Fokus Jungproduzent/innen: Es braucht neue kreative Allianzen
Sichtweise

Fokus Jungproduzent/innen: Es braucht neue kreative Allianzen

Lena Weiss, September 2018

Lena Weiss hat 2017 nach einigen Jahren Studium an der Filmakademie Wien die Produktionsfirma Glitter&Doom gegründet. Sie hat Kurzfilme produziert (u.a. Die Hochzeit, All the Tired Horses, Der Sieg der Barmherzigkeit), bei verschiedenen Firmen gearbeitet (u.a. Terra Mater, coop99, Novotny, Prisma Film, NGF – Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion) und ist Absolventin verschiedener Programme und Workshops (u.a. ProPro, Eurodoc Österreich, Docunexion). Ihre ersten beiden Langfilme, Arche Nora und Over here, befinden sich in der Projektentwicklung.

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Als Nachwuchsproduzentin werde ich oft gefragt, warum ich eine eigene Firma gegründet habe, warum ich nicht zu einer der existierenden Firmen gehe und dort „produziere”. Schließlich gäbe es ja längst zu viele Firmen. Hier der Versuch einer Erklärung.

Viele Studierende der Filmakademie Wien landen noch während des Studiums in einer Produktionsfirma. Oft als Junior Producer (klingt toll, steht nicht im Kollektivvertrag und lässt somit bei den Aufgaben und beim Gehalt viel Interpretationsspielraum). Bevor man auch nur darüber nachdenken kann, eigene Stoffe in der Firma zu entwickeln, wird man mit laufenden Projekten überhäuft und macht von Filmgeschäftsführung bis Postproduktionskoordination alles – außer produzentische Arbeit. Natürlich gibt es Ausnahmen – die bestätigen bekanntlich die Regel. Auch ich habe neben dem Studium in verschiedenen Firmen gearbeitet, anfangs als Set Runner, schließlich als Produktionsleiterin und Producerin. Während diese Erfahrungen essenziell für meine Ausbildung waren, spiegeln sie nicht die Arbeit wider, die ich machen will.

Ich habe mich 2010 an der Filmakademie für Produktion inskribiert. Es waren spannende, anstrengende und prägende Jahre. Bei den meisten Kurzfilmen war ich von ersten Drehbuchbesprechungen bis zur letzten Verwertung involviert, habe die wichtigsten Entscheidungen mitgetragen und die Fäden zusammengehalten. Durch die enge und über Jahre anhaltende Zusammenarbeit mit den Mitstudierenden sind wichtige kreative Bündnisse entstanden. Ich glaube sehr an das künstlerische Potenzial dieser Bündnisse und möchte sie als Produzentin von Langfilmen beibehalten. Deswegen will ich Produzentin sein und deswegen habe ich eine Firma gegründet.

Als neue Produktionsfirma habe ich momentan in Österreich zwei Optionen: Entweder mache ich mit den wenigen Mitteln, die ich ohne Filmografie meiner Firma beantragen darf, unter mehr oder weniger ausbeuterischen Bedingungen die ersten Filme und hoffe auf einen Festivalerfolg oder einen Weg ins Kino. Oder ich arbeite mit einer förderwürdigen Produktionsfirma zusammen und hoffe, bei inhaltlichen Entscheidungen und finanzieller Aufteilung nicht unter die Räder zu geraten.

Produzieren für den ORF ist beinahe unmöglich. Das Interesse des ORF für den produzentischen Nachwuchs hält sich sehr in Grenzen und die Aufträge werden in bewährter Weise verteilt. Dass dem linearen Fernsehen das junge Publikum längst davongelaufen ist, wird damit nicht in Zusammenhang gebracht. Sie arbeiten ja eh mit dem Nachwuchs – hin und wieder darf ein junger Regisseur oder eine junge Autorin sich an einem Tatort oder einer Stadtkomödie versuchen. Es braucht neue Formate und dafür braucht es neue kreative Allianzen – ProduzentInnen inklusive.

Die Erfahrungen, die ich seit der Gründung der eigenen Firma gemacht habe, sind gemischt. Einerseits bekomme ich viel positives Feedback und Unterstützung, etwa beim ProPro-Workshop für Produzentinnen. Vielerorts spüre ich aber auch Widerstand. Die Einreichkriterien bei FFW und FISA, die neue Regelung bei der Herstellungsleitung oder so manche Förderentscheidung lassen mich zeitweise an der Chancengleichheit der österreichischen Filmwirtschaft zweifeln. Ich sehe aber nicht ein, dass ich nach dem Motto „Das Boot ist voll” nicht als Produzentin arbeiten kann, nur weil ich eben 20 Jahre zu spät auf die Welt gekommen bin. Wir müssen uns an einen Tisch setzen und Lösungen finden.

Was können wir also tun, um die Situation zu verbessern und die Bedingungen gerechter zu gestalten?

  • Nachwuchsförderung

Wenn momentan keine Aufstockung der Mittel möglich ist, muss ein Teil der bestehenden Fördersummen dem Nachwuchs gewidmet werden – und zwar auch dem produzentischen. Ein Bekenntnis zur Förderung des Nachwuchses und ein eigener Topf, der von den restlichen Fördergeldern abgekoppelt ist, könnte auch das Klima zwischen den „Etablierten” und dem Nachwuchs verbessern.

  • Sendeplätze und Ansprechpartner beim ORF

Ich habe den ORF bisher als schwierigen Partner erlebt (wiederum mit einigen Ausnahmen) und würde mich über mehr Interesse an unseren Ideen und unserem Schaffen freuen. Warum nicht eine Art „Kleines Fernsehspiel” in Österreich schaffen? Warum nicht uns ins Boot holen, bevor wir alle zu den neuen Plattformen und den neuen Vertriebskanälen (auf die wir als „Junge” ja immer wieder verwiesen werden) abgewandert sind?

  • Abschaffung der 3-Jahres-Regel beim Filmfonds Wien und bei FISA

Um Förderung beantragen zu können, muss man in den letzten drei (Filmfonds) bzw. fünf (FISA) Jahren einen in Laufzeit und Budgetvolumen vergleichbaren Film hergestellt haben. Diese Regelung ist nicht nur für NachwuchsproduzentInnen problematisch, da etwa eine Schwangerschaft bzw. Karenzzeit oder schlicht eine längere Entwicklungs-/Finanzierungsphase auch erfahrene ProduzentInnen zurück an den Start verweisen kann. Für den Nachwuchs könnte man als Absicherung für die Förderstellen alternative Modelle andenken, etwa ein MentorInnensystem, das die korrekte Abwicklung des ersten Films einer gewissen Budgetgröße garantiert.

  • Anonymisierung der Einreichungen bei der Stoffentwicklung

Ab der Projektentwicklung ist verständlich, dass das Gesamtpaket entscheidend für eine Förderkommission ist. Bei der Stoffentwicklung sollte es nur um die Geschichte, um den Inhalt gehen. Warum also nicht anonym einreichen und somit die Fördervergabe zumindest im ersten Schritt transparenter und gerechter gestalten?

  • Evaluierung und Transparenz der Kriterien für den Preis für „Innovative Produktionsleistung” der VAM bei der Diagonale

Ich wage zu behaupten, dass manche Nachwuchsproduzentin oder mancher Nachwuchsproduzent kreativer sein muss, als jemand, der Komödien mit Josef Hader in der Hauptrolle oder Filme von Michael Haneke produziert. Und für eine junge Firma wäre das Preisgeld eine enorme Hilfe für weitere Entwicklungen und Investitionen, während sie bei manch etablierter Firma möglicherweise nicht so sehr ins Gewicht fällt.

Ich verlange nicht, dass uns jemand das Produzieren von Filmen auf dem Silbertablett serviert. Es ist harte Arbeit und verlangt viele harte Lehrjahre. Aber ich wünsche mir eine faire Chance. Ich wünsche mir die Öffnung eines Systems, das derzeit den Einstieg des Nachwuchses strukturell verhindert. Nicht zuletzt an der mittelalterlich niedrigen Frauenquote unter den ProduzentInnen wird sich erst etwas ändern, wenn der Nachwuchs zum Zug kommt. Und ich wünsche mir ein Umdenken. Beim Branchentreffen der Diagonale 2018 wurde ein denkwürdiger Vergleich gebracht: Gäbe es im Sport keine Nachwuchsförderung, gäbe es auch keinen Spitzensport.

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Veröffentlicht am 5. September 2018

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