Fokus Jungproduzent/innen: Wir fragen uns, was dabei verloren geht
Sichtweise

Fokus Jungproduzent/innen: Wir fragen uns, was dabei verloren geht

Elsa Kremser, Levin Peter, September 2018

Elsa Kremser & Levin Peter haben 2016 in Wien die RAUMZEITFILM Produktion gegründet. Elsa studierte Filmwissenschaft an der Universität Wien und absolvierte in Ludwigsburg die Filmakademie Baden-Württemberg (Produktion/Dokumentarfilm). Ihr Diplomfilm Nebel lief auf zahlreichen Festivals, u.a. Berlinale. Levin absolvierte ebenso die Filmakademie Baden-Württemberg (Regie). Sein abendfüllender Diplomfilm Hinter dem Schneesturm lief u.a. auf der Berlinale und gewann den First Steps Award. Derzeit arbeiten sie an ihren ersten gemeinsamen Kinofilmen: dem Dokumentarfilm SPACE DOGS und dem Spielfilm Der grüne Wellensittich.

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Die Frage nach unserer Sichtweise als junge ProduzentInnen auf die Filmproduktion in Österreich hat uns tiefgreifender beschäftigt, als wir zunächst erwartet hatten. Was können wir zu diesem Thema beitragen, wo wir erst kurz vor der Fertigstellung unseres ersten Films mit unserer eigenen Produktionsfirma stehen? Inwiefern verstehen wir uns als ProduzentInnen, wenn wir beide als AutorInnen und RegisseurInnen ausschließlich unsere eigenen Filme produzieren? Deshalb haben wir die Entstehung dieses Textes als Möglichkeit verstanden, unsere Arbeitsweise und Position in der österreichischen Produktionslandschaft zu hinterfragen. Die folgenden Ansichten sind das Ergebnis eines Dialogs, den wir in den letzten Tagen geführt haben.

Dabei mussten wir gedanklich ein Stück weit zurückgehen, zum Beginn unserer Zusammenarbeit vor neun Jahren an der Filmakademie in Ludwigsburg. Gemeinsam mit anderen StudentInnen bildeten wir einen engen Verband, in dem wir unsere ersten Filme realisierten. Diesen gefühlten „Labor-Charakter“ wollten wir uns für unsere Arbeit nach der Filmhochschule bewahren. Deshalb hatten wir uns früh dazu entschlossen, nach dem Diplom eine eigene Produktionsfirma zu gründen. Unsere Entscheidung, nach Wien zu gehen, lag der Hoffnung zugrunde, in Österreich die besten Bedingungen zu finden, um diesen „Labor-Charakter“ weiterführen zu können. Ein wichtiger Grund dafür war die österreichische Filmförderlandschaft, welche die Entstehung von Kinofilmen unabhängig von formatierten Sendeplätzen ermöglicht. Während unseres Studiums in Ludwigsburg haben wir erlebt, dass deutsche Kinofilme fast ausschließlich mit einer redaktionellen Senderbeteiligung gefördert werden. Die widersprüchlichen Anforderungen des Kinoraums und der Fernsehformate können und wollen wir mit unseren Filmen nicht gleichzeitig erfüllen.

Eine eigene Produktionsfirma war für uns das einzig infrage kommende Modell, um die uneingeschränkte Kontrolle und Entscheidungsfreiheit in der Realisierung unseres Debütfilms zu haben. Wir haben uns in der Gründungsphase oft gefragt, warum uns manche erfahrene ProduzentInnen von diesem Schritt abgeraten haben. Möglicherweise, weil wir dadurch etablierten Produktionsfirmen das Gefühl vermittelt haben, ‚dass wir das alles auch selbst können’. Doch jede etablierte Produktionsfirma wurde einmal gegründet – und das sicher mit der nötigen Selbstüberschätzung und Überheblichkeit als Motor. Wir haben uns nie gegen die Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Firma entschieden, sondern lediglich für die Gründung unserer eigenen Produktion.

Doch was uns als junge ProduzentInnen am meisten beschäftigt, liegt nicht in den Missverständnissen zwischen den verschiedenen Generationen in der Produktionslandschaft, sondern an etwas, das wir mit Bedacht „Selbstzensur“ nennen würden. Es ist für uns ein Phänomen, das wir schon aus der Filmhochschule kennen, das wir an uns selbst und anderen FilmemacherInnen unserer Generation beobachten. Diese „Selbstzensur“ beginnt, wenn wir gegen die vermeintliche Kritik von ZweiflerInnen, Fördergremien und RedakteurInnen anschreiben, lang bevor sich jemand tatsächlich zu der Filmidee geäußert hat. Sie beginnt, wenn wir bereits vor der Konzepterstellung zu wissen glauben, was diese Menschen von uns erwarten. Wir sind von diesem Konformitätsdruck nicht so frei, wie wir es von uns fordern. Insbesondere fragen wir uns, was dabei verloren geht. Wir versuchen unsere Treatments daraufhin zu überprüfen, für wen wir diesen Text geschrieben haben. Halten wir etwas zurück? Vielleicht genau das, was unsere filmische Haltung hinter den geschriebenen Worten spürbar machen würde.

Filmkunst ist für uns Opposition – ein Gegenbild zu mehrheitsfähigen Erzählformen und Denkweisen. Wir möchten mit unseren Arbeiten Fragen hervorrufen und keine Antworten diktieren. Wir sehen uns nun mit einer neuen Regierung konfrontiert, die an dieser Haltung wenig Interesse zu haben scheint. Die geplanten Kürzungen der Kulturgelder haben unsere Gespräche mit anderen jungen FilmemacherInnen im letzten Jahr bestimmt. Uns fiel auf, dass diese Diskussionen ausschließlich von der Frage dominiert waren, wo wir nach der Umstrukturierung unseren Platz finden können und ob wir weiterhin eine Chance haben, zu bestehen. Im Umkehrschluss bedeutet diese Denkweise allerdings, dass wir die Pläne der neuen Regierung bereits angenommen hatten, bevor sie umgesetzt wurden. Als ginge es nun nur noch darum, mit den Konsequenzen umzugehen. Wir wünschen uns von uns selbst und unseren KollegInnen, dass wir gerade jetzt unsere Haltungen hinterfragen und wieder gemeinsam über Inhalte und filmische Formen diskutieren.

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Veröffentlicht am 6. September 2018

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