Magdalena Chmielewska | BKA Startstipendiatin 2018
Porträts

Magdalena Chmielewska | BKA Startstipendiatin 2018

Februar 2019

Körper-Spannung

 

Bevor Magdalena Chmielewska an die Filmakademie Wien kam, forschte sie über Alexander Kluge und widmete sich leidenschaftlich dem zeitgenössischen Tanz. „Der körperliche Zugang ist mir sehr wichtig“, sagt Magdalena. „Ich versuche das immer bei meiner Arbeit mit den Schauspielern sowie bei der Filmgestaltung umzusetzen.“

Als sie nach Wien zog, besuchte Magdalena regelmäßig Tanz-Trainings im Tanzquartier Wien. „Bei den Trainings ging es in erster Linie um die Suche nach einer Verbindung zwischen Zeit, Raum und Körper“, sagt Magdalena. „Also darum, wie man mit diesen drei Größen eine Spannung herstellt, wie man dafür das Gespür schärft.“ Heute sei das das Wichtigste für ihre Regiearbeit im Film. Pina Bauschs Mantra „Dance, dance, otherwise we are lost” bleibe diesbezüglich eine ihrer wichtigsten Referenzen. „Das bezieht sich auch auf meine Gedanken über Lebensmodelle aller Art”, sagt Magdalena. „Es geht um diese Notwendigkeit, die inneren emotionalen Bewegungen in uns angesichts der eigenen Trostlosigkeit über eine von sozialen Missständen und ökologischen Katastrophen bedrohten Welt sichtbar zu machen. Es geht um diese Suche nach Menschlichkeit in Anbetracht der Krise, eine Suche, die nicht aufhören darf.”

Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin Stephanie Cumming in Gretchen am Spinnrade, ein Film im Rahmen des von Michael Haneke betreuten Filmakademie-Projekts Songbook – Klassisches Lied trifft Videoclip. Der Kurzfilm gewann beim Online-Voting den ARTE Publikumspreis.

Magdalena Chmielewska wurde in den 1980er Jahren in Stettin geboren. Als sie nach Wien kam, studierte sie zunächst u.a. Film- und Theaterwissenschaft und machte dann Alexander Kluge zu ihrem Dissertationsthema. Von Kluges Montageprinzip inspiriert, brach Magdalena nach zwei Jahren das Doktoratsstudium ab, um sich an der Filmakademie zu bewerben. Wien ist nun seit 15 Jahren ihre Wahlheimat. „Ich bin ein Mensch, der im Zwischenraum existiert“, sagt Magdalena. Ein „grenzüberschreitendes Zuhause“ habe sie nur in der Auseinandersetzung mit Film gefunden.

Die Suche nach der Frage „wie man leben soll“ in Filmen von Ingmar Bergman und John Cassavetes machten ihr damals klar: „Du möchtest Filme machen, du möchtest dich in diese Tiefe begeben. Und die zweite Hälfte, das war meine Familie, die Gesellschaft undderen Zweifel: ‚Wie wirst du überleben?’ Es waren diese Unsicherheiten: Alle anderen hatten Nine-to-five-Jobs, und ich entschied mich gerade für ein neues Studium. Man kommt dann darauf, dass das ganze Drama, dieser Tschechow im Kopf eigentlich ungesund ist. Der innere Drang, weiter zu suchen, neugierig zu bleiben und zu filmen, ist stärker.“

Die erste Richtung, für die sich Magdalena an der Filmakademie beworben hatte, war Schnitt, später kam Regie dazu. Das Prinzip Montage fasziniere sie, auch im Leben, „wie man sich die Dinge und die Welt zusammenstellt und wie man sie verknüpft“. Ähnlich wie die subjektive menschliche Erfahrung keiner dramaturgischen Gesetzmäßigkeit gehorcht, arbeitet Magdalena auch in der Montage. Es sei geheimnisvoll, sagt sie, „wie ich das Menschsein verstehe. Es ist nicht so, dass ich in einer Szene einen Grund dafür liefere, dass die Figur dann in der nächsten Szene einer Logik entspricht.“

Die Suche nach Räumen für meine Figuren sind mir ebenso sehr wichtig“, erklärt Magdalena. „Es beschäftigt mich immer ziemlich lang, wo ich diesen Kosmos konkret verorten kann, was das für Texturen und Linien sind, die die äußerliche Welt bestimmen.“ Für den Kurzspielfilm Gretchen am Spinnrade (2016, 7 min) fand sie erst an der deutschen Ostsee das richtige Motiv (siehe Foto oben), in dem sich die Spannung der Figur und der Geschichte erzählen ließen. „Es waren über 1000 Kilometer, die ich mein Team habe anreisen lassen. Weil ich dieses Haus einfach perfekt fand.“

Magdalena bereitet sich auf ihre Arbeit am Set akribisch vor, doch wenn sie beim Dreh ist, sagt sie, gehöre sie nicht zu den Regisseur/innen, die Angst vor den Schauspieler/innen habe. „Ich spüre einen Pakt, den ich mit meinem Team eingehe, und habe keine Scheu, mich gleich auf eine intensive Suche zu begeben. Es ist ja auch ein Kraftfeld voller Ängste, Unsicherheiten und technischer Probleme. Und da ist mein Zugang: Was schenkt mir eine komplizierte Situation? Wenn ich statt Zweifel diese zweite Stimme in mir zulasse, dann ist das eine höhere Form des Filmemachens und kein Exerzieren des Drehbuchs, wo sich alle wie Soldaten bewegen.“

Magda und Johannes Bültermann (Regieassistent) und Olivia Weigelt (Make-up Artist) am Set von Am Himmel.

„Die Inspiration für meine Figuren speist sich aus meinen Beobachtungen, Zeitungsartikeln, Geschichten aus meiner Umgebung, meiner Erfahrung als Mensch. Daraus stückele ich diese Rollen, die dieses Mosaik der menschlichen Erfahrungen widerspiegeln; also daraus, was mich bewegt und wovon ich glaube, das könnten wir – also ich und meine Zuschauer – gemeinsam haben. Der Gedanke, dass die Zuschauer mit ihrer eigenen Erfahrungswelt Anschluss finden an die Erfahrungswelt meiner Figuren, geht immer mit.“

„Nur was einen Widerspruch in sich trägt, ist auch wirklich lebendig“, beschreibt Magdalena weiter ihre Figurenzeichnung. „Die innere Spannung der Figuren treibt sie an und sie bleiben immer in Bewegung.“ Und auch wenn nur zwei Frauen im Bild sind – wie in der Strandszene in Am Himmel (2018, 30 min), Magdalenas Diplomfilm an der Filmakademie –, mischen sich in diese Beziehung andere, unsichtbare Mächte, aus Zwangsbeziehungen resultierende Ängste, ein latenter Druck, sich selbst zu beweisen. Das alles wird in Magdalenas Filmen immer körperlich verhandelt: „Es sind Körper voller Sehnsüchte, voller Träume und Erinnerungen“, sagt Magdalena.

Trailer Am Himmel:

Magdalena mit den beiden Darstellerinnen Maria Spanring und Julia Jelinek am Strand-Set von Am Himmel.

Mit Am Himmel gewann Magdalena 2018 den wichtigsten Nachwuchsfilmpreis im deutschsprachigen Raum: den FIRST STEPS Award. Die Journalistin Anna Katharina Laggner schreibt über den Film:

Zwei Frauen sitzen auf einer blauen Decke an einem leeren Strand, man sieht sie von hinten, neben ihnen liegt ein zerfetztes Fischernetz. „Ich will heim nach Wien“, sagt die eine. Da sei es wärmer. Sie meint nicht nur das Wetter. „Aber der Badeanzug bleibt da“, gibt ihr die andere zurück. Sie meint nicht nur ein Stück Stoff, das sein Versprechen nicht eingelöst hat. Das Versprechen: „Strand, Meer, Sonne. Und an gar nix mehr denken“, wie es die eine der anderen in Wien noch ankündigte, bevor sie ihr den Badeanzug kaufte. Der Badeanzug ist mit einer Strandszene bedruckt. Konkret: Strand, Meer, Sonne, Menschen. Bevor man dieses kolossale Kleidungsstück in seiner Gesamtheit sieht, gibt einem der Film in einem Close-up kurz die Illusion, man sehe Menschen an einem Strand. Dabei sieht man einen Popo, der in einem Badeanzug steckt.

Wie wenig die Realität und das Bild, das wir von der (idealen) Realität haben, korrelieren, zeigt diese Strandszene aus Am Himmel: Da sitzen die beiden Frauen in ihren neuen Badeanzügen auf einer Decke im Sand und weit und breit findet sich nichts weiter als ein Stück Stoff, das die Illusion von Strand-Meer-Sonne-und-an-gar-nix-mehr-denken real machen könnte.

Am Himmel beginnt in einer Sommernacht. Man hört das an den Grillen. Man sieht Close-ups der Haut einer Frau, die in einer Wiese liegt. Im Hintergrund das Scheinwerferlicht eines Autos, das gestartet wird und wegfährt. Die Frau rennt nach Hause. Am Himmel spielt unmittelbar in den ersten Tagen nach einer Vergewaltigung, über die die Hauptfigur nicht spricht. Sie beschließt nach Italien zu ihrem Freund zu fahren und überredet eine Freundin mitzukommen. 

Oft heißt es über Filme, in denen wenig gesprochen wird, es werde ’nur das Notwendigste‘ gesagt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Das, was es zu sagen gäbe, das, was not wäre, ausgesprochen zu werden, bleibt ungesagt. Diese (anti-)dialogische Kunstform kennt man von Jean-Luc Godard genauso wie von Barbara Albert und Jessica Hausner. Magdalena Chmielewska treibt diese Form mit großem Geschick und immer an der Kippe zur Total-Affektiertheit vor sich her. Es ist ein Miteinander-Sprechen, das eigentlich ein Gegeneinander ist, Dialoge, in denen es um Metaebene statt um Austausch geht. Figuren in einer Zwangsjacke, die sich (ungewollt) mit Worten aufspießen.

Den Ort, an dem der Großteil von Am Himmel spielt, sieht man zunächst von oben: Ein Haus mit Flachdach, das allein auf einer Klippe über dem Meer thront. Das Haus ist zwar weiß, doch die Referenz an die Casa Malaparte aus Le Mépris (FR/IT 1963) ist unmissverständlich. Und gewitzt. Da, wo die Casa Malaparte ihre berühmte Treppe hat, lehnen am Haus in Am Himmel zwei Blechleitern. Auch alle anderen Referenzen an Le Mépris, selbst ein Film voller Referenzen an das widerborstige Kino und an die Widerborstigkeit zwischenmenschlicher (Liebes-)Beziehungen, sind klar und gebrochen. Das Meer ist in Am Himmel nicht blau, sondern graugrün, vom Sturm aufgewühlt, nie scheint die Sonne, der Himmel ist immer bedeckt. Und Maria Spanring, die die Hauptrolle spielt, hat einen androgynen, knochigen Körper. Doch auch 50 Jahre nach Le Mépris gibt es keine einfache Lösung, wie eine Frau ihre Integrität wahrt oder zurückerobert, wie sie mit Begehrlichkeiten gegenüber und Ausbeutung an ihrem Körper umgeht.

Maria Spanring in Am Himmel.

„Was mich gereizt hat bei dem Film, dem Film als Medium“, sagt Magdalena, „war, für das Unsichtbare, das diese Frau mit sich herumträgt, diese Dunkelheit, diese Grenzerfahrung, sichtbare Bilder und Handlungen zu definieren. Für sie geht es darum, die verlorene Würde wiederzugewinnen. Ihr Zugang ist intuitiv, instinktiv, abrupt und rau.“ Diese Eigenschaft zieht sich wie ein roter Faden durch alle Figuren in Magdalenas Filmen: Am Himmel (2018)Gretchen am Spinnrade (2016)Frühlingswunder (2014, 15 min) und die sich in Entwicklung befindenden Projekte Olka und Allotment.

Magdalena (in der Mitte) bei der Preisverleihung der FIRST STEPS Awards 2018 in Berlin. „Dank dem Preis bin ich jetzt auch Mitglied der Deutschen Filmakademie und bekomme ab Mai ein tolles Mentoring für mein aktuelles Projekt Olka. Es ist unglaublich, wie viel Aufmerksamkeit die Akademie den First-Steps-Gewinnern schenkt.“

Derzeit recherchiert Magdalena unter Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren für ihren ersten Langspielfilm: Olka. Sie schreibt gemeinsam mit Andreas Schiessler am Drehbuch. Für das Treatment haben sie vor kurzem einen von fünf Preisen des Drehbuchwettbewerbs IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT gewonnen.

„Es geht mir bei dem Film darum, dass wir uns nach Liebe und Akzeptanz sehnen, aber dies oft von Menschen erwarten, die uns das nicht geben können.“ Der Film soll in Polen spielen, wo Magda derzeit auch recherchiert, und der erste Film sein, den sie auf Polnisch dreht. Die Hauptfigur in Olka ist eine Fechterin, die Freundschaftssignale eines Kollegen als Liebe interpretiert, dabei befindet sich dieser als Homosexueller selbst in einem inneren Drama. In der Jurybegründung zum Drehbuchwettbewerb ist zu lesen: „Die Hauptfigur ficht, im wahrsten Sinn des Wortes. Nicht nur mit dem Degen, sondern gegen die Welt, um geliebt zu werden. Nie ist sie dabei Abziehbild, sondern immer authentische, nachvollziehbare und liebenswürdige Figur; menschlich, wie alle Figuren an ihrer Seite.“

Neben der Tatsache, dass die Hauptfigur ficht, ist sie zudem schlaflos. Es könnte also wieder – wie bei allen Frauenfiguren in den Filmen von Magdalena Chmielewska – ein rauer und intensiver körperlicher Zustand werden.

von Dominik Tschütscher, im Februar 2019
Porträtfoto © Elodie Grethen
alle weiteren Fotos zur Verfügung gestellt von Magdalena Chmielewska