Alexander Gratzer | Animationskünstler
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Alexander Gratzer | Animationskünstler

Juli 2019

Menschliches, allzu Menschliches – von der Tragikomik des Alltags

Beim Erschaffen von Welten und Figuren kann sich der Zeichenstift über alle Grenzen hinwegsetzen, im Animationsfilm ist alles möglich. Alexander Gratzer macht sich dieses Potenzial aber nicht etwa zunutze, um fantastische Utopien oder überbordende Actionszenarien zu entwerfen, sondern um mit Strichzeichnungen und Erzählungen scheinbar banaler Alltagsmomente Wirklichkeit zu transzendieren. Das Œuvre des 1993 im Salzburger Land geborenen Künstlers offenbart eine Vorliebe für stilistischen Minimalismus, der sich in kleinen, leisen Narrationen und Gesten fortsetzt, die das ganz Große, das Leben selbst, verhandeln.

Anhand der Bücher, die Alexander Gratzers kunstinteressierte Familie aus den ersten Bildern des Sohnes binden ließ, lässt sich heute sehr gut nachverfolgen, wann Alexanders erste Zeichnungen entstanden sind und wann seine produktivsten Jahre waren. „Mit 14 waren die gebundenen Bücher auf Asterix-Heft-Umfang geschrumpft, aber mit zehn Jahren war es ein 700-Seiten-Brummer.“

„Meine frühesten Zeichnungen stammen aus dem dritten oder vierten Lebensjahr – sie sind tatsächlich noch minimalistischer als jetzt. Wenn man sich die Zeichnungen ansieht, die ich in den frühen Jahren gemacht habe, sieht man aber bereits eine starke Ähnlichkeit zu meinen jetzigen Figuren. Die Gesichter haben meist ebenso große Nasen. Und es kommt ganz gut heraus, dass ich selten mehr als eine ganz kleine Zeichnung auf ein großes Blatt Papier gemacht habe. Ich habe mir damals noch keine Gedanken über die Bildgestaltung gemacht, sondern zum Beispiel nur eine einzelne Nase an den Bildrand gezeichnet, überaus detailverliebt, und dann sofort das nächste Blatt verwendet.“

Kinderzeichnung von Alexander aus dem Jahr 2002.

Noch heute bevorzugt Alexander den minimalistischen Stil – nicht nur, weil er dessen Ästhetik und Subtilität schätzt, sondern auch, um den Aufwand möglichst überschaubar zu halten. Da er seine Filme – mit Ausnahme von Museumswärter (AT 2016, 3 min) und Apfelmus (AT 2019, 7 min), bei denen er mit dem Salzburger Sänger Johannes Forster zusammengearbeitet hat – von den Zeichnungen über die Animation, die Dialoge und Stimmen bis hin zur Musik im Alleingang realisiert, grübelt er nicht lange und setzt um, was ihm in den Kopf kommt.

„Ich versuche, nichts zu Tode zu perfektionieren.“

Kreative Improvisation und die Lust, sich selbst zu überraschen, spielen eine wichtige Rolle, wenn Alexander seine Filme chronologisch von Anfang bis Ende zeichnet. „Ich beginne mit der ersten Szene, einem Standbild, auch ohne genau zu wissen, was das Thema ist oder was die Figuren sprechen werden. Dann schreibe ich einen Satz, spreche ihn ein und denke darüber nach, wie die Reaktion darauf ausfallen könnte. Auf diese Weise fügen sich viele kleine Ideen zu einem Gesamteindruck.“

Ein wenig bleibt in diesen Filmen immer auch der Prozess ihres Entstehens sichtbar. Alexander doktert nicht unendlich herum, schließt seine Filme ab, auch wenn Fehler oder Soundprobleme auftauchen. „Ich versuche, nichts zu Tode zu perfektionieren, das tut Film und Mensch nur selten gut. Und manchmal kommen gerade die Szenen, die mir zuerst gar nicht so gelungen erscheinen, ganz gut rüber, während die Szenen, die ich sehr durchdacht und oft eingesprochen habe, mitunter steif und nicht so interessant oder witzig wirken.“

Sein momentanes Masterstudium in Animation an der Moholy-Nagy-Universität Budapest verlangt ihm eine gänzlich andere Arbeitsweise ab: Er soll das Ende eines Films kennen, bevor er das Konzept schreibt, ein Storyboard erstellen und alles minutiös durchplanen. „Das macht die Arbeit ungewohnt und auch wenn ich nicht weiß, ob ich in Zukunft so weiterarbeiten werde, ist es toll, neue Herangehensweisen kennenzulernen. Das Verhältnis zu den Mitstudierenden ist sehr austauschbasiert, wir helfen uns gegenseitig, geben Feedback und ich lerne, in der Gruppe zu arbeiten.“

Vom Abhandenkommen und Wiederfinden des Humors

Seine Passion für Animationsfilm hat Alexander erst spät und über Umwege entdeckt: Nachdem er am Musischen Gymnasium in Salzburg etliches probieren konnte und künstlerische Leidenschaft entwickelte, begann er an der Universität Wien Kunstgeschichte zu studieren. Davor hatte er sich auf der Angewandten beworben: Die Kommission packte die eingereichten Arbeiten nicht einmal aus. Beim zweiten Versuch klappte es und er landete in der Malereiklasse.

„Und dann ist der Humor ein wenig abhandengekommen“, erinnert Alexander sich: Er hat zu zeichnen aufgehört und über mehrere Jahre versucht, sich dem dort favorisierten Verständnis von Malerei anzupassen, ohne dabei jemals das Gefühl zu haben, etwas Eigenständiges mit Substanz zu erschaffen. „Stets zu versuchen, sich anzupassen, würde ich niemandem empfehlen. Aber noch nicht zu wissen, was man selbst genau machen will, ist auch Teil des Studiums. Ich will das nicht missen, denn sonst hätte ich nie aus Trotz darauf wieder zu zeichnen begonnen. Bei der Malerei habe ich versucht, sehr ernst zu sein. Ich bin dankbar, dass ich den Humor wiederentdeckt habe.“

YOUKI-Trailer, den Alexander für die Festivalausgabe 2018 gestaltete.

Die Begegnung mit Animationskunst hatte er in der anderen Malereiklasse der Angewandten, in der Alexander zwar nicht studierte, die er aber wegen der sympathischen Seitenschiene Animationsfilm öfter besuchte. Bereits beim ersten Versuch, in einem Kurs von Nikolaus Jantschs kleine Männchen zu animieren, stellte sich das Glück ein: „Zu animieren, diesen gezeichneten Figuren einen Charakter zu verleihen, hat plötzlich großen Spaß bereitet. Es war eine befreiende Erfahrung.“

2015, zum Geburtstag des Vaters, zeichnete er dann seinen ersten Animationsfilm. „Ich hab mir gedacht: Wahnsinn, was mache ich da gerade eigentlich? Ich fand’s unglaublich amüsant, wie sich die Münder bewegen und den Figuren meine Stimme zu geben.“ In vier Tagen hat er ein dreieinhalb minütiges Interview mit dem Vater animiert, dann kam es zur Aufführung beim Familienfest und der Saal tobte. „Ich hab’ so eine Reaktion auf etwas, das ich selbst gemacht habe, noch nie zuvor erlebt.“

„Ich habe es immer lieber gemocht, wenn es einen Bezug zur realen Welt gab.“

Bedeutendere Inspirationsquellen als die großen amerikanischen Animationsfilme waren für Alexander schon immer Comics wie Asterix, Tim und Struppi, Lucky Luke oder Nick Knatterton. Neben einer Affinität für den absurden Humor, die Dialoge und die Mise en Scène des schwedischen Regisseurs Roy Anderson oder für die vielschichtig inszenierten Figuren in Jim Jarmuschs Coffee and Cigarettes, dem Alexander in Espresso (AT 2016, 5 min) Tribut zollt, streitet er auch die Wertschätzung für Loriot nicht ab: „Der ist natürlich der Klassiker. Seine Figuren leben von der minimalistischen Animation und den pointierten Dialogen, die ehrliche und direkte Art gefällt mir sehr.“

Technisch aufwendigere Animationskunst beschäftigt Alexander überhaupt erst, seitdem er in Ungarn ist. „Da viele meiner StudienkollegInnen dazu tendieren, äußerst aufwendige Filme zu zeichnen und meine Filme für alle immer vergleichsweise einfach animiert rüberkommen, versuche ich mich in Sachen Komplexität von Animation fortzubilden.“ Alexander sichtet nun nach und nach Produktionen von Studio-Ghibli und holt so manchen Zeichentrick-Klassiker nach, den er nicht gesehen hat, weil Animationsfilme in der Kindheit nie ein großes Thema waren. „Ich habe es immer lieber gemocht, wenn es einen Bezug zur realen Welt gab, wenn es um Alltagsgeschichten ging und nicht alles so süß war.“

Alexanders Filme vereinen das eine mit dem anderen, die Animation mit Themen der realen Welt, mit einem Fokus auf den Menschen, auf Arbeit, Beziehungen und Erwartungen. Versagensängste, Lebenskrisen und Sehnsüchte machen ihn besonders hellhörig. „Für mich waren Menschen schon immer vor allem durch ihr Verhalten und durch die Dinge, über die sie nachdenken, sehr präsent. Ich hatte schon früh ein ausgeprägtes Bewusstsein für meine Umgebung und auch mich selbst habe ich gern aufmerksam beobachtet. Das habe ich vielleicht über die Jahre perfektioniert, sodass ich solche Situationen wie selbstverständlich in meine Filme eingebaut habe.“

Filmstill aus Animateur (AT 2017, 4 min)

Seine ProtagonistInnen sind in der Mitte ihres Lebens angekommen, mehr oder weniger poetische, sentimental-grüblerische, frustrierte oder desillusionierte Existenzen, die keinem gängigen Schönheitsideal entsprechen. In Einsamkeit erträumen sie sich den Ausbruch aus der Tristesse des Alltags, ein andermal ist es die Zweisamkeit, das Beieinandersein, das den Wunsch nach Veränderung hervorbringt; mal philosophieren sie über die Bedeutung von Kunst, über den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Lebens, mal haben sie sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen (und reden trotzdem). Alexander kreiert mit seinem Zeichenstift keine eskapistischen Filme, obwohl seine Figuren immer wieder den Wunsch artikulieren, in der Konfrontation mit den Tatsachen des Lebens ihrer Welt zu entfliehen.

„Denn die Heiterkeit ist gar nicht das Gegenteil des Ernstes, sondern eine bestimmte Weise, mit dem Ernste zu leben.“ Die schriftliche Ergänzung seiner künstlerischen Diplomarbeit Apfelmus, in der Eisbären über ihre erkaltete Beziehung und das Pürieren eines Apfels sinnieren und als Vögel verkleidete Menschen über soziale Masken reflektieren, eröffnet Alexander mit einem Zitat von Otto Marquard. Das darin postulierte Prinzip der Untrennbarkeit von Ernst und Heiterkeit hat Alexander sich als künstlerischen Zugang zur Welt und als bevorzugte Lebenshaltung angeeignet: „Ich versuche selbst, beides zu bedienen, weil ja auch beides zum Leben gehört: Es gibt Dinge, die sind so tragisch, dass sie eine gewisse Komik bergen, oder so witzig, dass eine gewisse Tragik spürbar wird. Ich mag Menschen, die Spaß verstehen und ernst sprechen können.“

Filmstills aus Museumswärter (AT 2016, 3 min) und Animateur (AT 2017, 4 min)

Nie auf eine Pointe hin geschrieben, schöpfen die Filme ihren tiefgründigen und charmanten Witz aus dem Nicht-Ereignis, dem Nicht-Witz, aus der Tragik der Situation und aus der Stoik, mit der die Antihelden dieser Tragik begegnen: Was machen ein Museumswärter oder ein Animateur (AT 2017, 4 min), wenn sie an ihrem Arbeitsplatz allein sind und sich unbeobachtet fühlen? Vermeintliches Nichtstun, das sich als bewegende Momentaufnahme entpuppt, in der sich aufbegehrende Lebendigkeit im (fast) Stillstand und existenzielle Wahrheit (im vermeintlich Trivialen) offenbart.

Die Komik schlägt bei Alexander niemals in Zynismus um, auch gibt er die Figuren nie der Lächerlichkeit preis. In Im Wohnzimmer (AT 2015, 3 min) etwa präsentiert das lethargische Duo seine erschöpfende Interessenlosigkeit mit der gleichen ungefilterten Offenheit, mit der sie ihre Gedanken, Gefühle und Ängste äußern. Auch wenn man sich nicht mit ihnen identifizieren will, ist die empathische Nähe immer gegeben.

„Ich will niemanden verarschen und mich nicht über bestimmte Gruppen lustig machen. Ich stelle jeden in gewisser Weise komisch dar. Es soll etwas Liebevolles haben und ist als Akzeptanzgeste gegenüber allen Verhaltensweisen gemeint.“ Eine leichtfertige Distanzierung von den Figuren ist für Alexander allein deshalb schwer möglich, weil in seinen Arbeiten auch viele persönliche und selbstoffenbarende Aspekte stecken. In Apfelmus etwa blickt er in vielen Anspielungen und Sätzen auf seine Zeit auf der Angewandten zurück: Ein Vogel, der sich fühlt, als ob er immer nur eine fremd definierte Rolle spiele, nur so tue, als ob er ein Vogel wäre, obwohl er ja offensichtlich Menschenhände hat, und der sich das Leben im Nest anders vorgestellt hat. „So ähnlich war mein Gefühl an der Uni. Auch das pseudointellektuelle Geschwurbel des Eisbären, der schon seit längerem die ‚Kontexte der Dualität‘ untersucht: alles hochtrabende Worte, um über Banalitäten zu sprechen.“


Filmstills aus Apfelmus (AT 2019, 7 min)

Mit reflektierenden, beseelten, vor allem aber liebevollen Strichzeichnungen gelingt es Alexander, seine Zuschauerschaft zu bewegen: Für Apfelmus gewann er beim Kurzfilmfestival VIS – Vienna Shorts kürzlich den Publikumspreis und mit der Rohfassung seiner letzten Semesterarbeit, in der er erstmals weniger auf Dialoge setzt und durch Bewegungen und Perspektiven die Beziehung zwischen einem Maulwurf-Opa und dessen Enkel erzählt, trieb er den Dozenten die Tränen in die Augen.

In Alexander Gratzers Animationsfilmen offenbaren sich ein bemerkenswert aufmerksamer Blick ebenso wie seismographisches Gespür für Befindlichkeiten und besondere Momente. Vermutlich fühlt man sich gerade deshalb im eigenen Empfinden bestätigt, wenn sich beim Q&A im Anschluss an ein Screening von Apfelmus ein Herr im Publikum meldet, um seine Überraschung darüber zu äußern, dass Alexander kein sechzigjähriger Mann, sondern ein Mittzwanziger ist – zwischen Humor und Nachdenklichkeit und in den Projektionsflächen der minimalistischen Ästhetik seiner Filme ist viel Platz, sich selbst zu erkennen und sich Dinge auszumalen: Ein erstaunlich reifer Zugang zur Welt von einem jungen Nachwuchstalent.

von Michelle Koch, Juni 2019
Zeichnungen und Filmstills © Alexander Gratzer