Ari Yehudit Richter| BKA Startstipendiatin 2015
Talents to Watch

Ari Yehudit Richter| BKA Startstipendiatin 2015

November 2015

Auf der Suche nach den Rissen.

Ari Yehudit Richter (Jg. 1984) aus Wien studierte Philosophie und arbeitet an ihrem Dokumentarfilmdebüt. Sie ist eine der fünf StartstipendiatInnen 2015 der Filmabteilung der BKA-Kunstsektion, die wir im November 2015 als unsere Talents to Watch vorstellen.

“Ich habe mich schon immer für die Risse interessiert”, erklärt Ari Yehudit Richter, für die Risse in der Gesellschaft und in einzelnen Menschen. „Am liebsten will ich immer gleich reinstechen, aufmachen und nachschauen“, fährt sie, deren Eltern aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach Österreich flohen, fort. “An den Rissen zeigt sich das Menschliche. Mich interessiert die Unteilbarkeit von Erfahrung. Dieser Abgrund zwischen den Worten, die etwas beschreiben, und dem Geschehenen, für das es oft kein einziges Wort gibt.”

Vielleicht ist Ari Y. Richter genau deshalb beim Film gelandet: weil hier die Bilder eine gesprochene Sprache ersetzen können. Mit ihrem aktuellen Dokumentarfilmprojekt möchte sie jedenfalls genau das ausloten. Ihr Mädchen seid wie die Gärten thematisiert sexuelle Belästigung und Gewalt an Frauen*.

Es wird dies die erste große Regiearbeit von Ari Y. Richter sein. Dennoch steht sie der bevorstehenden Aufgabe mit sehr viel Ruhe, aber auch Willen zur Präzision gegenüber. Obwohl die Jury des Startstipendiums von ihrem Konzept so begeistert war, dass sie sie gleich einen Schritt weiter zur Herstellungsförderung schicken wollte, ist es Ari Y. Richter wichtiger, selbst von ihren Ideen überzeugt zu sein und das Bestmögliche aus ihnen herauszuholen. Das Konzept zu Ihr Mädchen seid wie die Gärten hat sie deshalb bereits einer radikalen Bearbeitung unterzogen. Und der Film ist nur eines der zahlreichen Projekte, die sie momentan beschäftigen.

Märchenstunde

Schon in der Volksschule hat Ari Y. Richter allen in ihr Stammbuch geschrieben, dass sie Schriftstellerin oder Regisseurin werden möchte. Obwohl sie als Kind das Wort “Regisseurin” noch nicht einmal richtig schreiben kann. Sie liest viel und am liebsten holt sie sich neue Geschichten für zehn Schilling aus den Ferry Ebert Märchenautomaten, die damals an jeder Ecke stehen. Zu Hause setzt sie sich hin und erfindet neue Märchen dazu. Einige dieser ersten Schreibversuche schickt sie an Ferry Ebert zurück. Er veröffentlicht ihre Erzählungen in einem Sammelband von Kindergeschichten.

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Das Cover des Buches, in dem zwei Geschichten von Ari Y. Richter veröffentlicht wurden, als sie 9 Jahre alt war. Die Geschichten habe sie allerdings schon im Alter von 6 geschrieben.

Fragen zu stellen, Impulsen zu folgen und der eigenen Neugierde nachzugehen bleibt Ari Y. Richters Antriebsmotor. Nach der Schule studiert sie Philosophie zuerst in Wien und dann zweieinhalb Jahre in Lissabon, bevor sie für eine Dissertationsstelle („unglücklich, weil Lissabon verlassend, aber vernünftig“) nach Wien zurückkehrt. Sie spielt Schlagzeug und Bass in diversen Bands, nimmt unterschiedliche Jobs am Theater an und schreibt zwei Theaterstücke, die jedoch nie aufgeführt werden. Auch für’s Fernsehen arbeitet Ari Y. Richter in dieser Zeit. „Und dabei hatte ich selbst seit mehr als zehn Jahren keinen Fernseher mehr“, erzählt sie amüsiert. Regie-Assistentin, Ausstatterin und Kamera-Assistentin, für Starmania, die Werbung und eine Tiersendung stehen aus dieser Zeit in ihrem Resumee.

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Mit 18 Regie für ihr erstes Musikvideo (an der Kamera Kurt Prinz). Das Video ist heute „unauffindbar“, sagt Ari Y. Richter, „dabei hätte es ein sehr lustiges Making-Of gegeben, mit der Internationalen und der Begründung, warum ich nicht maturiert habe. 1 Jahr später war ich dann schon am Institut für Philosophie inskribiert.“ Unten: Auszug aus ihrem Storyboard für das Video.

Suksessive beginnt sich die Faszination für die Arbeit mit der Kamera durchzusetzen. Und bald ist sie selbst Kamerafrau für kleinere Kulturprogramme im ORF und im Bayrischen Rundfunk. Die visuelle Ebene als Ausdruckmittel beginnt Ari Y. Richter jedoch erst während ihrer Zeit in Portugal so richtig zu begreifen:

“Beim Fernsehen haben mir die Kameraleute, die sehr nett waren, die technischen Aspekte nähergebracht, doch richtig sehen habe ich erst in meiner Zeit in Lissabon gelernt. Weil ich am Anfang kaum Portugiesisch gesprochen habe, ist mir plötzlich meine verlässlichste Waffe im Umgang mit der Welt – die Sprache – nicht mehr zur Verfügung gestanden. Erst in Lissabon wurde das Fotografieren und Filmen so substantiell wichtig für mich.”

„Die Position einer Autorin im Dokumentarfilm
ist nicht immer einfach.“

Seit letztem Jahr ist Ari Y. Richter für die österreichische Produktionsfirma Soleil Film tätig (die wir im Juni bereits als Talents to Watch) vorgestellt haben). Zuerst ist sie auch dort für Kamera und Schnitt zuständig, übernimmt aber in kürzester Zeit die dramaturgische Entwicklung und Beratung von Konzepten.

Unter ihrer Leitung ist so 2014 das Konzept für den Dokumentarfilm In The Arms Of Occupation entstanden, ein Dokumentarfilm über einen israelischen Palästinenser, dessen politische und sozialkritische Songtexte über das Leben im Nahen Osten ihm nicht nur Fans, sondern auch Gefängnisaufenthalte gebracht haben.

„Diese Position einer Autorin, gerade im Dokumentarfilm, ist nicht immer einfach, weil die Arbeit oft unsichtbar bleibt. Zum Schluss ist es dann nur der Regisseur, der als Macher des Films da steht, obwohl man selbst auch viel Energie und Ideen reingesteckt hat“, erzählt Ari Y. Richter von ihrem Entschluss, erstmals Regie bei einem Langfilmprojekt zu führen.

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Ari Y. Richter als Co-Autorin und Regie-Assistentin von The Conference im Juni 2015 in Bonn bei den Zwischenverhandlungen zur Klimakonferenz. Unten: gemeinsam mit Filip Malinowski beim Recherchedreh mit der Generalsekretärin der UNFCCC, Christina Figueres.

Sie kämpft strikt für ihre Credits und beim aktuellen Projekt, bei dem sie ebenfalls als Co-Autorin mitarbeitet, läuft es ganz gut. The Conference heißt dieses ehrgeizige Dokumentarfilmprojekt von Soleil-Film-Gründer Filip Malinowski: bei der Klimakonferenz in Paris im Dezember werden VertreterInnen aller Länder und ExpertInnen unterschiedlicher Disziplinen aufeinandertreffen, um ein letztes Mal zu versuchen, die schlimmsten Auswirkungen des bevorstehenden Klimawandels zu verhindern. Filip Malinowski, Ari Y. Richter und mehrere Kamera- und Tonleute begleiten diesen Kampf aus Ideologien und Ideen drei Wochen lang, um danach die Dringlichkeit der Klimasituation in die Kinos zu bringen.

„Ich will nicht die Unsichtbarkeit der Frauen* reproduzieren.“

Durch ihre Arbeit bei Soleil Film hat Ari Y. Richter die Scheu davor verloren, das erste Langfilmprojekt anzugehen. In der Konzepteinreichung von Ihr Mädchen seid wie die Gärten – der Titel stammt aus einem Gedicht von Rilke – heißt es: „Drei Viertel aller Frauen in Österreich im Alter zwischen 12 und 30 Jahren sind sexueller Belästigung und Gewalt zumindest ein Mal in ihrem Leben ausgesetzt. Von diesen Übergriffen werden weniger als 2% zur Anzeige gebracht und weniger als 1% der vor Gericht zitierten Täter erhalten eine bedingte Freiheitsstrafe. Damit bleiben 99% der Straftäter unbescholten. Weshalb werden die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen, nicht von den Betroffenen, nicht von der Justiz?“

„Zunächst dachte ich daran, die Frauen* mit Schminke zu anonymisieren. Doch ich will nicht ihre Unsichtbarkeit reproduzieren. Die Gründe, keine Anzeige zu erstatten, sind bei näherer Betrachtung legitim und nachvollziehbar. Diese Frauen* sind nicht ‘schwach’, im Gegenteil. Das Rechtssystem ist zu schwach, um sie effektiv zu schützen oder aufzufangen”, ist Ari Y. Richter mittlerweile überzeugt. Und gesteht, dass das Drehbuchschreiben manchmal eher langsam voran geht. Immer wieder muss sie Abstand nehmen von der Thematik und darauf achten, sich nicht zu sehr deprimieren zu lassen: “Oft packt mich einfach eine unbändige Wut. Dann muss ich mich zurücknehmen und wieder Ruhe einkehren lassen, denn im Film sollen die Fakten und Geschichten für sich sprechen.”

Eine visuelle Umsetzung für Ihr Mädchen seid wie die Gärten zu finden, ist derzeit Ari Y. Richters größte Herausforderung. An Talking Heads und ExpertInnen-Meinungen hat sie jedenfalls kein Interesse. „Es geht um die Frauen*, nicht als Opfer, sondern als Bewältigerinnen* von gesellschaftlichen Strukturen. Nichts anderes will ich mit meinem Film sichtbar machen.“

„Manchmal übernimmt ein Projekt das ganze Leben.“

Ari Y. Richter, die Erzählerin, verbreitet ihre Geschichten weiterhin über alle möglichen Kanäle: „Für jede Geschichte muss eine eigene, passende Form gefunden werden. Das muss nicht immer Film sein.“ Vor kurzem hat sie das Hörspiel-Label Knallfunken Radio Source mitgegründet: „Klang, Sprache, Raum – Wir bewegen uns zwischen der Narration von Musik und der Musikalität des gesprochenen Wortes, pendeln inmitten der Geräusche der Welt und dem lokalem Dialekt”, heißt es in ihrem Mission Statement. Und als studierte Philosophin beschäftigt sie sich mit den Fragen der Welt weiterhin auf wissenschaftlicher Ebene und will ihre Dissertation über Trauma und Film an der Universität der Künste in Berlin absolvieren: „Aufgrund meiner Filmprojekte aber konnte ich die letzten 15 Monate keine Zeile daran schreiben.“

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Ari Y. Richter beim Pitch am East European Forum in Prag vergangenen Februar.

Bei so viel Plänen und Projekten müsste man sich um die Zukunft von Ari Y. Richter also gar keine Sorgen machen. “Ich mach mir schon Sorgen, vor allem um das Finanzielle. In der Selbständigkeit, ist alles sehr selbstausbeuterisch. Manchmal übernimmt ein Projekt das ganze Leben. Ich lebe so, weil ich mir schlichtweg nicht vorstellen kann irgendetwas anderes zu tun, aber unterm Strich bleibt trotzdem die Sorge um die nächste Miete.”

Allzu lange lässt sie sich von diesem Gedanken jedoch nicht deprimieren: “Vor kurzem hat mir ein Freund erzählt, dass er seine wissenschaftliche Karriere an den Nagel gehängt hat, um von nun an nur noch zu malen und Klaviere zu reparieren. Das ist wahrscheinlich das Schönste, das ich im ganzen Jahr gehört habe. Sich aus diesem Karriere- und Expansionsdasein zu befreien und etwas ‚Echtes‘ zu machen. Das wünsche ich mir auch für mich: die Ruhe zu haben, Filme zu machen, die diese unsere Welt untersuchen und ein Fragment unseres Daseins einfangen. Ein wahrscheinlich gleichermaßen bescheidener wie sehr hoch gesteckter Wunsch.“

Frauen* = genderqueer inklusive

 von Dominique Gromes, November 2015
Portraitbild oben von Natascha Unkart