Fokus Frauen&Branche: Was nicht auf der Hand liegt
Sichtweise

Fokus Frauen&Branche: Was nicht auf der Hand liegt

Karin Fisslthaler, März 2016

Karin Fisslthaler ist Filmemacherin, Künstlerin und Musikerin. Dieser Text wurde als Intervention beim Cinema Next Breakfast Club (Breakfast #2: Zwischenruf: „Das wissen wir Frauen auch!“) auf der Diagonale 2016 vorgetragen.

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Meine geschlechtliche Identität ist nichts, was mir permanent bewusst wäre.

Sie schaut mir überrascht im Spiegel entgegen, ist ein unangenehm durchbohrender Blick auf der Straße, ein anerkennender Kommentar zu Fähigkeiten, die man besitzt, trotzdem. Geschlecht ist etwas von außen Auferlegtes, das auf mich rückwirkt und einen oft schmerzhaften Kreislauf schließt. Sicher aus Selbstschutz bewege ich mich in Komfortzonen, in denen ich eine gestaltete und fluide, im Prozess befindliche Person sein kann, wie ich will: ein Mensch. Doch sind diese Zonen nur vermeintlich frei.

Mit der Zeit habe ich einige dieser Gebiete kennengelernt: als elektronische Musikerin, Bildende Künstlerin und als Filmschaffende. Überall bin ich auf Differenzen, Grenzen und Decken, Ungleichgewichte und Sexismen gestoßen. Ich habe immer versucht, dies zu ignorieren und nicht zu ernst zu nehmen, zugunsten einer Energie, die ich stattdessen in meine Arbeit fließen lassen wollte. Diese Selbstverständlichkeit hat mir stets geholfen, sie hat aber auch ihrerseits Energie gefordert und ist ein Konstrukt: meine gelebte positive Utopie! Naiv angesichts eines Alltags, der beweist, wie wenig weit wir noch sind, denn der Backlash lauert überall und es gilt, wachsam zu bleiben.

Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, Feministin mit einer queeren Sensibilität zu sein, in einer Gesellschaft, die Kategorien erfunden hat, in einer hierarchisch, patriarchalen, kapitalistischen Ökonomie, in der all jene ausgeschlossen werden oder unter Druck geraten, die nicht unmittelbar einordenbar oder nützlich sind, um dieses Gerüst aufrechtzuerhalten.

Strukturell herrschen nach wie vor klare Domänen, die von den einen besetzt sind und von den anderen erkämpft und eingefordert werden müssen. Grenzen, seien sie territorial, sozial, geschlechtlich, oder Genregrenzen, sind gesellschaftliche Konstruktionen, die es gilt zu hinterfragen, aufzuweichen, zu durchschreiten um auf Neues, Überraschendes und im besten Fall Bereicherndes zu stoßen. Auf jeden Fall braucht es dafür Kompliz_innen und Mitstreiter_innen – und es braucht Worte.

Als Filmschaffende wurde mir das Betreten einer besetzen Zone zum ersten Mal bewusst, als ich 2002 meinen Found-Footage-Film Vivian und Edward (ein Film über das Schweigen zwischen den Geschlechtern und die damit einhergehenden Differenzen) bei der Diagonale präsentieren durfte. Als Studierende der Kunstuniversität Linz mit Lehrenden wie Mara Mattuschka, Peter Tscherkassky, Martin Arnold, Dietmar Brehm oder Martin Reinhard kann man mir mangelndes Wissen über das österreichische Experimentalfilmschaffen nicht unterstellen. (Wertschätzung gegenüber all deren großartigen Arbeiten ist für mich absolut geschlechtsneutral.)

Trotzdem wollte mich der damalige Moderator des Filmgesprächs ziemlich auflaufen lassen und mir eben dieses Wissen um eine Tradition, in die ich mich da vermeintlich und unreflektiert als junge Frau einzuschreiben versuche, absprechen. Ich habe baff und aufgeregt um Worte gerungen, die nicht so mein Medium sind, mag ich doch berufsbedingt Bilder und Töne viel lieber.

Dieses Erlebnis, gefolgt von inzwischen jahrzehntelangen Absagen eines österreichischen Experimentalfilmvertriebs und das Gefühl in eine männliche Domäne einzudringen, in die ich mich nicht einschreiben darf, hat mich lange verfolgt, mich in Selbstzweifel gestürzt und hat großen Willen und ein Netzwerk aus Unterstützer_innen meiner Arbeit gebraucht, um nach wie vor Found-Footage-Filme zu produzieren und zu deren Eigenständigkeit zu stehen. – Und das alles, während es an Mitstreiterinnen mangelt und meine gleichaltrigen Found-Footage-Kollegen auf der Überholspur fahren.

Als Künstlerin wird vorausgesetzt seine Position zu reflektieren, das Konstrukt Geschlecht zu hinterfragen und wenn möglich dies auch noch in seiner Arbeit zu thematisieren. Selbstverständlichkeit ist ein Stillstand, ein Verharren und Ausruhen in seiner Rolle – auf jeden Fall ist es ein Privileg. Sich selbst infrage zu stellen und die permanente Selbstreflexion hingegen eine lebendige Praxis.

Es ist an der Zeit, diese „Nicht-Selbstverständlichkeit“ auch von den männlichen Kollegen einzufordern, damit wir endlich beginnen können, miteinander zu sprechen: mit Körpern, mit Bildern, von mir aus auch mit Worten.

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Veröffentlicht am 15. März 2016
Foto von Dominik Tschütscher/Cinema Next

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