Pablo Leiva | BKA Start-Stipendiat 2014
Porträts

Pablo Leiva | BKA Start-Stipendiat 2014

Januar 2015

Pablo Leiva (Jg. 1981) aus Chile kam über Frankreich nach Wien, wo er seit fünf Jahren als Kameramann, Autor und Regisseur lebt. Er ist einer der fünf START-StipendiatInnen 2014 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im Jänner 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

Es war meine Schuld, dass das Treffen mit Pablo für dieses Portrait mehrere Male verschoben werden musste. Für jede Absage entschuldigte ich mich aufrichtig und war erleichtert, als Pablo gelassen auf jedes neuerliche Datum reagierte, das ich ihm vorschlug. Auch sein letztes Mail blieb zuversichtlich: „Fine. I am not complicated. So I see you tomorrow evening.“

Nicht kompliziert – das ist auch das geeignete Attribut, um Pablo Leivas Herangehensweise ans Filmemachen zu beschreiben. Wenn Pablo über seine Projekte spricht, wirkt Filmarbeit überraschend einfach, unkompliziert und vor allem realistisch machbar. Und das liegt nicht an der Naivität eines Jungregisseurs, sondern im Gegenteil an den vielfältigen Erfahrungen, die Pablo bereits gesammelt hat und an der Überlegtheit, mit der er seine angestrebte Laufbahn verfolgt.

Zu Beginn unseres Treffens entscheiden wir uns, das Interview auf Englisch zu führen, obwohl Pablo nach fünf Jahren in Österreich auch gut genug Deutsch spricht, um mit seinen Darstellern diskutieren zu können. Die ersten Entwürfe seiner Drehbücher schreibt er hingegen nach wie vor auf Französisch, da er seit seinem achten Lebensjahr in Paris gelebt hat. Davor ist er in Chile aufgewachsen. Mittlerweile ist Pablo 33 Jahre alt.

Chile – Frankreich – Österreich

„Dort, wo ich in Frankreich gelebt habe, gab es eigentlich niemanden, der etwas mit Kunst zu tun hatte“, erzählt Pablo, „und als es dann darum ging, welche Ausbildung ich nach der Schule machen wollte, haben mich alle an eine Medien-Fachhochschule verwiesen. Dort hat man die technischen Aspekte für eine spätere Arbeit beim Fernsehen gelernt.“ Nach zweijähriger Ausbildung mit Fokus auf Kamera-Arbeit an einem Medien-College in Lille macht Pablo also erste berufsnahe Erfahrungen als Praktikant bei einer Fernsehanstalt. Schnell wird ihm klar, dass das nicht die Art von Tätigkeit ist, die er weiter verfolgen möchte. Er kehrt zurück nach Paris und unternimmt einen neuerlichen Anlauf, diesmal an der Universität, wo er Filmwissenschaft inskribiert. „Ich habe mich schon immer sehr für Bilder interessiert und an der Uni haben wir sehr viele Filme geschaut. Da dachte ich dann: genau das will ich machen: Filme. Durch die Uni hatte ich nun zwar viel Theorie-Wissen, aber ich wusste noch nichts von der Praxis. Also habe ich angefangen, selbst kurze Filme zu machen.“

Pablo kauft sich eine kleine Filmkamera und beginnt zu experimentieren. „No-Budget-Fluxus“, beschreibt er seine Anfänge, für die er vorwiegend schwarz-weißes Super8-Material verwendet, das er auch selbst zu entwickeln lernt. Doch Pablos eigentliches Interesse liegt beim Spielfilm.

Erster Brotjob bei Pension F

Zu diesem Zeitpunkt ist Pablo in Wien angekommen, wohin es ihn aus privaten Gründen verschlagen hat, und er möchte herausfinden, ob es ihn zu bleiben interessiert. Nach einer Woche hat er einen Job: im mittlerweile geschlossenen „3raum Anatomietheater“ von Hubsi Kramar wird gerade „Pension F“ geprobt, ein Stück über den (Medien-)Fall Fritzl, und dort wird ein Kameramann gesucht, der während der Vorstellungen auf der Bühne das Geschehen begleitet. Als das Stück abgespielt ist, bietet Pablo seine Kamera-Dienste weiteren Theatern an und findet so weitere Verdienstmöglichkeiten.

Seinem Drang nach eigenständigem kreativen Output auch im Bereich von Auftragsarbeiten geht Pablo mit seiner Ein-Mann-Produktionsfirma Atelier Filmfabrik nach, die Imagefilme für Kulturinstitutionen und Trailer für Theaterstücke erstellt sowie mit SchauspielerInnen an deren Demotapes arbeitet. „Den Schauspielern, zum Beispiel, sage ich, dass ich eine viel bessere Idee habe, als Ausschnitte ihrer bisherigen Arbeiten aneinander zu schneiden. Nämlich dass sie mir all die interessanten Dinge sagen sollen, die sie gerne spielen möchten und ich mache dann aus diesen Situationen eine Geschichte. So können wir gemeinsam einen Kurzfilm drehen.“

„Die Fördergelder haben mir auch etwas von der Freiheit genommen“

Prinzipiell ist es Pablo jedoch wichtig, diese beiden Bereiche – Auftragsarbeiten und eigene Spielfilme – unter getrennten Labels zu führen. Weil sie sich, und somit Pablos Herangehensweise an die Arbeiten, doch sehr voneinander unterscheiden. Verbindend ist für ihn lediglich sein wachsendes Interesse für die Produktionsseite. Was bisher nur für die „Atelier Filmfabrik“ Bedeutung hatte – wie viel darf etwas kosten und wie kann man seine Ideen auch mit wenig Budget umsetzen? – wird nun auch für die eigenen Projekte immer wichtiger.

2013 wird König der Welt zu Pablos erstem eigenständigen Film, für den er Fördergelder (BKA) erhält. Der 20minütige Kurzspielfilm erzählt von Mario, bodybuilding-begeistert und auf der Suche nach „alternativen“ Wegen, um es im Leben zu etwas zu bringen, seiner Freundin Steffi, die mit ihrem Job als Kellnerin die gemeinsame Wohnung sowie ihre Ausbildung zur Krankenschwester finanzieren muss und dem besten Freund Marius, der Computerspiele der realen Welt vorzieht.

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Klaus und Steffi, die beiden Laien-DarstellerInnen in König der Welt (2013, 20 min).

„Dass ich für diesen Film Fördergelder bekommen habe, war einerseits gut, weil ich so die Leute zahlen konnte. Andererseits hat es mir auch etwas von der Freiheit genommen, die ich davor immer hatte. Ich wurde anspruchsvoller. Ich habe mich zu sehr in oberflächlichen Fragestellungen verloren. Das hätte ich ohne Geld nicht. Es war also ein gutes Experiment, aber nächstes Mal mache ich das anders“, meint Pablo rückblickend.

Trotz Pablos Selbstkritik sollen hier die Stärken des Films nicht unerwähnt bleiben: der eindringlicher  und sogleich ehrlicher Blick auf die Leben seiner Figuren. Pablo ist ein großer Fan des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn und dessen „Pusher“-Trilogie. Das hat Spuren in der eigenen Bildgestaltung hinterlassen. Beunruhigend nahe ist die Kamera an den Figuren dran. Nicht immer sieht man sie aus schmeichelhaften Perspektiven. Die Blickwinkel sind schief und über-Eck und nie statisch genug, um fassbar zu werden. So planlos, wie sich die Figuren durch ihre Stadt bewegen, genießt auch die sporadisch eingesetzte Handkamera ihre Freiheiten. Schnelle Schnitte, pointierter Musikeinsatz und gut getroffenes Colorgrading tauchen König der Welt in eine eigene Bildwelt, die Pablo gekonnt als Sprachmittel zu nutzen weiß.

„König der Welt“ wurde 2012 als 5-Minüter beim instant36 Stegreif-Filmfestival eingereicht (und gewann den 2. Platz). Daraus wurde dann der etwas längere Kurzfilm entwickelt. Video-Link zum „langen“ Kurzfilm oben rechts.

Das zweite Merkmal von Pablos Arbeitsweise ist die Wahl seiner Darsteller und die damit verbundene Auswahl der Geschichten – oder umgekehrt. Pablo arbeitete ausschließlich mit nicht professionellen Schauspielern. Und die Handlung, die erzählt wird, ist nicht unbedingt frei erfunden, sondern entsteht durch das Kennenlernen jener Menschen, die später zu ihren Darstellern werden. Es ist also ein dokumentarischer Ansatz, der zur Basis von Pablos Fiktionen wird, was die Narration in einer Waage von spannend-unvorhersehbar und  angenehm-normal hält.

„Vor Beginn der Dreharbeiten treffe ich mich mit den Darstellern und wir lesen gemeinsam das Drehbuch. So kann ich zumindest sicher sein, dass jeder die Geschichte kennt. Und dann haben wir eine längere Probenzeit. Was ich dabei mag ist, dass ich so zur „eigentlichen“ Sprache der Leute finde. Beim Drehbuch schreiben verwendet man ja oft Wörter, die man in Wirklichkeit gar nicht sagt. Und beim Proben machen die Darsteller dann Vorschläge, die ihnen besser entsprechen. So kommen neue Wörter und mehr Bewegung ins Spiel. Professionelle Schauspieler wollen immer alles über eine Figur wissen. Ich hab aber auch nicht alle Antworten. Nicht-professionelle Schauspieler stellen diese Fragen erst gar nicht. Sie brauchen etwas anderes. Sie brauchen Vertrauen. Und dann spielen sie eine Szene, nicht, weil sie die Motivation schlüssig finden, sondern weil sie sie machen wollen.“

„Ein guter Film ist, wenn du aus dem Kino kommst
und mit dem Regisseur befreundet sein willst.“

König der Welt ist als Dogma-Film entstanden: kein künstliches Licht, kein Dekor – darüber hinaus sogar kein Tonmann am Set. Gearbeitet wurde nur mit Ton, der über die Kamera aufgenommen werden konnte, und die Szenen wurden nahe an Fenstern, in hellen Räumen oder im Freien inszeniert. Gedreht wurde in den Wohnungen der Darsteller.

„Ich mag diese Art zu arbeiten, das Spielen mit begrenzten technischen Möglichkeiten, aus denen du das Beste rausholen musst. So stellst du dir ständig Fragen, die direkt mit dem Kino selbst zu tun haben: Ton, Licht, Setting … ein sehr puristischer Ansatz, eigentlich. Man braucht dann auch nicht so viel Geld, um gute Filme zu machen. Man muss sich nur immer weiter drängen, noch kreativer zu sein.“

„Mein absoluter Lieblingsregisseur ist Cassavettes. Dieses Verhältnis, das er zu seinen Geschichten hat und die Fähigkeit, durch das Filmemachen eine Familie zu erschaffen. Seine Idee des unabhängigen Filmemachens: dass alle zusammen leben und gemeinsam an einem Film arbeiten. Dass man dazu kein Studio braucht. Bei Cassavettes sind die Werkzeuge immer spürbar und das gibt mir als Zuschauer so viel Energie, dass ich sofort das Bedürfnis habe, selbst auch etwas zu machen. Ich glaube, das ist das Zeichen für einen guten Film: wenn du aus dem Kino raus kommst und mit dem Regisseur befreundet sein willst.“

Sein neues Projekt: Episodenfilm als Web-Serie

Pablos kommendes Projekt ist eine Spur komplexer: Hysteria lautet der Arbeitstitel des 90minütigen Episodenfilms, der als Web-Serie konzipiert ist. Sieben Figuren, festgefahren in ihren Lebensstrukturen und gleichzeitig geprägt durch verschiedene Formen der Realitätsverweigerung, leben in derselben Stadt aufeinander zu und aneinander vorbei.

Die geplante Präsentationsform im Internet erlaubt der Geschichte, mehr Raum einzunehmen, als dies auf einer Kinoleinwand möglich wäre und gibt den RezipientInnen die Chance, den Film nach individuellen Präferenzen zu gestalten. Auf der Homepage von Hysteria wird nebst den abgeschlossenen Episoden auch „Bonusmaterial“, wie Interviews und Fotos der Charaktere zu finden sein. Man kann sich also in einzelne Geschichten noch weiter vertiefen oder mit Hilfe einer „random“-Taste die Auswahl und Reihenfolge der Erzählung dem Zufall überlassen. Zudem werden einzelne Themen und Handlungsstränge mit Stichwörtern versehen, nach denen gesucht und ausgewählt werden kann. Jeder neue Rezipient von Hysteria wird  somit einen neuen Film entstehen lassen.

Digitale Welt:
„Ich glaube, wir haben noch gar nicht herausgefunden, wie weit wir diesbezüglich gehen können.“

Diese Form des Erzählens und Präsentierens, die stark von den Möglichkeiten des Internets geprägt ist und für die sich immer mehr Kreative unterschiedlicher Disziplinen entscheiden, ist für Pablo keine Frage des Trends, sondern eine des Überlebens in geänderten Zeiten:

„Früher hast du jemanden gebraucht, der dich an der Hand nimmt und dir alles ermöglicht, einen Produzenten oder ein Studio. Aber heute ist das nicht mehr so. Man kann alles selber machen. Und soll es auch. Früher war der Weg eines Films: Kino, DVD, Fernsehen. Heute kannst du mit deinem Film selbst auf eine Internet-Plattform gehen. Es ist mir bewusst, dass das Problem, wie Geld über das Internet zu verdienen ist, noch nicht ganz gelöst ist, aber ich bin mir sicher, dass die Leute, die ins Kino gehen und dort den Film sehen, nicht die selben sind wie die, die den Film im Internet konsumieren. ARTE ist da einer der Vorreiter, die haben schon vor zehn Jahren einen Film im Fernsehen gezeigt und dann haben sie ihn ins Kino gebracht. Und es haben sich trotzdem Leute das Ticket gekauft. Aber viele Produzenten und Verleiher haben das noch nicht verstanden. Es hat sich auch die Einstellung der Konsumenten geändert. Sie möchten mehr involviert sein und näher dran. Das hat auch mit dem Internet zu tun. In der Musik hat das zum Beispiel dazu geführt, dass Konzerte wieder einen größeren Stellenwert bekommen haben und Fans ihre Lieblingsband dort direkt unterstützen wollen. Und beim Film hat niemand das Gefühl, einen Künstler direkt zu unterstützen, wenn er lediglich ein Ticket an der Kinokassa kauft. Durch das Internet gibt es nun aber diese Möglichkeit: durch Kickstarter zum Beispiel, oder eben dass du einen Regisseur über seine Homepage begleitest und unterstützt. Ich glaube, wir haben noch gar nicht herausgefunden, wie weit wir diesbezüglich gehen können.“

von Dominique Gromes, Jänner 2015
(Portraitbild oben von Natascha Unkart)

CV Pablo Leiva