„Ich nehm’ sehr gute Anti-Depressiva, wie bestimmt viele von euch“
Sichtweisen

„Ich nehm’ sehr gute Anti-Depressiva, wie bestimmt viele von euch“

Kurdwin Ayub, März 2020

Die Filmemacherin, Drehbuchautorin und Performancekünstlerin Kurdwin Ayub über Feminismus, Rassismus, Hass und Solidarität in der Filmbranche.

Der Text wurde als Gastrede anlässlich der von Mirjam Unger gestalteten Verleihung des 10. Österreichischen Filmpreises am 30. Januar 2020 vorgetragen. Wir veröffentlichen den Text im Kontext des geplanten und leider abgesagten Cinema Next Breakfast Clubs der Diagonale’20, bei dem wir uns an einem Tag mit dem Thema „Überlebensstrategien“ beschäftigen wollten.

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Mirjam hat mich angerufen und gemeint, ich soll eine Rede halten. Ich steh’ eh gern auf der Bühne und mein Vater wollte auch immer, dass ich Schauspielerin oder Moderatorin werde. Dann musste ich ihm aber erklären, dass ich als Ausländerin keine guten Chancen hab’, jemals vor euren Kameras zu landen.

Aber ich bin eh lieber meine eigene Chefin. Für die, die mich nicht kennen: Ich bin die, die eure Förderungen letztes Jahr bekommen hat. Die, von der man vielleicht sagt, dass ich die bekommen hab’, weil ich Frau und Ausländerin bin.

Es schwimmen schon viele Vorurteile rum. Auch wenn sie lieb gemeint sind. Letztens wurde ich gefragt, ob ich Bauchtanzen kann. Und bevor ich antworten konnte, sprach sie weiter: ‚’Tschuldige, was red’ ich da? … Na sicha kannst du Bauchtanzen!‘

Ich bin 29 Jahre alt und in den 28 Jahren, in denen ich in Österreich lebe, und in den sechs Jahren, in denen ich scharf aussehe (das ist meine Zeitrechnung nach meiner Nasen-OP), haben mir nur einmal Österreicher aus einem Auto zugerufen und mich auf meinen Zuckergehalt reduziert: ‚Servus, Zuckerschnitte!‘

Ich sehe mich trotzdem als integrierte Wienerin. Und nun bin ich Regisseurin in dieser heiligen Kunst- und Kulturlandschaft.

Ich hatte mal einen irritierenden Traum: Ich bin am Set und bespreche mit meinem Filmteam, was als nächstes ansteht. Ich habe insgeheim Angst, dass ich als Regisseurin nicht respektiert werde und bekomme dann ein seltsames Gefühl im Bauch. Dann passiert es. Ich pupse monströs laut. Alle merken es. Es ist unglaublich peinlich. Sie machen sich über mich lustig, also laufe ich weg. Ich verstecke mich in meiner alten Schule und schäme mich dort. Dann verändert sich dieser Traum zu meinem Standardtraum aus jeder Nacht. Jemand will mich, wie in einem Actionfilm, entführen. Ich bin plötzlich wieder im Irak. Mein Verwandten kochen irgendwas. Dann taucht der Seidl mit einer Gasmaske auf, weil ja, … und er ist auch enttäuscht von mir. Ich weiß nicht.

Wie auch immer. Ich arbeite sehr hart. Und werde gefördert, weil ich Ausländerin und Frau bin? Ich meine, wenn man das so annimmt, dann müssten grad ja nur Ausländer und Frauen Filme machen?

Feminismus wird auch gegen mich verwendet. Obwohl ich selbst viel mit Frauen zusammenarbeite, aber eigentlich, weil es oft passiert, dass ich Männer in meinem Arbeitsumfeld sexuell belästige, und die kommen überhaupt nicht klar damit. Jedes Mal, wenn ich einem über dem Weg laufe, zuckt der voll z’samm, als hätt’ ich ihn vergewaltigt. Hab’ ich aber nicht. Er soll sich freuen über meine Komplimente.

Aber zurück zum Thema Feminismus als Waffe. Es wird auch als Druckmittel verwendet. Letztens wurde mir indirekt Sexismus vorgeworfen, weil ich die Hälfte meines Drehs nicht für eine Nebendarstellerin verschieben wollte. Warum auch immer das mit dem zusammenhängt? Ich versteh’s nicht ganz. Offenbar bin ich Frau, Ausländerin und jetzt auch sexistisch.

Und Rassismus wurde mir auch vorgeworfen. Und zwar von meinem eigenen Vater. Ich arbeite manchmal in seiner Arztpraxis. Nur zum Spaß. Nicht, weil man so wenig Geld als Filmemacherin verdient.

Mein Vater meinte, ich bräuchte das volle Paket, immer wenn ich zu ihm arbeiten komme: Schminke, Haare stylen, viel Parfum, die farbigen Kontaktlinsen. Wir haben viele Patienten mit Migrationshintergrund und ich weigere mich, mich fürs Arbeiten sexy aufzustylen. Er meint: ‚Kurdwin, du denkst nicht, dass du musst in Ordination mit 130 Patienten reden und schaust du so aus wie Drogensüchtige. Du hast kein Respekt für Ausländer.‘

In meiner Erziehung hat er mich jeden Tag in der Früh mit den Worten aufgeweckt, dass ich nichts wert bin und es zu nichts bringen werde mit meiner schwachen, kleinen Persönlichkeit. Dann hat er mir meine Haare geföhnt, weil ich für ihn nur mit 80-Jahre-Föhnwelle schön genug war.

Logischerweise hab’ ich dann wegen meines mentalen Zustands Kunst studiert, wie viele von euch aus so ähnlichen Gründen, worauf ich in seinen Augen natürlich versagt habe.

Mein Vater bekommt nämlich immer Übelkeit, wenn er hört, wie viel die Regie für den ganzen Aufwand verdient. Er glaubt mir auch nicht, dass ich überhaupt überleben kann, obwohl ich so gut darüber lüge. Ich kann ihn nicht abhalten, mir Geld zu überweisen, weil er der festen Überzeugung ist, dass ich an Depressionen und Hunger leide. Aber mir geht’s eh gut. Ich nehm’ sehr gute Anti-Depressiva, wie bestimmt viele von euch.

Zurück zu was ähnlich Traurigem. Die Filmbranche. Ich hab’ genauso gekämpft und gelitten wie alle hier. Mir hat man auch am Oarsch griffen, wie vielen von euch bestimmt. Und trotzdem … wir hassen uns.

Ich treffe selten Leute, die nicht über die Filme der anderen schimpfen. Und wie wir schimpfen. Obwohl: Ich schimpf’ nie so viel.

Es muss am österreichischen Charme liegen, den ich so liebe. Den lieb ich wirklich. Dieser Grant, das Sudern, dieses Düstere. Aber ja, wir hassen uns alle.

Wir vergleichen und beneiden uns. Weil wir Angst haben liegenzubleiben. Und das ist sehr verständlich, weil es real ist. Letztens war ich mit einer Kollegin ein Bier trinken und die hat mir erzählt, dass sie gerade in einen Typen, auch vom Film, verknallt ist. Der Hauptgrund, warum sie ihn mag, ist, weil er nicht weiß, wer ich bin.

Es wird vielen schon früh beigebracht, ihre Kolleg/innen zu zerreißen. Als müsste jeder den perfekten Film machen, und als ob das möglich ist. Vielleicht reicht es auch, wenn man darin etwas spürt, was einen bewegt, egal, ob die dritte Nebenfigur nicht so gut inszeniert wurde und der vierte Plotpoint nicht funktioniert hat. Vielleicht ist es egal, auf welchem Festival der oder die gelaufen ist, weil es im Grunde eh wurscht ist. Jeder bleibt Nachwuchsfilmemacher/in, bis er oder sie fünfzig  ist, egal wie viel Cannes er oder sie in der Bio stehen hat. Es ist so.

Wir leiden oft. Wir haben uns aber auch für diesen Weg entschieden, und es kann eben nicht jeder am Ende des Abends eine Rose oder einen Preis mit heimnehmen. So ist das halt.

Es gibt so viele wunderbare Menschen unter uns, mit denen ich gern am Sofa sitz’ und Bauer sucht Frau schau.

Viele haben Familien und andere haben Krankheiten. Es gibt so viel normales Leben in uns, das andere Menschen auf der Welt nicht haben, also sollten wir dem mehr Beachtung schenken als dem Hass zwischen uns. Ich mein’ … wir machen Filme und das ist so schön. Wer kann das schon von sich behaupten?

Und noch was: Immer wenn ich im Publikum sitze und Leute vorne reden hör’, wie oarg rechts alles ist und bla und dass wir was ändern müssen, frag ich mich, warum dann niemals ein/e Ausländer/in in deren Filmen spielt.

Und es sollt’ vielleicht keine/r sein, der oder die vor der Kamera von einem Flüchtlingsboot fallen muss, weil das ist ja nicht das einzige, was Ausländer/innen spielen können.

Ich meine, sie könnten auch Rollen wie Liebhaber/innen, Ärzt/innen, Student/innen … oder auch Heldinnen haben. So wie die Hauptrolle in meinem ersten Spielfilm, den ich in einem Monat drehe. Und hoffe, dass sie dann auch in hundert anderen Filmen besetzt wird, weil sie großartig ist und nicht nur schwarzhaarig. Danke.

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Der Text wurde uns freundlicherweise von Kurdwin Ayub zur Verfügung gestellt. Danke!
Porträtfoto von Elsa Okazaki