Strukturen auch ein bisschen zu testen. Es braucht einen Mittelweg, der es ermöglicht, auch Filme im unteren bis mittleren sechsstelligen Budgetrahmen herzustellen und man dafür keine 5 Jahre benötigt, um durch Dramaturgieklausuren und Förderkommissionen zu kommen. Die Filmabteilung des Bundeskanzleramts leistet hier durch die „kleine Filmförderung“ schon große Dienste und ermöglicht ein halbwegs freies Filmschaffen, in allen Längen und Formaten. Das ORF Film/Fernsehabkommen hätte im Rahmen des Innovationstopfes eine gesetzliche Vorgabe für eine Nachwuchsförderung aller Formate, nimmt diese Aufgabe aber nicht wahr. (Der ORF-Zuständige meinte bei einer Podiumsveranstaltung vor 2 Jahren sogar, dass von ihm keine Impulse in Sachen Nachwuchsarbeit mehr zu erwarten seien, man müsse auf seinen Nachfolger warten.) Auch das Österreichische Filminstitut, also die „große Filmförderung“, hält Förderungen für „Nachwuchsfilme“ (erster oder zweiter Langfilm) mit einem Budget in Millionenhöhe bereit, und Produktionsfirmen schöpfen beim ÖFI Referenzgelder ab und stecken diese erfreulicherweise in Nachwuchsprojekte. Das ermöglicht jungen Filmschaffenden zwar ein Arbeiten im professionellen Umfeld mit einem sehr (vielleicht schon zu) hohen Budget, aber die Gefahr ist, dass die Nachwuchskräfte von dieser Förderstruktur überrumpelt werden und das viel versprechende Talent wie die Jungfrau zum Kind kommt. Geburtshelfer sind dann Script Consultants, Projektentwickler und Produzenten. Das Kind wird dann wohl doch nicht so schnell auf die Welt kommen. Johanna Moder kann ein Wiegenlied davon singen.

Eine etwas weniger behütende, mutigere und auch risikofreiere Heranführung von talentierten Kräften an die Branche wäre sicherlich gesund. Und auch Lisa Weber könnte dann – zumindest ab und zu – von dem leben, was sie macht, und von dem alles andere ausgeht: gutes österreichisches Kino zu gestalten.

Trailer High Performance von Johanna Moder