Über die mögliche Abschaffung bestimmter Kinobilder
Sichtweise

Über die mögliche Abschaffung bestimmter Kinobilder

Serafin Spitzer, März 2017

Serafin Spitzer ist Kameramann. Dieser Text wurde als 5-Minuten-Intervention beim Cinema Next Breakfast Club – Breakfast #2: Cinema Futures. Das Analoge und Digitale in der Gegenwart – auf der Diagonale 2017 vorgetragen.

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Wenn wir über optische Qualitäten und Unterschiede von analogen und digitalen Aufzeichnungsverfahren sprechen würden, müssten wir alle Ebenen beleuchten, auf denen wir Bilder gestalten und inwiefern sich diese im Zuge der Digitalisierung verändert haben.

Mich beschäftigt bei der Frage „Analog/Digital“ aber weniger das Optische, sondern vielmehr, inwieweit die jeweilige Technologie unsere Produktionsweise, also unsere jeweilige Methode verändert.

Als Zuschauer von Filmen ist es für mich im Regelfall überhaupt nicht relevant, auf welchem Medium gedreht wurde. Mich interessieren die Art, die Haltung und der Gestus der Bilder und das, was daraus für den jeweiligen Film entsteht.

Und trotzdem ist mein Zugang zum Film und zur Kamera bis heute untrennbar von analogen Verfahren geprägt. Das heißt aber nicht, dass ich mich davor verschließen möchte digitale Veränderungen zuzulassen, genau so wenig heißt es aber, dass ich jede neue Technik benutzen müsste, schlichtweg weil sie existiert bzw. erfunden wurde. Manche Hersteller tun ein bisschen so – sie hätten „die Produkte“, um Geschichten zu erzählen. Während es auf der anderen Seite vielleicht auch FilmemacherInnen gibt, die deshalb auf analogem Material drehen wollen, da sich dahinter der Wunsch verbirgt, sich mit einem “exklusiveren” Medium von der “Masse” abzuheben.

Was die Produktion betrifft, fördert die Diskussion um Analog/Digital die Bildung bestimmter Lager und mittlerweile damit verbundener Vorurteile – die Nostalgie zu einem bestimmten Kinobild, das es so vielleicht ohnehin nicht mehr gibt, oder das ständige Mitgehen mit dem, was auf dem Markt der Hersteller passiert.

Bei der Frage “Analog/Digital” stört mich das Entweder-oder.

Ich betrachte die Sprache des Films als eine, die von mehreren Seiten gesteuert wird – das ist für mich die größte Faszination dabei.

Natürlich hat bei diesen Vorgängen auch das Medium eine Macht über unsere Sprache – das empfinde ich aber auch als wünschenswert. Neue Medien bringen womöglich auch neue Qualitäten für unsere Methoden mit sich. Jede Technologie verändert also unsere Methode und es liegt an uns selbst, diese auf ihre Möglichkeiten zu erproben und uns nicht davor zu fürchten, uns womöglich dabei verändern zu lassen.

Vielleicht aus einem anfänglichem Legitimationszwang dem analogen Film gegenüber haben die Methoden rund um das Drehen von digitalen Bildern vor allem dazu geführt, Entscheidungen nach hinten zu verschieben, und es wurde so getan, als wäre das wünschenswert (weil wir es vor allem durch die digitale Nachbearbeitung können) – während eine Kadrage auf Film, ein Fussel im Bildfenster, ein Kratzer auf der Emulsion, eine Einstreuung auf der Optik im Zweifelsfall dazu gehört hatte und einfach akzeptiert werden musste.

Ich denke, viele sehnen sich wieder nach genau dieser Coolness, denn digitale Bilder haben unsere Sehgewohnheiten verändert und den Spielraum für das Ungewöhnlichere, Unerwartete verengt. Das führt bis hin zu einer bestimmten Erwartungshaltung, wie Kino auszusehen hätte, und auf unserer Seite entsteht manchmal offenbar der Druck, diesen Erwartungshaltungen zu entsprechen.

Vor ein paar Jahren hätte ich beim Betrachten eines analogen 35mm-Negativs vielleicht nicht gesehen, dass es selbst dort, wo es scharf sein sollte, eigentlich nicht ganz scharf ist. Die Schärfe der digitalen Bilder ist nicht zu erreichen. Nur will man diese immer erreichen? Was, wenn nicht?

Es tut gut, sich weiterhin solche Fragen stellen zu dürfen, oder anders gesagt frage ich mich, ob es bald noch erwünscht sein wird, sich so eine Frage überhaupt noch zu stellen.

Das Medium Film mag zwar alt sein, aber das heißt nicht, dass wir die damit verbundenen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft hätten, und es soll vor allem nicht bedeuten, dass der analoge Film und unsere Methoden und Überlegungen rund um diesen durch die Digitalisierung abgeschafft werden dürfen.

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Veröffentlicht am 11. April 2017
Foto und Bearbeitung © Cinema Next