Jola Wieczorek| BKA Startstipendiatin 2015
Porträts

Jola Wieczorek| BKA Startstipendiatin 2015

November 2015

“… und dann muss mich das Thema schlaflos machen.”

 

Jola Wieczorek (Jg. 1983), in Polen geboren und in Bad Ischl aufgewachsen, absolvierte den Master-Studiengang DocNomads und arbeitet an ihrem ersten langen Dokumentarfilm. Sie ist eine der fünf StartstipendiatInnen 2015 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im November 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

Nein, einen Film über den Kilimandscharo würde sie nicht machen können, sagt Jola Wieczorek. Das Thema ihrer Filme muss etwas mit ihr selbst zu tun haben, mit ihrem eigenen Leben, mit ihrer Sicht auf die Welt. Man könnte zwar vielleicht auch einen spannenden Aspekt am Kilimandscharo finden, „aber grundsätzlich muss ich einen persönlichen Zugang haben und dann muss mich das Thema schlaflos machen,“ sagt die Regisseurin.

Und was hat das Mittelmeer mit einer in Österreich aufgewachsenen Polin, mit einer in Polen geborenen Österreicherin, mit einer Nomadin, die zurzeit in Barcelona lebt, zu tun? Was verursacht die schlaflosen Nächte, während denen der Film vor dem geistigen Auge Gestalt annimmt?

Wahrscheinlich das schlichte Faktum, dass Wasser fließt. Dass das Wasser ein genauso verbindendes wie trennendes Element ist. Und dass Jola Wieczorek selbst ein Leben führt, dessen durchgängiges Merkmal das Dahinziehen ist.

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Jola beim Dreh zum Kurzdokumentarfilm Época baixa, entstanden im Rahmen des Filmstudiengangs DocNomads.

Tatsache ist, in ihrem aktuellen (und ersten langen) Dokumentarfilmprojekt beschäftigt sich Jola Wieczorek mit dem Mittelmeer: „Bei diesem Film geht es um Grenzen und wie Grenzen aufgebaut und überschritten werden und, auf dem Meer, wo alles flüssig ist, auch wieder fallen. Eine Zeitlang hatte ich den Gedanken, dass es in der Grundthematik um die Suche nach Heimat geht. Aber nein, eigentlich geht es um Grenzen.“

Gesellschaft en miniature

Stories from the Sea, so der Projektitel, befindet sich in der Recherchephase, in der die Regisseurin sammelt, liest und Menschen, die auf See leben und arbeiten, beobachtet. Im Dezember bspw. wird sie zwei Wochen lang auf einem Frachtschiff leben, als einzige Frau bei einer 25-Männer zählenden Besatzung. Und mag die Besatzung auf diesen Schiffen international sein, bunt zusammengewürfelt ist sie nicht: im Maschinenraum sei eine dünklere Hautfarbe vorherrschend, meistens arbeiteten dort Inder und Philippinos, sagt Jola. Das Kommandodeck ist weiß. Anders gesagt: ein Frachtschiff ist kein Multikulti-Ball.

„Es ist eine Miniatur unserer Gesellschaft, die sich dort versammelt. Und ich möchte erkunden, wie diese Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Sprachen und Religionen auf einem Meer, das drei Kontinente und drei Religionen verbindet, zusammenarbeiten. Gibt es Freundschaften, Konflikte oder haben die nichts miteinander zu tun?“

Das Frachtschiff wird ein Schauplatz des an die Irrfahrten des Odysseus angelehnten Films sein. Ein weiterer ist ein Kreuzfahrtschiff, das das Mittelmeer als Touristendestination zeigt und auf dem Jola Wieczorek einen Hauch von Multikulti-Schlüpfrigkeit vermutet: „Auf den Kreuzfahrtschiffen gibt es eine Crewbar, wo alle zusammenkommen am Abend. Wenn dann getrunken wird, dann tanzt schon mal der indische Klempner mit der russischen Balletttänzerin oder man schmust mit jemandem vom philippinischen Reinigungspersonal, obwohl man die am Tag ignoriert”, sagt Jola.

Der dritte Schauplatz, ein Flüchtlingsrettungsboot, zeigt das Mittelmeer als Element der Trennung, als Fluchtweg, als Symbol für die fatale Ideenlosigkeit europäischer Politik. Und das ist alles andere als ein Fest der Völkerverbindung.

Where you coming from?

Die Frage nach Heimat wird bei Menschen virulent, die aus dem Land, in dem sie geboren sind, wegziehen (und, wenn auch unter anderen Vorzeichen und mit anderen Auswirkungen, bei jenen Menschen, die ihr Leben lang am gleichen Ort wohnen und Angst haben, dass sich dort etwas verändern könnte).

Jola Wieczorek wurde in Polen geboren und ist als Kind mit ihren Eltern nach Österreich gezogen, wo sich die Familie nach ein paar Zwischenstationen schließlich in Bad Ischl niedergelassen hat. Seit sie im Alter von 18 Jahren von zu Hause weggezogen ist, hat sich Jola nicht mehr länger als fünf Jahre  in einer Stadt aufgehalten. Am längsten war sie in Zürich. Daher rührt der feine Schweizer Akzent in ihrer Sprache. “Atelier” sagt Jola mit Betonung auf den ersten Vokal.

In Zürich hat sie unter anderem in einem Castingbüro gearbeitet und nach Zürich kehrt sie heute noch zurück, wenn sie einen gut bezahlten Job braucht, von dem sie in Barcelona einige Monate leben kann. Mit der Frage nach ihrer Identität geht sie mittlerweile lockerer um, das belastende Gefühl der Einsamkeit einer Heimatlosen hat Jola Wieczorek im sentimental schönen Filmessay List do Polski (2014, 9 min) verarbeitet. Sie war zu dieser Zeit in Brüssel, es war eine Station ihres zweijährigen Master-Studiengangs mit dem bezeichnenden Namen DocNomads. In Brüssel haben sie die vielen polnischen Geschäfte und die polnische Sprache, die sie in der Öffentlichkeit gehört hat, an ihre Herkunft erinnert. Und auch das Wetter habe ihre Stimmung getrübt, so dass List do Polski schwermütiger ist, als sie ihn heute machen würde.

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„Wie bist du? Wie lebst du? Wer bist du? Zu wem hat dich die Stadt, in der du lebst, gemacht?“, schreibt Jola Wieczorek in List to Polski einen filmischen Brief an ihr polnisches Alter Ego.

„Ich hab’s immer gehasst auf Reisen, in Indien zum Beispiel, wenn man ständig where you from, where you coming from? hört. Ich hab mich dann immer durchgeschummelt, heute Österreich und morgen Polen gesagt. Dann hab ich den Film gemacht und für mich ist das Thema jetzt auch abgeschlossen. Es war eine Katharsis, ich geh jetzt spielerischer damit um. Ich versuch da kein Drama mehr zu machen. Eine Zeitlang war’s für mich dramatisch, ich fand das fast ein bisschen beklemmend und hatte Panik, dass ich mich ganz verliere. Aber mittlerweile hat sich das gelöst und ich denke schon, dass der Film einiges dazu beigetragen hat.“

“Ich warte nicht, bis etwas passiert“

Bereits an List do Polski ist merklich, dass sich Jola Wieczorek aufgrund der Vielschichtigkeit des Mediums für Film als Ausdrucksform entschieden hat. In ihrem Abschlussfilm, der während eines Aufenthalts in Lissabon (ebenfalls eine Station der DocNomads) entstanden ist, ist unverkennbar, dass die Regisseurin alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, um die Nicht-Linearität des Lebens zu zeigen, darzustellen, dass sich die Existenz durch überlagerte Erinnerungsschichten formt; Schichten, die sich auch ganz handfest in Objekten manifestieren können.

Der gezielte Blick für Gegenstände liege an ihrem Nomadentum und „dass ich nicht wirklich einen Ort habe, den ich als meinen Ursprung oder meine Heimat bezeichnen kann. Vielleicht hänge ich deshalb sehr an Objekten und Gegenständen, die an Orte gekoppelt sind.“

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Dreharbeiten am Flohmarkt zu O que resta, der heuer im Kurzfilmwettbewerb in Locarno lief.

O que resta (What remains) (2015, 39 min) wurde in einem großen Haus gedreht, aus dem – unter dem neugierigen Blick einer alten Nachbarin – das antiquierte Mobiliar und der Perserteppich, Porzellantiere und afrikanische Statuetten, eine alte Schreibmaschine und das Bügelbrett getragen werden, bis das Haus ganz leer ist. Währenddessen hört man aus dem Off Briefe, die in der Imagination des Betrachters das Bild einer portugiesischen Familie im 20. Jahrhundert entstehen lassen. Nicht dass es genauso gewesen wäre, nicht dass genau diese Familie in diesem Haus gewohnt hätte, der Film ist verdichtete Realität, eine Annahme, wie es gewesen sein könnte.

„Natürlich“, sagt Jola Wieczorek, als sei alles andere abwegig (was es für sie vermutlich auch ist), „bin ich keine Regisseurin, die sich hinstellt und wartet, bis etwas passiert. Ich mag es gern, verschiedene Ebenen aus der Realität zu nehmen und dann zu einem Paket zusammen zu schweißen, ein Paket, das funktioniert und das man aus verschiedenen Strängen zieht. Man lebt ja nicht nur auf einer Ebene, sondern ständig passiert ganz viel, außen, innen, gedanklich, Zufälle. Man versucht, verschiedenste Blickwinkel des Lebens zu zeigen und in einem Film zu reflektieren.“

„Mit dem Mittelmeer wird das auch so sein, ich möchte nicht nur eine Facette zeigen, nicht nur die der Flüchtlinge, ich möchte zeigen, wie das Mittelmeer auf unterschiedliche Arten gesehen und gelebt wird. Als Urlaubsdestination, als Arbeitsort, als Sehnsuchtsort, die verschiedensten Blickwinkel auf ein und dasselbe Wasser. Das mag ich am Kino, dass man so vieles miteinander verbinden kann.“

von Anna Katharina Laggner, November 2015
(Portraitbild oben von Natascha Unkart)

Jola Wieczorek bei sixpackfilm